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29.07.07

Axel Scherm

Ein Kassengestell bitte

Seit einiger Zeit kneift meine Frau die Augen zusammen, wenn sie in die Ferne blickt und hegt seither den begründeten Verdacht, eine Brille zu benötigen. Ein abschließender Sehtest bestätigte schließlich die Notwendigkeit einer solchen Anschaffung und weil meine Frau diesbezüglich keine halben Sachen macht, ließ sie sich auch gleich noch eine Lesebrille anpassen. Jetzt hat sie für jede Sehschwäche eine modische Brille und weil Sommer ist, eine neue Frisur.
»Viele sagen, ich sehe mit der Brille jetzt richtig intelligent aus. Was soll ich davon halten – habe ich vorher vielleicht blöd ausgesehen?« – wollte sie neulich von mir wissen. Schwierige Situation. Wie antwortet man einer intelligenten Frau auf eine solche Frage?
»Natürlich nicht! Dass Du intelligent bist, wussten die Leute schon vorher; jetzt unterstreichst Du das nur noch mit der Brille.«
So, oder so ähnlich habe ich geantwortet und die Liebste (und ich) war(en) mit der Antwort hoch zufrieden. Seither beobachte ich amüsiert, wenn sie zwischen Zeitschrift, Fernseher und Laptop hin- und her- und wieder hinblickend die Brillen wechselt, und ab und zu fragt, ob mir nicht vielleicht eine ihrer Brillen irgendwo im Hause begegnete sei, gerade diejenige, die sie jetzt bräuchte, sei abgängig.

Brille und Aussehen. Ich bin ja jetzt schon bald dreißig Jahre Brillenträger und davon überzeugt, dass eine zum Charakter des Trägers passende Brille dessen Erscheinungsbild durchaus vorteilhaft verändern kann.
So würde ich beispielsweise Herrn Heinz Wolf, Nachrichtensprecher beim heute-journal dringend nahelegen, eine Brille zu tragen, ebenso seinem Außer-Dienst-Kollegen aus dem Ersten, Uli Wickert. Bei beiden ist, wie ich meine, eine gewisse Kuh-Äugigkeit zu beobachten, die durchaus abgeschwächt werden könnte, trügen die Herren eine entsprechende Brille.
Ja oder kann sich noch jemand an Birne Kanzler Kohl erinnern, der meinte, in seinen späten Herrscherjahren die Brille weglassen zu müssen und damit aussah wie Maulwurf auf Landurlaub. Nein, nein. Manche Menschen sollten unbedingt eine Brille tragen, sonst ist deren Erscheinungsbild einfach nicht rund, wobei es natürlich Heinz Wolf neben Marietta Slomka immer schwer haben wird.

Eher abschreckende Beispiele, was die Brille als Gesichtsschmuck betrifft, sind Mafiabosse. Während der gemeine Hilfsmafioso, also derjenige, der zum vollstreckenden Personal gehört, meist eine Sonnenbrille trägt, und damit ungemein cool seinem Tagwerk nachgeht, ist bei den Bossen, also den Paten, oft das genaue Gegenteil dessen zu beobachten: riesenhafte Kassengestelle, von ausgesuchter Scheußlichkeit, bei biederstem Design und möglichst großen Gläsern. Schönes Anschauungsmaterial dafür liefern beispielsweise Corrado "Uncle Junior" aus der Fernsehserie »Die Sopranos«, oder Vito Graziosi aus der Mafia-Klamotte »Mickey Blue Eyes«. In diesem Zusammenhang habe ich übrigens lange darüber nachgegrübelt, ob mein Patenonkel, der in seinem Outfit (zumindest, was Herrenoberbekleidung und Kassengestell angeht) den genannten Mafia-Bossen in nichts nachsteht, nicht vielleicht der Boss der Unterwelt von Bayreuth ist. Ich fürchte den Tag, an dem er mich, sein Patenkind, zu sich bittet und mich auf mein zukünftiges Erbe vorbereitet: ich soll einen in Ungnade gefallenen Nachtclubbesitzer mit Beton an den Füßen im nahegelegenen Röhrensee versenken.

Gottlob blieben solche Unterredungen bis dato aus. Ich hege die Hoffnung, die Brille meines Onkels hat überhaupt keinen mafiösen Hintergrund. Offensichtlich treffen solche Monstergestelle genau den Brillengeschmack jener Generation, denn sowohl mein Vater, als auch mein Schwiegervater tragen ähnliche Modelle.

Bliebe zum Schluss eine Betrachtung aus ganz anderer Sicht, nämlich die, aus der des Verkäufers, beziehungsweise des Optikers. Während der Optiker meines Vertrauens (der jetzt auch der Optiker des Vertrauens meiner Frau ist) mit guter Beratung, halbwegs akzeptablen und verhandelbaren Preisen und ohne großen Werbeschnickschnack daherkommt, wünscht man sich bei so manchen Werbekampagnen großer Optikerketten, die ab und zu über den Bildschirm flimmern, dann doch den guten alten »Uncle Junior« herbei:
»Hey Junior, was würdest Du machen, wenn Du Dein Leben noch einmal von vorne gestalten könntest? Würdest Du alles noch einmal genauso machen, wie bisher?«
»Nein, ich würde Fielmann sofort im Röhrensee versenken.«
Dabei würde Junior seine Kassenbrille von der Nase nehmen und vertraulich in die Kamera blinzeln. So gesehen, ist’s dann doch wieder schade, dass es keine Kassengestelle mehr gibt.

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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht gereicht, aber immerhin Fachhochschule: Studium der Betriebswirtschaft. Das brachte schließlich ein paar [..]

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