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Wahnsinn frisst Alltag.
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11.07.06

Stefan Schrahe

Lasst die Fans entscheiden

Aus. Vorbei. Nach 120 Minuten entscheidet ein einziger Elfmeter darüber, wer Weltmeister wird. Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, die nur alle vier Jahre ausgespielt wird, auf die Tausende von Fußballspielern weltweit jahrelang hingefiebert haben und an der schließlich mehr als 700 mitspielen durften. Ein einziger Schuss entscheidet. Und nur der Sieger erlangt Unsterblichkeit.

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn ein hochklassiges Spiel haben die eine Milliarde Zuschauer rund um den Globus am Sonntagabend nicht gesehen. Elf Franzosen haben aufopferungsvoll 120 Minuten nicht nur gegen elf Italiener gekämpft, sondern auch gegen die Sturheit ihres Trainers, unbedingt bei seinem System mit einer einzigen Spitze bleiben zu wollen – selbst, als der Gegner bereits (spätestens ab der 75. Minute) stehend k.o. und nur noch in der Lage war, das eigene Tor zu verteidigen. Ein zweiter oder dritter Stürme hätte Italien schon in der zweiten Hälfte der regulären Spielzeit den Todesstoß versetzen können. Die Franzosen wären verdient Weltmeister geworden.

Aber diese WM hat viele Mannschaften gesehen, die in defensivem Spiel und Fehlervermeidungsstrategien ihr Heil suchten. Und viele unattraktive Spiele, die zwar von ihrer inneren Dramatik lebten, nicht aber vom ansehnlichen Gekicke auf dem Rasen. Wenig Bewegung nach vorne. Wenig Torraumszenen. Taktische Mittelfeldschlachten zwanzig Meter rechts und links der Mittellinie. Die eigentlichen Betrogenen solcher Spiele sind die Zuschauer.

Der Deutsche Karl Wald hat das Elfmeterschießen 1970 erfunden. Vielleicht haben wir Deutschen deshalb immer so viel Glück gehabt bei diesem Vabanque-Spiel am Ende von 120 langen Minuten. Vorher wurden Spiele, die danach immer noch keinen Sieger hervorgebracht hatten, per Losentscheid ermittelt. Auch keine gerechte Lösung. Aber muss man sich – nachdem bereits das zweite WM-Finale innerhalb von 12 Jahren per Elfmeterschießen entschieden wurde – nicht fragen, ob es wirklich eine adäquate Methode ist, so den Sieger des weltweit größten und wichtigsten Sportereignisses zu ermitteln?

Wäre es nicht besser, wenn die Fans – nach Verlängerung – über den Sieger entscheiden dürften? Weltweit – per TED (natürlich mit Ausnahme der am Spiel beteiligten Nationen)? So wie vor 2000 Jahren im römischen Zirkus, als der Plebs seine Sympathien für die Gladiatoren lautstark zum Ausdruck brachte und der Kaiser gut daran tat, entsprechend den Daumen zu heben oder zu senken.

Wenn das Spiel schon keinen Sieger findet, sollte doch am Ende entscheidend sein, wer am meisten dafür getan hat. Oder ganz einfach: wer den schönsten Fußball gespielt hat. Und das kann nur das Publikum entscheiden. Funktioniert beim »Eurovision Song Contest« ja auch.

Vielleicht hätte Raymond Domenech dann ja von vornherein mit zwei Stürmern spielen lassen? Vielleicht hätten die Brasilianer sich mehr bemüht? Vielleicht wären dann mehr als 1,7 Tore pro Spiel in der KO-Runde gefallen? Vielleicht hätten wir überhaupt einen anderen Fußball bei dieser WM gesehen? Weil jede Mannschaft von Anfang an so hätte auftreten müssen, dass sie nicht nur Weltmeister nach Punkten und Toren wird, sondern eben auch »Weltmeister der Herzen«. Wäre doch schön, wenn der Titel auf einmal wirklich was zählt...

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen Familie und Beruf war dann bis Mitte 2002 erstmal Pause. Seitdem schreibt er Kurzgeschichten, in denen es [..]

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