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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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22.01.10

Joachim Schott

Ende Gelände

»Und, hast du Ihn getroffen?«
»Hab ich.«
Augustinius macht auf mich keinen sonderlich erhellten Eindruck.
Noch am Sonntag hatte er, kurz nachdem ich ihn vor der Kirche der »Gottvertrauten« abgefangen hatte, um den sonntäglichen Frühschoppen im nahegelegenen »Krug VERITAS« zu zelebrieren, Erhellung aus jeder Pore seines Körpers abgesondert.
Ich kenne Augustinius seit Ewigkeiten. Wie wir uns begegnet sind, weiß ich ums Verrecken nicht mehr. Oder wann genau. Keinen Schimmer.
Aber warum ich ihn seit Ewigkeiten vor der Kirche der »Gottvertrauten« abfange, weiß ich.
Augustinius hat mir beim ersten Abfangen unmissverständlich klar gemacht, dass er in unregelmäßigen Abständen in persönliche Zwiesprache mit Ihm gerät. »Gerät« betonte er schon damals und legt auch heute noch regelmäßig Wert darauf, dass diese Treffen nicht von ihm, Augustinius, sondern von Ihm initiiert würden. Er spiele da eine untergeordnete Rolle.
»Äh, so wie Mohammed, damals, also als analphabetischer Zuhörer, sozusagen?« erinnere ich mich, ihn damals spontan gefragt zu haben.
»Also wirklich«, beugte sich Augustinius mir zu, »wenn ich dich um eines bitten darf: Behellige mich nicht mit abergläubischem Hokuspokus, damit das mal klar ist, ok?«
Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu:
»Die Zeiten sind zu heikel, sich mit diesen Hirngespinsten zu belasten.« Das war schon fast resignierend hingehaucht, und ich hatte Mühe, es zu verstehen
»Er hat mir klare Zeichen gegeben, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren sollte.«
Das war also das erste Mal, dass Augustinius mich an seinem kleinen Großen Geheimnis teilhaben ließ.
Und seither fange ich ihn ab.
Vor der Kirche der »Gottvertrauten«
Und dann ab ins »VERITAS«.
Wie ich schon erwähnte: Der Gute machte einen eher verfinsterten Eindruck.
»Und, nun komm schon, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Was hat er gesagt?«
»Er ist verstimmt.«
»Verstimmt?«
»Verstimmt.«
»Wie, verstimmt?«
»Verstimmt!«
Augustinius seufzt
»Die Sache mit Haiti wächst Ihm anscheinend über den Kopf.«
»Wie jetzt, das hat Er gesagt?«
»Quatsch! Hör doch mal hin, wenn ich dir was sage! Ich hab gesagt, die Sache mit Haiti wächst Ihm anscheinend über den Kopf. Damit ist doch wohl klar, dass es sich um eine Einschätzung von mir handelt, oder?«
»Wo du Recht hast, hast du Recht, Tschulligung. Aber was meinst du damit?«
