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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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17.10.08

Christoph Wesemann

Einkaufen ist jetzt Männersache

Ich habe Angst um meine Frau. Irgendwann, wahrscheinlich schon recht bald, werde ich sie nicht mehr wieder erkennen können. Sie wird anders aussehen – und ich vermute: nicht zu ihrem Vorteil. Was soll bloß werden, mein Gott? Wir haben anders geplant. Wir haben die Zeit bis zur Rente schon mal mehr als grob besprochen. Wir haben die Wohnung zusammen eingerichtet. Wir haben gemeinsame Lottozahlen, wir sind also aneinander gekettet. Unsere Klamotten sind so aufeinander abgestimmt, dass sich ihre und meine Farben nie beißen. Und wir haben einen Sohn.

Ein Freund hat mir zum Geburtstag drei Abzüge der »Allgemeinen deutschen Encyklopädie« von 1835 geschenkt, eines Lexikons »für die gebildeten Stände«, wie es im Untertitel heißt. Er hatte mir aus dem achten Band das Stichwort Odessa kopiert. Das »weibliche Geschlecht« in der Stadt sei »im Durchschnitt sehr hässlich, schmutzig und faul«, steht dort. Ich kann keinen der drei Punkte bestätigen. Diese Aussage ist überholt! Dass ein solches Werk überhaupt noch im Umlauf ist und offenbar ohne großes Risiko legal beschafft werden kann, dass also diese Sammlung von Gemeinheiten nicht längst verboten wurde, ist ein Skandal! Weiter heißt es, auffallend sei »das frühzeitige Abwelken der Weiber«, das auch »von dem Genusse grober Nahrung und häufigen Branntweins herrühren mag«. Bislang habe ich bei meiner Frau nichts bemerkt. Nach wie vor ist sie hübsch. Sie hält sich mit dem Alkohol zurück. Sie ist wie früher. Sie isst wie früher. Ich werde trotzdem in Zukunft häufiger den Einkauf machen. Sicher ist sicher.

Ich kenne nämlich Priwos, den Riesenmarkt in der Nähe des Bahnhofs. Dort gibt es alles: so ziemlich jeden Fisch aus dem Schwarzen Meer, natürlich Kaviar, Berge von Obst und Gemüse, Schuhe, Kleider, Saatgut, Spielzeug, Krempel jeder Art – und besonders viel grobe Nahrung. Das Fleisch wird auf einem überdachten Platz, groß wie eine Turnhalle, verkauft. Frauen in geblümten Kittelschürzen hacken unaufhörlich Kotelett, und sie stehen, soweit ich das beurteilen kann, größtenteils nicht mehr in der Blüte ihres Lebens. Das Angebot ist verführerisch, die Preise sind Verhandlungssache. Und meine Frau ist eine weltweit gefürchtete Preisdrückerin. Ich will aber nicht, dass sie abwelkt. Doch wenn es geschieht und sie mich fragt, ob sie sich verändert habe, werde ich antworten, wie es nur ein echter Mann kann: »So ein Quatsch, mein Schatz.«

Um mich mache ich mir keine Sorgen. Männliche Odessiten seien »ein kräftiger, wohlgebildeter Menschenschlag«, steht im Lexikon. Bei mir kann es nur aufwärts gehen. So lange mir niemand eine Enzyklopädie zeigt, die mich warnt, werde ich das Leben genießen.

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Christoph Wesemann

Jahrgang 1978, lebt seit Juni 2008 als freier Journalist in Odessa, Ukraine, und hofft aus ästhetischen Gründen, von Vergiftungen verschont zu bleiben, obwohl sich ein Anschlag – siehe Staatspräsident Wiktor Juschtschenko – gut für die Biografie machen würde. Geboren (und [..]

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