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22.08.07

Axel Scherm

Partystrategie Totalverweigerung

Es ist für mich immer eine etwas heikle Angelegenheit, auf einer Party eingeladen zu sein, die fast ausschließlich von Menschen bevölkert wird, die ich nicht kenne. Wenn es dann auch noch Platzkarten gibt, kann ich mir sicher sein, den lautesten, unangenehmsten, politisch unkorrektesten, oder (was noch viel schlimmer ist), den politisch korrektesten Gast dieser Party mit am Tisch sitzen zu haben - vorzugsweise mir gegenüber.

Früher wusste ich mit einer solchen Situationen ganz schlecht umzugehen und allzu oft verstrickte ich mich mit dieser Person durch geheucheltes Interesse in Diskussionen, die deshalb äußerst unangenehm waren, weil jeder der Anwesenden intensiv diesem, unserem Gespräch lauschte, aber insgeheim froh war, nicht selbst einen solch müßigen Dialog führen zu müssen.

Ein paar Mal habe ich versucht, derartige Begegnungen spannend zu gestalten, indem ich politisch Korrektes noch korrekter beziehungsweise Unkorrektes überzogen unkorrekt formuliert habe, oder wenn mir nach ganz viel Schabernack zumute war, immer das Gegenteil dessen behauptete, was mein Gegenüber gerade von sich gegeben hatte. Das war anstrengend und führte bei den Zaungästen dazu, ihr Feindbild auf mich zu projizieren, mit dem Ergebnis, dass ich für den Rest des Abends überhaupt keinen adäquaten Gesprächspartner mehr fand.

In den letzten Jahren praktiziere ich deshalb eine völlig neue und insgesamt sehr erfolgreiche Strategie:

Obwohl ich von Natur aus ein sehr extrovertierter Mensch bin, übe ich auf einer Party mit überwiegend fremden Gästen in der ersten Stunde äußerste Zurückhaltung. Zugegeben, das fällt mir nicht ganz leicht und verwirrt zunächst diejenigen, die mich relativ gut kennen - üblicherweise die Gastgeber. Aber mit Hinweis auf mein vorgerücktes Lebensalter und die dadurch erworbene Lebenserfahrung, nebst der Fähigkeit, auch einmal nur zuzuhören, kann ich solche Verwunderungen schnell aufklären.

In dieser ersten Stunde, in der ich mir oft vorkomme, wie der Besucher einer Theatervorstellung, geschehen wundersame Dinge. Alle mich umgebenden Gäste outen sich mit dem, was sie so von sich geben und ich stecke jeden einzeln von ihnen in eine Schublade. Zwei, drei Schubladen haben rote Lampen, die dann aufleuchten, wenn Charaktereigenschaften wie Nervtöter, Besserwisser oder Lautsprecher dominieren.

Wenn die rote Lampe schließlich leuchtet, gibt es definitiv nur ein probates Mittel, eine solche Party schadlos zu überstehen: Totalverweigerung.

Der besserwisserische, lautsprechende Nervtöter wird absolut und ohne Ausnahme ignoriert. Ich schaffe das dadurch, dass ich mich mit Hingabe aufs Essen oder Trinken konzentriere, mich konsequent seinem Blick entziehe und sollte ich wider Erwarten dann doch von ihm angesprochen werden, entweder nicht aufschiebbare Verrichtungen, Schwerhörigkeit oder andere Kommunikationsstörungen vortäusche. Wichtig ist in diesem Fall dann allerdings, sofort den Standort, beziehungsweise den Sitzplatz zu wechseln und auch vorerst nicht mehr dorthin zurückzukehren. Schublade auf, einen herausgezogen, dessen rote Lampe nicht brennt und sich zu ihm gestellt oder gesetzt. Sollten alle Gäste, deren Lampen halbwegs grün leuchten umschwärmt sein, wie das sprichwörtliche Licht von Motten, hilft nur noch, den Gastgeber nach einem möglichst exotischen Getränk zu fragen und auf seine nachdenkliche Bemerkung »da muss ich mal im Keller nachsehen ...« wie aus der Pistole geschossen zu antworten.

»Da komme ich mit!«

In Gastgeberkellern lässt es sich vortrefflich plaudern, und wenn man nach einer halben Stunde erfolgloser Exotikgetränksuche mit einer Flasche Bier oder Wein unter dem Arm wieder das Partylicht der Welt erblickt, hat der Nervtöter hoffentlich ein neues Opfer gefunden. Wenn nicht, hilft eigentlich nur, sich voll und ganz dem mitgebrachten Getränk zu widmen.

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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht gereicht, aber immerhin Fachhochschule: Studium der Betriebswirtschaft. Das brachte schließlich ein paar [..]

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