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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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09.07.09

Michaela Pölsler

Cool

Zu seinem zwölften Geburtstag neulich lud mein Sohn ein paar Kumpels zu einer Übernachtungsparty ein. Es war eine furchtbare Nacht, aber das will eh keiner wissen. Bevor das Grauen losging, stand mir ein anderes bevor: »Transformers II – die Rache«. Ich versuchte noch, das mir schwanende Unheil abzuwenden, und schlug vor, kegeln zu gehen oder meinetwegen in »Che – Revolucion« oder die »Sch’tis« oder die Party zu verschieben, bis »Ice Age III« anlief, aber da war nichts zu machen.

Falls Sie den Film nicht kennen, erinnern Sie sich einfach an diesen Werbespot, in dem sich ein Auto in ein riesiges Blechmonster verwandelt, allerdings mit schlechteren Animationen, und denken Sie sich Verfolgungsjagden, Kriegsgerät, Explosionen und eine Uschi (Megan Fox) in knappen Shorts mit geglossten, aufgespritzten Lippen dazu. Die Handlung ist von keinerlei Belang, außer vielleicht, eine reaktionäre Gesinnung zu transportieren. Das Publikum im Kino war hauptsächlich männlich und zwischen zwölf und zwanzig.

Links neben mir rutschten mein Sohn und seine Kumpels, Popcorn und Cola auf dem Schoß, tief in ihre Sitze, rechts lungerten ein paar brunftige Achtzehnjährige. Bei jeder Uschi-Szene kam reflexartig Ächzen aus der rechten Nachbargestalt, danach ploppte eine von siebzehn neuen Bierflaschen auf, wahrscheinlich um einerseits ein wenig Testosteron auszuschwemmen und andererseits die Hände abzulenken. Ich malte mir aus, was der sich die nächsten Nächte ausmalen würde. Und dann malte ich mir aus, was er in Wirklichkeit bekommen würde: sein Gegenstück in Östrogen, das sich in einigen Jahren in eine ziemlich wabbelige Angelegenheit transformieren würde. Das wäre dann eine Art von Rache, auf die ihn kein Film dieses Genres je vorbereiten konnte.

Ich überlegte mir, ob ich die Jungs nicht allein ihrem Vergnügen überlassen und mir meins in der Kneipe gegenüber mit ein paar Gläschen Wein bereiten sollte. Aber ich musste fahren. Mit der Zeit gewann ich dem Film etwas ab, eine Lust am Geistlosen und Niederträchtigen, eine Faszination am Dreck und Schund. Ich schaute konzentriert bis zum schwachsinnigen Ende.

Im Auto war die Geburtstagsgesellschaft seltsam still. Als ich fragte, wie denn der Film gefallen habe, murmelte einer: »Jo, war cool.«
Die sind müde, dachte ich und freute mich auf eine ruhige Nacht. Das war sie dann aber nicht. Morgens um halbsieben drohte ich, alle nach Hause zu fahren.
»Wieso seid ihr nicht müde?!« rief ich und hörte meiner Stimme an, dass sie einen leichten Schwenk ins Hysterische nahm.
»Mama,«, sagte mein Sohn, nachsichtig wie zu einer Zweijährigen, die an der Supermarktkasse tobte, weil sie die Hello-Kitty-Kugel nicht kriegte, »wir haben doch im Kino geschlafen.«

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Michaela Pölsler

Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch ein Studium an, ging nach Lille, auch das französische Stuttgart genannt, brach wieder ab.

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