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Wahnsinn frisst Alltag.
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22.11.05

Stefan Schrahe

Der Quotenmord

Jetzt also ist es passiert. Das, wovor Medienkritiker seit Jahren warnen und was im »Millionenspiel« des WDR anno 1970 noch als böse, wenngleich visionäre Satire daherkam: Um Quote zu machen, gehen Fernsehmacher über Leichen!

Als erstes Opfer musste im holländischen Leeuwarden ein armer, unschuldiger Spatz sein junges Leben lassen. Er hatte sich ausgerechnet in die Halle verirrt, aus der wenige Tage später der RTL-»Domino Day« übertragen werden sollte. 23.000 Holzsteine hatte der Vogel in seiner Ahnungslosigkeit umgeworfen – und damit den skrupellosen Fernsehmachern Anlass genug gegeben, das Todesurteil über ihn zu sprechen. Ein holländischer Jäger wurde als Vollstrecker verpflichtet, das freiheitsliebende Tier, das nach mehrstündigen Einfangversuchen laut Pressemeldung »erschöpft und verängstigt« war, kaltblütig zu erschießen.

Das einzig tröstliche und beruhigende an dieser Angelegenheit ist die Erkenntnis, dass unser öffentliches Gewissen – noch – funktioniert und Mahner frühzeitig die Stimme erhoben.

Als erstes schlug der holländische Tierschutzverband »Dierenbescherming« Alarm und schaltete die Polizei ein. Eine behördliche Genehmigung hätte beantragt werden müssen; es seien sicherlich nicht alle Möglichkeiten genutzt worden, das Tier einzufangen. Der Deutsche Tierschutzbund ermahnte Moderatorin Frauke Ludowig, mit einer entsprechenden Aussage in der Sendung »Zweifel am Image und der Einstellung von RTL gegenüber dem Tierschutz« auszuräumen. Der Sender zeigte sich jedoch eiskalt: Zwar fiel die Freude über den neuen Weltrekord verhaltener aus als sonst – nach Aussage einer Mitspielerin lag der Tod des Spatzen wie ein Schatten über dem Event – aber keine Sekunde lang wurde in der Zentrale des Kölner Senders erwogen, die Veranstaltung kurzfristig abzusagen und statt dessen etwa eine Vogel-Dokumentation aus dem Archiv von Heinz Sielmann zu senden.

Dass in Zeiten neuer, demokratischer Medien die Öffentlichkeit eigene Formen findet, mit solchen Vorfällen umzugehen – unabhängig von der Haltung großer Medienkonzerne, die jedes Schuldeingeständnis von sich weisen – zeigte sich jedoch bereits wenige Stunden nach dem tragischen Ereignis. Im Internet wurde noch vor der Sendung eine Kondolenz-Seite eingerichtet. Seither können Betroffene dort ihrer Fassungslosigkeit über den sinnlosen Tod eines für die Quote geopferten Lebewesens Ausdruck verleihen.

Wer sich eigentlich das Recht herausnehme, zu entscheiden, dass das Leben eines Tieres weniger wert sei als das eines Menschen, wird zu Recht gefragt. Oder ob Helfer, die ein Steinchen umwerfen, auch sofort erschossen würden. Aber auch Formen der Trauer werden erörtert: So wurde empfohlen, für die Dauer der Sendung als sichtbares Zeichen der Anteilnahme eine Kerze ins Fenster zu stellen. Und schließlich wird die Tat in historischen Zusammenhang gesetzt: Erst die Millionen Opfer der Vogelgrippe und jetzt – als habe es die Vögel nicht schon schlimm genug getroffen – auch noch vorsätzlicher Mord an einem ihrer Artgenossen. Aber nicht mal eine Trauerminute in RTL.

Fragen werden gestellt: Hätte der Spatz nicht betäubt werden können? Ist den Einsatzkräften diese Überlegung überhaupt gekommen? Vielleicht wären weitere Steine umgefallen, vielleicht hätte die Sendung um eine Woche verschoben werden müssen. Aber ein Leben hätte gerettet werden können, meint etwa »Enno« im Kondolenzbuch und stellt fest, dass es jetzt zu spät sei, sich über »wenn und aber« Gedanken zu machen, aber Lehren für das nächste Mal gezogen werden sollten.

Die könnte RTL jetzt noch ziehen. Mit einer Gedenksendung, einer Dokumentation und Interviews mit den Beteiligten. Historische Schuld könnte so aufgearbeitet werden. Der Sender könnte seine Werbeeinnahmen für die Show an die Stiftung »Spatzen in Not« überweisen und der Jäger ein Pflegeheim für kranke Spatzen gründen. Dann würde er wohl auch keine Morddrohungen mehr bekommen.

Und schließlich könnte RTL beim nächsten Domino-Day dem Spatzen die größte Referenz erweisen. Statt »Märchen und Mythen« wie in diesem Jahr könnte die Vogelwelt als Motiv herhalten. Das grandiose Abschlussbild würde einen aus einer Million Steinen gebildeten Spatz zeigen, der adlergleich seine Schwingen zum letzten Flug erhebt.

Erst dann wäre Sühne getan.

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen Familie und Beruf war dann bis Mitte 2002 erstmal Pause. Seitdem schreibt er Kurzgeschichten, in denen es [..]

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