»Das war nicht sein Ding. Haiti ist nicht auf seinem Mist gewachsen. Und trotzdem hackt wieder alle Welt auf Ihm rum. Das bekümmert Ihn.«
»Aber er ist doch derjenige, der alles überwacht. Du hast mir das jedenfalls mal so gesagt. Und ich höre immer wieder, dass die meisten Pfaffen sich so äußern.«
»Ich hab dir schon oft gesagt, ich mag es nicht, wenn du dich so erniedrigend über seine treuen Diener auslässt. Ist es denn so schwer, sie Pfarrer oder Pastoren oder Priester zu nennen?«
»Du weichst aus!«
»Nein, Du verhöhnst! Und erwartest, dass ich weiter erzähle. Ich lasse diese Schmähungen nicht mehr zu. Merk dir das. Ein für alle mal!«
»Nun komm schon, war doch nicht so gemeint.«, log ich.
»Na gut, weil du's bist. Natürlich ist Er der Boss. Aber du weißt doch wie das ist: Ein Chef muss delegieren, sonst verzettelt er sich. Gerade bei Seiner To-Do-Liste jeden Tag.«
»Wie bitte? Er und ›sich verzetteln‹, das soll ich dir jetzt glauben?«
»Das ist genau, was Er immer wieder beklagt: ›Die Leute haben doch keine Ahnung. Die denken immer, das geht mit einem Fingerschnippen‹.«
»Ach so, also nicht?«
»Was, nicht?«
»Fingerschnippen!«
»Doch, schon. Aber millionenfaches Fingerschnippen zur selben Zeit. Das macht sich doch keiner klar. Die denken immer, Er ist allmächtig, das sollte doch 'n Klacks für Ihn sein.
Millionenfaches Fingerschnippen im selben Moment, 'n Klacks!
So denkt sich das doch der kleine Moritz!«
Wenn ich das richtig beurteile, schüttelt Augustinius seinen Kopf in stiller Verzweiflung.
»Nimm doch nur mal die Millionen und Abermillionen Gebete jeden Tag. Die arbeite du mal ab! Und das ist doch nur ein kleiner Ausschnitt, alle 2,9 Sekunden wird ein neuer Mensch gezeugt, da hat er alle 2,9 Sekunden seine Finger drin! Versuch dir das mal bitte vorzustellen!«
Versuche ich auch. Dabei kommt mir leider nur ein schlüpfriger Gedanke, den ich aber vorziehe Augustinius nicht mitzuteilen. Er hat gerade einen so schönen Lauf.
» Und von den anderen Kreaturen will ich gar nicht anfangen, aber ich denke, dir eröffnet sich die Komplexität.
Und deshalb hat Er den Vorgang Haiti an Luzie übertragen.
Luzie hat natürlich wieder herumgebockt und etwas von ›Immer muss ich die Drecksarbeit erledigen‹ salbadert, aber davon hat Er sich ja noch nie die Butter vom Brot nehmen lassen.
Was Ihn jetzt so ärgert: Luzie fädelt das Beben ein und trotzdem bekommt Er den Bonbon an die Backe geklebt. Und du weißt, wie Er auf Ungerechtigkeit reagiert. Da wächst Ihm schon mal ein Zopf, das kann ich dir versprechen, das macht Ihn fuchsteufelswild, und jedesmal feixt sich Luzie dann einen. Und was das dann wieder mit Ihm macht, kannst du dir ja vorstellen. «

