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Wahnsinn frisst Alltag.
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23.11.05

Axel Scherm

Lebensecht nachempfundene Tapsigkeit

Nein, damit ist nicht der unsägliche Abgang gemeint, den George DoubleU dieser Tage in China nach einer Pressekonferenz hingelegt hat, als er den Raum verlassen wollte und die Tür versperrt vorfand. Auch nicht unsere neue Bundeskanzlerin, die nach ihrem Mundwinkel-Lifting zwar deutlich freundlicher dreinblickt, seither aber gänzlich die Herrschaft über ihre Mimik verloren zu haben scheint. Lebensecht nachempfundene Tapsigkeit beschreibt in diversen Werbetexten das neueste Produkt aus dem Hause Nintendo: die Nintendogs.
Das sind putzige, kleine, 3D-animierte Hundewelpen, die auf dem neuesten Handheld von Nintendo ihr virtuelles Zuhause gefunden haben und jetzt schwanzwedelnd darauf warten, von ihren neuen Besitzern gefüttert, gestreichelt oder sonst wie beschäftigt zu werden.

Supermodel Eva Padberg persönlich wirbt für die Hündchen mit den Worten »Ach Gott, sind die süß«. Dabei beugt sie sich mit tief ausgeschnittener Bluse so weit in die Kamera, dass jedermann sofort mit dieser, ihrer frohen Botschaft übereinstimmt, ohne einen einzigen Gedanken an Hündchen zu verschwenden.

Jedenfalls darf endlich ein Problem als gelöst betrachtet werden, das sich alle Jahre wieder, pünktlich zur Weihnachtszeit bei vielen geplagten Eltern einstellt, dann nämlich, wenn sich der Sprössling ein Haustier wünscht, jedoch Allergien oder nachhaltig ausgeprägte Kleintier-Abneigungen eine solche Anschaffung von Grund auf verbieten. Ganz ohne Tierhaare und ohne den muffigen Geruch feuchten Hundefells wird jetzt dem vorpubertären Nachwuchs Tierliebe, sinnvolle Freizeitgestaltung und Verantwortungsbewusstsein nahegebracht - virtuell zwar, aber immerhin lebensecht und tapsig.
Doch wie weit geht diese Virtualität? Stöckchenwerfen zum Beispiel? Soll man den Touchpen, der eigentlich zum Streicheln gedacht ist, durchs Kinderzimmer schleudern? Oder wenn der Hund nicht folgt, darf man ihn mit dem Pen auch schlagen? Was passiert, wenn das Hündchen nicht ordentlich gefüttert wird - geht es dann ein? Wenn ja, wohin mit dem Kadaver?
Rufen solche Fragen nicht sogar die neu formierte Bundesregierung auf den Plan, die demnächst eine Kampagne gegen »Killerspiele« starten wird? Wer sagt uns denn, ob nicht Heerscharen fehlgeleiteter Jugendlicher Gefallen an virtueller Tierquälerei finden und demnächst eine eigene Fraktion gründen in der immer größer werdenden Fangemeinde von »Gamers against the rules«?

Die schwierigste Frage aber wird sein, was dann zu tun bleibt, wenn man der süßen Kläffer überdrüssig geworden ist, weil sie nicht mehr klein und putzig, sondern groß und alt geworden sind. Drückt man die Welpen-Reset-Taste? Soll man das Programm einfach löschen oder den Kleincomputer mit einem Satz frischer Batterien auf einem Autobahnparkplatz aussetzen?
Wahrscheinlich wird es so enden, wie es früher mit den Eisen- und Carrerabahnen, den Elektro- und Chemiebaukästen, aber auch mit den realen Waldis, Wuffis und Bellos dieser Welt geendet hat: die Väter werden sich der Sache annehmen.
Man wird sich in Zukunft also darauf einstellen dürfen, dass es im Büro, in der Straßenbahn, im Theater, im Kino, im Fußballstadion, im Restaurant, beim Mittag- oder Abendessen plötzlich aus einer Jackett- oder Hosentasche herausbellt und ein betreten dreinblickender Jungvater seinen Handheld zückt, sich verstohlen darüber beugt, um schließlich mit entschuldigenden Worten wie »Moment, ich muss schnell den Hund füttern«, seiner Herrchenpflicht nachzukommen.
Wer wollte es ihm verübeln?

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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht gereicht, aber immerhin Fachhochschule: Studium der Betriebswirtschaft. Das brachte schließlich ein paar [..]

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