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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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28.10.05

Tobias Kaufmann

Die achte Babykolumne:
Auf Tournee

Die kleine Vorsitzende lässt sich gerne feiern. Besonders, wenn wir wieder einmal auf Familientournee durch die Haushalte von Jaels Großeltern sind. Sie hat drei Paar davon, eins mehr als gewöhnlich, dank der Scheidung meiner Eltern in den achtziger Jahren.

Erster Stopp: Braunschweig. Bis zur Ankunft eine halbe Stunde Geplärre und Getobe gegen die bohrende Langeweile. »Mama kuscheln« wurde immer wieder gefordert, was natürlich nicht geht, denn Mama fährt Auto. Eine Million mal mussten wir uns die CD mit Kinderliedern anhören, die es zu den Moltex-Windeln kostenlos dazubekam. »Backe, backe Kuchen« immer wieder, immer wieder. Doch jetzt, kaum guckt Oma Ingrid durchs Autofenster, ist das alles wie weggeblasen. Das Lächeln sitzt. Winkewinke! Plappernd erklimmt unsere Tochter die Stufen bis in den dritten Stock. Dort sofort ein bisschen Pitsche-Patsche-Spielen an Oma Ingrids Zimmerspringbrunnen. Oma rutscht auf Knien hinter der kleinen Vorsitzenden her, um Fotos zu schießen. Jael legt den Kopf schief, streckt die Hand zu Opa Klaus aus und sagt: »Komm mit! Spielen!« Begeistertes Auflachen, mein Mädchen grinst. »Das war leicht«, scheint dieser Blick zu sagen.

Zweiter Stopp: Rosdorf bei Göttingen. Die kleine Vorsitzende ist in Stänkerlaune, als wir auf den Hof rollen. Eben hat sie den unverzichtbaren Schnuller unter den Fahrersitz gepfeffert und mich sofort ultimativ zur Wiederbeschaffung aufgefordert. Doch kaum sind wir auf den Hof gerollt, ist Bombenstimmung angesagt. Das Lächeln sitzt. Winkewinke! Auch Jaels kleiner Cousin ist bei Oma Uta und Opa Rolf zu Besuch. Völlig unerwartet kümmert sich unsere Tochter rührend um Carl. Sie streichelt ihn, bringt ihm ein Kuscheltuch und ruft Oma mit ihrer glockenhellen Stimme immer wieder zu: »Schau mal: Baby!« Die Schar Erwachsener ist bereits dahingeschmolzen, aber ein echter Profi weiß, bei welchem Publikum noch mehr geht. »Carl weint«, sagt die kleine Vorsitzende mit vor Mitleid ersterbender Stimme, als das Baby Hunger hat. Für Jael fällt ein Schokobon ab.

Dritter Stopp: Salzgitter-Bad. Die Heldin ist müde. Die ständigen Ortswechsel, das Schlafen in fremden Betten, immer Brötchen zum Frühstück... Die kleine Vorsitzende will am liebsten im Wagen sitzen bleiben. Oder auf meinem Arm. Doch kaum wird sie die Gruppe schwatzender alter Damen vor der Kirche gewahr, erwacht ihr Kämpferherz. Das Lächeln sitzt. Winkewinke! In der Gemeinde von Opa Alfred hoppst die kleine Vorsitzende durch den Saal, vorbei an der Legion verzückter alter Damen, um dann auf Oma Marion zu zeigen und zu rufen: »Meine Marion!« Die Damen kichern beseelt. Manche wischen sich mit geblümten Taschentüchern Tränen der Rührung aus den Augen. Auch diese Familientournee war wieder einmal ausverkauft. Und auch diesmal, wie jedesmal, wenn wir unsere kleine Rampensau endlich von der Bühne holen und im Auto verstauen, hinterlässt sie eine Spur aus gebrochenen Herzen.

Ihren Fans bleibt das Schmachten. Uns bleibt, die Folgen der Tournee aufzufangen. Denn zu Hause wird Jael in das berühmte Loch stürzen, das jeder Künstler kennt: Alltag. Schwarzer, stummer, depressiver Alltag ohne die Droge Applaus. Doch zuvor, auf der Rückfahrt, fällt die kleine Vorsitzende in einen tiefen Schlaf. Sie lächelt. Wahrscheinlich träumt sie von begeisterten älteren Damen, die mit Taschentüchern winken – meine Tochter lebt in der Welt von Udo Jürgens.

»Babykolumnen« von Tobias Kaufmann:

  1. Bob der Bär
  2. Guten Morgen Deutschland
  3. Nagenakknakk dejööööh rkjnok
  4. Häusliche Gewalt
  5. Chrissodaum
  6. Toooor!
  7. Selba!
  8. Auf Tournee
  9. Mein fremdes Kind
  10. Enthüllungen über Folterpapa
  11. Köff, Köff!
  12. Papa allein zu Haus
  13. Mussa nicha weinen!
  14. Gott und die Beinchen
  15. Passende Paprika
  16. Hesus von Köln
  17. Staatsbesuch
  18. Alles für die Forschung
  19. Ein Pferd für die Königin

Ab hier nennen wir es »Kolumnen mit der Kleinen Vorsitzenden« von Tobias Kaufmann:

  1. Mama sieht nicht schön aus
  2. Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens. Fragt sich nur, für wen.

Solche Kolumnen sind auch in Tobias Kaufmanns Buch »Die kleine Chefin. Ein Trostbuch für versklavte Eltern«, wunderbar illustriert von Meike Juhl, erschienen – im Eichborn-Verlag, einfach beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder im Internet bestellen, zum Beispiel bei amazon bestellen. Das Geschenk für werdende und junge Eltern!

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1976, auf den Tag genau zwei Jahre bevor der 1.FC Köln durch ein 2:1 über die Düsseldorfer Fortuna Deutscher Pokalsieger wird, trennt sich Tobias in einem Leverkusener OP verfrüht vom verkalkten Mutterkuchen und brütet lieber noch eine Weile in einem dafür vorgesehen Kasten vor sich hin. Er [..]

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