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27.06.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Die Schreckensnacht der Schnecken
(Briefe aus Palma, I)

Ein Touristenpaar trifft um achtzehn Uhr ein. Eine Stunde darauf kommen die ersten Mitwirkenden und bringen Tische und Stühle. Kurz vor acht lassen sich verschiedene Dorfbewohner sehen und bauen mit geübten Handgriffen Marktstände und ein Podium auf. Um einundzwanzig Uhr öffnen sich die Kirchentüren, und eine Hundertschaft älterer Herrschaften schwärmt aus der Abendmesse auf den Marktplatz. Gegen zehn treffen Honoratioren ein und palavern. Um zweiundzwanzig Uhr dreißig werden große Pfannen und Schalen auf gewaltige Gasbrenner gestellt. Würziger Duft breitet sich aus. Eine Stunde vor Mitternacht stürzen sich alle Besucher völlig ausgehungert auf die Stände mit den Schneckengerichten. Willkommen bei der jährlichen Fira de Caracoles, dem Ende Mai gefeierten Schneckenfest in dem mallorquinischen Bauerndorf San Jordi.

Weit nach Mitternacht ist die Schreckensnacht der Schnecken vorüber. Zehntausende Kriechtiere mussten ihr Leben lassen. Hunderte Dörfler sind satt und zufrieden. So wird der Tod des einen zur Freude des anderen.

Sind Schnecken essbar? Diese schleimigen und glitschigen Gesellen, die sich ständig mit ihrem Haus abschleppen, wirken auf den ersten Blick wenig appetitlich. Doch wer im erwachenden Sommer die Schneckenmesse in San Jordi besucht, der erweitert spätestens von diesem denkwürdigen Tag an seinen Speiseplan erheblich. Denn Schnecken werden auf vielerlei Weise zubereitet, und sie schmecken ausgezeichnet.

Gewaschen, im eigenen Sud gekocht und fachgerecht zubereitet, sind die Häuslebauer sauber und werden in ihren eigenen Gebäuden gereicht. Dazu gibt es einen Schlag Allioli, eine mit reichlich Knoblauch angemachte Majonäse und eine Scheibe dunkles Brot, um den Sud aufzunehmen. Mit einem Zahnstocher als Besteck bewaffnet, geht es den Kameraden an den Hals. Die eine Hand hält das Schneckenhaus fest, die andere Hand führt den Zahnstocher in die Wohnburg und spießt den jeweiligen Bewohner auf. Mit etwas Übung und geringem Krafteinsatz läßt sich die Schnecke nun vollständig aus ihrer Höhle ziehen. Eingetaucht in die weiße Knoblauchpaste wird sie zum Mund geführt und genüßlich verspeist. Die Restflüssigkeit aus dem Schneckenhaus kippt der Kenner dem Bissen hinterher.

Seien es eine safrangelbe Schnecken-Paella oder Caracoles pur; seien es Schnecken in Miesmuscheln, auf halbierten gekochten Kartoffeln, in Hackbraten, Truthahnpastete oder Schneckenpudding mit Rote-Beete-Saft als süßes Dessert, der Rezepte sind viele. Das Schneckenfest besteht zum einen aus einem Wettbewerb der Rezepte, Präsentationen und Geschmacksrichtungen. Dazu treten acht wichtig wirkende Experten zusammen, die sich durch knapp zwanzig Schneckengerichte schlemmen dürfen. Alle schauen zu, bis die offiziellen Esser endlich mit dem Prüfgericht beginnen, der Magen des einen oder anderen Zuschauers knurrt dazu heftig. Dann beginnt der wichtigste Teil des Abends: das große gemeinschaftliche Fressen.

Wie auf ein geheimes Zeichen bieten lokale Köche und Köchinnen große Portionen Schnecken zu einem bescheidenen Preis an, die von den mehrheitlich ortsansässigen Besuchern mit Begeisterung abgenommen werden. Heimische Rotweine und erfrischende Sangria fließen in dieser Schneckennacht in Strömen. Manche Gäste nehmen gleich drei, vier Teller auf einmal ab, um sich an den Leckerbissen zu laben. Viele lassen sich auch noch einen Teller mit einem anderen Leibgericht der Mallorquiner, den Fritos, servieren. Fritos sind ein Ragout aus Innereien, das auf die bäuerliche Tradition der Insulaner verweist. Schon stehen einige von denen, die eben mit mehreren Tellern an die langen Stehtische traten, wieder in der Schlange der Hungrigen und nehmen noch einen Nachschlag. Alle schlingen fröhlich Schnecken.

Die ortsansässigen Händler laufen in ihre nahe gelegenen Wohnhäuser, um Nachschub in Schüsseln und Töpfen zu holen. Sie sind bestens vorbereitet. Jeder kann in dieser mondhellen Sommernacht so viele Schnecken schlemmen, wie er will. Und es besteht zusätzlich noch die Möglichkeit, Schnecken als Kiloware mit nach Hause zu nehmen, denn die Zubereitung ist aufwendig und das Aufwärmen ein Kinderspiel. Auch davon wird reichlich Gebrauch gemacht. Ist diese Nacht für zehntausend Schnecken eine Schreckensnacht, so kommen die Schneckenfresser beim Schneckenfest voll auf ihre Kosten.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, Westermanns Monatshefte, Memo, Feinschmecker und New Yorker. Langjährige Tätigkeit als Verleger und im [..]

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