Stelle ich mir vor, und beginne unkontrolliert zu gnickern. Was mir wiederum einen funkelnd-strafenden Blick von Augustinius einbringt.

»Was gibt's denn da zu gnickern?«
»Och, nix, wirklich, weiter, bitte!«
» Äh, wo war ich, ach ja. Also da ist Er dann aus der Haut gefahren, und der Junior hat übernommen. Er war ja schon immer der Sanftmütige. Der Vermittler. Der Job ist Ihm ja auch wie auf den unbefleckten Leib geschnitten. Und dann schimpft Er in seiner Milde so ganz sanft mit Luzie, warum nun schon wieder ein Ort ausgesucht wurde, in dem das Elend ohnehin schon in Grußbuchstaben geschrieben wird. Und Luzie beugt sich nicht nur, sondern gibt auch noch vor, nichts zu verstehen. Dabei weiß dieses kleine, durchtriebene Wesen doch, dass der Junior immer flüsternd Schimpfe verteilt. Jeder weiß das. Und jeder weiß zudem, dass Sanftmut kein lautes Schimpfen erlaubt, besonders Luzie. Und jeder weiß auch, dass das nur so ein kleines Mätzchen von Luzie ist. Luzie versteht nämlich jedes Wort.
›Und, warum ausgerechnet Haiti?‹ säuselt Junior Luzie strafend an.
Luzie hat dann angefangen, zu maulen. Das sei doch alles schon mal des Langen und Breiten durchgekaut worden. Erstens, und dabei wird der Mittelfinger der rechten Hand als Zähldemo in die Höhe gerichtet, erstens war man sich doch wohl einig, dass es doch wohl egal sei, wo man das Ding abgehen ließe, denen da unten fällt doch immer was zum rumnörgeln ein. Zweitens, und hier nun streckte sich der Mittelfinger der linken Hand nach oben, zweitens, und auch hier hat doch mal Übereinstimmung geherrscht, zweitens (diesmal stocherte der aufgerichtete Mittelfinger Löcher in die Luft) wird hier wieder mal die Anpassung mißachtet. ›Erst muss ich die unpopulären Dinger durchziehen und dann wird auch noch an mir rumgekrittelt. Nett ist anders!‹ Und das stinke. Zur Hölle und zum Himmel.
Wenn ich ehrlich bin, das ist nicht das erste mal, dass ich gerade nicht in Juniors Haut stecken möchte. Unermesslich, was der für uns schon hat aushalten müssen. Jetzt auch noch die Tiraden von Luzie.«
»Was meinte Luzie denn mit Anpassung?«, frage ich Augustinius.
»Nun stell dich bitte nicht dümmer, als du bist, bitte!«
»Tschulligung, aber was ist die Anpassung?«
»Sag mal, muss ich dir alles zweimal predigen? Ich weiß genau, dass wir darüber schon beim Tsunami 2004 gesprochen haben: Anpassung der Bevölkerung an den Lebensraum. Meinst du, Er sieht tatenlos zu, wie Sein geliebter Planet aus den Nähten platzt?«
Plötzlich dämmert es mir: Wir sind damals fast im Streit auseinandergegangen, weil er Naturkatastrophen als vorausschauende Gesten von Ihm bezeichnet hatte.
»Haiti war also wieder eine ›vorausschauende Geste?‹«
»Bingo! Hier hat Er wieder mal gezeigt, von welch unsagbarer Güte Er ist. Anstatt die Menschen dort an den fürchterlichen sozialen und ökonomischen Verhältnissen langsam, entschuldige jetzt bitte das drastische Wort,«, warf Augustinius ein, »verrecken zu lassen, badabing badabum: Tabula rasa. Ende Gelände.«
»Ich finde das mit Ende Gelände im Zusammenhang mit dem Beben auf Haiti jetzt aber wirklich eher unpassend.«
»Damit bist du mir 2004 auch schon gekommen. Und schon damals habe ich dir versucht zu erklären, dass Er immer schon wundersame Wege gegangen ist und auch weiter gehen wird.«
»Stimmt, und ich habe dir schon damals geantwortet, dass Du zweifelhaften sprachlichen Pfaden folgst.«
»Und der Vorwurf prallt heute wie damals an mir ab. Fakt ist, dass Er sich hier in all seiner Güte der Menschheit im Allgemeinen annimmt und du nichts Besseres zu tun hast als meine Sprache zu benörgeln.«
»Hunderttausend Menschen von einem Beben zu verschütten ist Güte?«
»Du willst oder kannst das Gesamtbild nicht sehen, oder? Du bist ein unverbesserlicher Ignorant, ein Beckmesser, der in seiner kleinen Menschenwelt gefangen ist und bleibt. Wundert mich kein Stück, dass Er verstimmt ist.«
»Und die vielen Kinder?«
»Bitte, GESAMTBILD, ok?«
»Und wie geht's jetzt weiter?«
»Als ich ging, saßen sie zu dritt zusammen.«
»Er, der Junior und Luzie?«
»Jetzt treibst du dein Dummspielen aber auf die Spitze!«
»Inwiefern? Du hast doch drei gesagt, oder?«
»Und auch Drei gemeint, Er, Junior und Der Heilige Geist. Junior und Der Heilige Geist hatten alle Hände voll damit zu tun, Ihn wieder aufzurichten.«
Ich konnte das Elend nicht mit ansehen und bin dann lieber gegangen.«
»Und Luzie?«
»Luzie war schon dabei, den nächsten Scheißjob vorzubereiten. Luzie hatte jedenfalls Sein Tagebuch auf den Knien liegen.«
»Luzie führt Tagebuch?«
»Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall. Hab ich Sein Tagebuch gesagt?«
»Hast du.«
Augustinius ist dann völlig unerhellt von dannen geschlichen. Sein Haupt war schon ein wenig gramgebeugt.

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Mit der Metapher »...stolz, ein Deutscher zu sein« kann Joachim Schott nur wenig anfangen. Allerdings, dass er 1952 in der Finkenau zu Hamburg (der hamburgischen Geburtsklinik schlechthin) zur Welt kam, ist ihm erwähnenswert. Macht es ihn doch zu einem waschechten Hamburger [..]

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