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Wahnsinn frisst Alltag.
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02.03.10

Axel Scherm

Ende einer Dienstfahrt

Carpe Diem, dachte ich bei mir, als ich abends nach einstündigem Regionalbahn-Geschaukel und zweistündiger ICE-Raserei endlich in der S-Bahn saß und mein Tagebuch auspackte, um die Ereignisse des Tages zu notieren. In der Sitzbank über dem Gang saß eine Frau, die etwas verstört um sich blickte und schließlich eine andere Frau daraufhin ansprach, dass sie den Kerl, der da andauernd durch den Zug hastete, ziemlich angsteinflößend finde.
Tatsächlich lief mehrmals hintereinander ein finster dreinblickender, junger Mann – Kapuze auf'm Kopf, Trenchcoat am Leib, Migration im Hintergrund – von Abteil zu Abteil und schien insgesamt reichlich nervös und hibbelig zu sein. Er setzte sich mal hier, mal da hin und sprang immer wieder auf, um dann wieder wie besessen durch die Abteile zu hasten.

Als der Zug anfuhr und der nervöse Araber sich genau hinter mich gesetzt hatte, standen die beiden Frauen auf und wechselten das Abteil. Ich schloss meinen Tagesbericht mit den Worten: Finstere Gestalt im Zug – Mädels hatten Angst und sind geflüchtet. Dann packte ich das Tagebuch ein und beobachtete den Kerl möglichst unauffällig mit Hilfe der Fensterspiegelung, während das Abteil von Station zu Station leerer wurde, bis ich schließlich allein mit ihm war.

Ich gebe zu, mich beschlich ein reichlich mulmiges Gefühl und ich malte mir bereits aus, wie dann, nachdem mir der Kerl mit einem Tapetenmesser die Kehle durchgeschnitten oder seinen mit zwanzig Kilogramm Sprengstoff gefüllten Gürtel gezündet hatte, den er unter seinem Mantel trug, die ermittelnden Bundeskriminalbeamten mein Tagebuch finden, in dem als letzter Eintrag steht: Finstere Gestalt im Zug – Mädels hatten Angst und sind geflüchtet.

Der Zug näherte sich seinem Ziel, die  mechanische Stimme der Ansagerin wies darauf hin, dass hier die Endstation sei und alle Fahrgäste gefälligst auszusteigen hätten. Ich stand auf. Der Typ blieb sitzen. Als ich zum P+R-Parkplatz lief, drehte ich mich noch mehrmals um und als ich im Auto saß, verriegelte ich sämtliche Türen.

Zu Hause erzählte ich der Liebsten die Geschichte im Tenor Gerade noch mal davon gekommen, als sie lapidar antwortete:
Blähungen – der Kerl hatte wahrscheinlich Blähungen und da ist Herumlaufen oft das Beste, was man tun kann.

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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht gereicht, aber immerhin Fachhochschule: Studium der Betriebswirtschaft. Das brachte schließlich ein paar [..]

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