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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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07.03.03

Philipp Seidel

Von den Büttenreden

So verändern sich die Dinge. Noch vor einem Jahrzehnt konnte man schöne alte Sachen finden, wenn man auf dem Speicher stöberte. Heute findet man alte Sachen, wenn man im Speicher sucht.

Zum Beispiel alte Texte. Dies ist ein sehr alter, der zufällig gerade in die Faschingszeit paßt. Die Lektüre könnte außerdem interessant sein für die von ganz Deutschland fieberhaft gesuchten Superstars. Seht, junge Talente, am Ende des Artikels taucht der Name Karim auf. Und, Superstars, wißt Ihr, wer das ist? Kein Mensch weiß mehr, wer Karim ist. (Danke für den Beitrag. Es ist nicht die Gattin des bayerischen Ministerpräsidenten.) Karim war einer der zahllosen Bewohner des Big-Brother-Heims. Seine einzige Funktion heute ist die Untermauerung der Theorie, daß nach den großen 15 Minuten Ruhmes wirklich schnell Schluß ist.

Doch hier nun der Beitrag, den ich mit Roger Moore unter sengender Mittsommernachtssonne an der Schleusenanlage von Brunsbüttel geschrieben habe, als wir beide eine schwere Schaffenskrise hatten.


In jedem siebten Ei steckt abwechselnd ein kleiner Schlumpf oder ein glückliches Nilpferd. In jedem siebten Büro steckt abwechselnd ein armes Würstchen oder ein unglücklicher Maulesel. Schlümpfe und Nilpferde fragen sich: "Warum ist es hier so dunkel?"; Würstchen und Maulesel fragen sich: "Wofür habe ich eigentlich studiert?"

"Ich kann", klagen Würstchen und Maulesel, "Schillers Glocke im Schlaf aufsagen. Gebt mir einen Brocken Metall, und ich modelliere sie euch, daß es dem alten Schiller eine Freude wäre." So sprechen sie und grübeln weiter und kommen doch zu keiner Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Studiums.

Wie der Faschingsorden aus dem Kaugummiautomaten kommt da aber Erlösung: Man kann doch Germanistik studieren und Sprachforscher werden. Dann liest und hört man herum und stellt bald fest: Schlimm steht es um die Sprachkultur im Land. Goethe und Schiller würden sich auf dem Sockel umdrehen, wären sie nicht an den Füßen festgelötet. Oder wurden sie geschweißt? Oder in einem Stück mit dem Sockel gegossen? (Notiz: mal bei der Handwerkskammer nachfragen, wie die Herrn aufs Denkmal kommen.)

Sprachforscher – von ihnen war die Rede, bis die Dichter dazwischenfunkten – haben, sofern von ernstem Wissensdrang getrieben, studiert und können ihr Wissen benutzen wie eine Waffe. Sie hören die selbe Rede wie wir, doch sie verstehen, sie durchschauen die Texte wirklich. Eine Freiburger Sprachforscherin hat geforscht und etwas herausgefunden, das für einen guten Teil der Bevölkerung nicht völlig neu ist. Die Forscherin stellte sich auf ein umgedrehtes Eimerchen, holte tief Luft und verkündete: Büttenreden! Büttenreden haben oft nur mittelmäßige Pointen.

Ein schönes Bild, sich vorzustellen, wie jetzt in der ganzen Republik Menschen, nach zufälligem Büttenreden-Konsum noch über die Kloschüssel gebeugt, zustimmend nicken. An dieser Stelle und unabhängig vom Rest des Beitrags erheben wir die Forderung nach einem Büttenreden-Übertragungsverbot für alle öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. (Privatsender-Stammkunden können den Ton jetzt wieder lauter stellen und die blonden Nachrichten ansehen. Sie werden erfahren, dass Karim und eine Frau aus dem Big-Brother-Haus sich scheiden lassen, was fetzt und ehrlich betroffen macht.)

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Philipp Seidel

Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer Tageszeitung, außerdem Autor und Sprecher fürs Radio und diverse andere Medien. Lebt in München. Das [..]

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