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Wahnsinn frisst Alltag.
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23.04.08

Michaela Pölsler

Fetter Urlaub

Mein Opa, der die mageren Jahre des letzten Weltkriegs und die noch magereren danach mitgemacht hatte, pflegte sich nach dem Frühstück hin und wieder ein Stückchen Butter abzuschneiden und damit sein ohnehin sehr üppiges Frühstück sozusagen abzurunden – nach dem Motto: Butter schließt den Magen. Seine Frau, also meine Oma, nahm das kommentarlos hin, während der Rest der Familie, also meine Eltern, sich irritierte Blicke zuwarf und die Jüngeren unter uns, also mein Bruder und ich, Würg- und Kotzgeräusche intonierten. Das sei gut für die Bronchien, erklärte mein Opa ungerührt, und auch der Einwand, dann müsse er die Butter aber inhalieren, beeindruckte ihn nicht wirklich.

Kürzlich fuhr ich mit meinem Bruder und noch ein paar anderen Leuten in den Skiurlaub. Auf der Fahrt dahin fing er an zu husten, und meine Schwägerin, die mit der Familienchronik – zumindest aus zweiter Hand – zu großen Teilen vertraut ist, bot ihm ein Stück Butter an. Sie möge sie aber durch die Lüftungsschlitze drücken, antwortete ihr Mann. Was er von einem Wammerl (österr. für Bauchspeck) hielt, wollte ich von ihm wissen, quasi als Luftbefetter am Rückspiegel aufgehängt. Wir erörterten gründlich Butter in der Lüftung versus Wammerl am Rückspiegel. Einig waren wir uns dann wieder darin, dass dringend etwas gegen die magere Luft getan werden müsse. Zu wenig Luftfette seien ja bekanntlich schlecht für die Bronchien.

Angekommen an unserem Urlaubsziel, einem putzigen alten Holzhäuschen im Montafon, wurde mir der Windfang als Schlafzimmer zugewiesen. Warum ist mir bis heute nicht ganz klar. Schon am Anfang, als das Gepäck herbeigeschafft wurde, durch die offen stehende Haustür neben meinem Bett die schneeige Luft der Alpen zog und zehn Leute ununterbrochen durch trampelten, hegte ich den heimlichen Verdacht, dass in meinem Schlafzimmer die rechte Gemütlichkeit während dieses Urlaubs nicht aufkommen würde. Dieser Eindruck verstärkte sich etwas später. In der nebenan gelegenen, fensterlosen Küche wurden fürs Abendessen panierte Schnitzel herausgebacken. Ich trug Teller von der Küche ins Wohnzimmer – natürlich durch mein Schlafzimmer – und roch, dass mein Bett nicht nur im Windfang, sondern auch im Dunstfang stand. Der Fettgestank hatte sich en bloc von der Küche in mein Schlafzimmer verlagert.
»Du brauchst keinen Luftbefetter in deinem Zimmer«, tröstete mich mein Bruder von der offenen Küchentür her. Und meine Schwägerin, die gerade ihre Stiefel auf meinen Bettvorleger neben neun weitere Paar stellte, nachdem sie draußen eine Zigarette geraucht hatte, meinte: »Tipptopp Raumklima für deine Bronchien

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Michaela Pölsler

Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch ein Studium an, ging nach Lille, auch das französische Stuttgart genannt, brach wieder ab.

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