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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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20.06.05

Stefan Schrahe

Der Virus

Ein Virus hat von mir Besitz ergriffen. Ist in langen Bürojahren durch die Sinnesorgane in mein Kleinhirn eingedrungen und hat sich durch endlose Windungen bis tief in die reflektorische Ebene meines Sprachzentrums vorgekämpft. So wie mir bei jedem Niesgeräusch eines Gegenübers automatisch das Wort »Gesundheit«, bei jedem beobachteten Stolpern automatisch das Wort »Hoppla« und »Entschuldigung« bei jedem unbeabsichtigten Rempler über die Lippen kommt, so wie ich die Augen bei jedem Blitzlicht zusammenkneife, herzhaft gähne, sobald ich jemanden Gleiches tun sehe; ebenso selbstverständlich höre ich mich selbst – bei jeder Begegnung mit Kollegen, egal ob auf dem Gang, im Büro oder auf dem Weg zur Kantine – zwischen elf und drei Uhr laut und deutlich »Mahlzeit!« sagen.

Was ist nur aus mir geworden? Ich fand »Mahlzeit!« immer proletig, zu Hause haben wir nie »Mahlzeit!« gesagt, sondern »Guten Appetit« – und das auch nur, wenn das Essen schon auf dem Tisch stand und als Aufforderung, gleichzeitig damit anzufangen. Ein sinnvolles Ritual, das die Gemeinsamkeit des Mittagessens oder Abendbrots – und dessen zivilisatorische Bedeutung – hervorhob.

»Mahlzeit!« hatte für mich mit Pausentischen zu tun. Mit Blaumännern, die Butterbrote aus bunten Plastikdosen essen; aus großen, mit Sternzeichen oder ihrem Vornamen verzierten Pötten Kaffee trinken, der von einer seit Jahrhunderten nicht entkalkten und in wilder Verzweiflung laut vor sich hin gurgelnden Maschine produziert wird; die »West«, »HB« oder »Marlboro« rauchen und dabei andächtig die Bild-Zeitung lesen. Da war »Mahlzeit« zu Hause.

Aber längst ist der Erreger übergesprungen, treibt jetzt auch in Büros sein Unwesen. Keiner, der mit ihm in Berührung kam, kann sich auf Dauer davor schützen. Nicht nur beim Essen. »Mahlzeit!« wird überall und zu jeder Gelegenheit gesagt. Bei Besprechungen oder Telefonaten. »Mahlzeit!« ist ein Zeitbegriff geworden, löst um elf Uhr »Guten Morgen« ab und wird selbst erst gegen drei wieder vom »Schönen Feierabend« in denselben geschickt. Letzte Woche bin ich sogar auf dem Klo mit »Mahlzeit!« begrüßt worden.

Ich habe mit alten Freunden darüber gesprochen. Nein, hörte ich sie sagen, wir sagen nie »Mahlzeit!«. Aber die leben in den letzten noch nicht infizierten Refugien dieser Welt – in Universitäten oder Lehrerkollegien. Und »Mahlzeit« ist nicht das einzige, das davor Halt macht.

Ich habe es versucht. Mir den Vorsatz genommen, »Mahlzeit!« aus meinem Wortschatz zu streichen. Mein Abwehrsystem zu stärken und immun zu werden. Aber dann stand ich vor der weißgekleideten Küchenfrau in ihren Gummistiefeln, die mir mit einem Riesenlöffel Putenschnitzel, Paprikagemüse und Zwiebelreis auf den Teller klatschte, sagte »Guten Tag«, erntete einen verwunderten Blick, »Mahlzeit!« als Antwort, das gleiche bei der türkischen Frau an der Kasse, von der ich überzeugt bin, daß »Mahlzeit!« wenn nicht das einzige, dann zumindest das erste deutsche Wort war, das sie gelernt hatte und ging zu den Kollegen, die bereits an unserem Stammtisch saßen. »Guten Appetit« versuchte ich – so normal wie möglich – zu sagen, erntete wieder ein mehrstimmiges »Mahlzeit!« und hatte von dem Moment an das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.

Wahrscheinlich stehen wir erst am Anfang, ist die Epidemie zwar im Ansatz erkennbar, nicht aber in ihrem Ausmaß. Wenn jedoch der Nachrichtensprecher aus dem Kofferradio, statt zwischen elf und drei die Uhrzeit anzusagen, seine Meldungen zur vollen Stunde mit »Mahlzeit!« beginnt – eine Uhr hat heute ja sowieso jeder – und dabei fünfzehn Blaumänner um den Pausentisch versammelt unbeirrt ihre Blicke nicht von dem nackten Titelmädchen, den Sportseiten oder den neuesten Promi-Skandalen wenden, dabei mit ihren gleichmäßigen Kaubewegungen fortfahren und im sonoren Gleichklang aus fünfzehn Kehlen »Mahlzeit!« widerhallt – dann hat der Virus vollständig von uns Besitz ergriffen.

Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern.

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen Familie und Beruf war dann bis Mitte 2002 erstmal Pause. Seitdem schreibt er Kurzgeschichten, in denen es [..]

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