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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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20.10.01

Gerlinde Pölsler

Raus so gern

Ausnahmsweisenhaft-schön war das Wetter, und so wollte das Rad hoch hinaus über die Stadt, und mir sollt's recht sein. Kaum waren wir um die erste große Kurve Richtung raus gebogen, überwältigte mich der Herbst. Er lauerte dort auf Fußgeher, Rad- und Motorradfahrer; für die Autofahrer tat er sich nichts an. (Ob für die Räder, verriet das Rad nicht.) Er fuhr mir mit einer Art Flash ins Hirn. Manchmal schicken einem das die Jahreszeiten, der Frühling halt tut's ziemlich oft und der Sommer auch, der Herbst ist bissl geiziger, der Winter hat sich bisher eher lumpen lassen. Wie sie das machen, weiß ich nicht – oft sind es nur ein paar Büschel Gras, die sie auf einmal so hypnotisch grün aufleuchten lassen, dass man wie angewurzelt stehen bleibt und sie anstarrt. Übrigens sieht es immer nur eine einzige Person; niemals machen sie's für zwei gleichzeitig. – Oder es ist eine kleine Lichtung, eine Allee, es kann alles mögliche sein; meist stellen sie es unter raffinierte Beleuchtung, und flash, fährt es an einen bestimmten Punkt im Hirn. So trat ich in die Pedale, und die Äste und Blätter, wenn sie sich bewegen, da entsteht so ein flüchtiges Licht, das blinkt und es raschelt und es kitzelt die Augen, es macht einen wirr im Kopf. Ich fuhr raus, rauf, und die Stadt blieb zurück und versank.

Die Bäume beobachteten mich. Ach, ist sie auch mal wieder da, wusterten sie einander zu, mir schien, fast ein bisschen beleidigt. Wir waren alte Verbündete, und ich möchte es durchaus immer noch sein, doch manchmal muss ich zugeben, dass wir uns fremd geworden sind. Die Gesprächsthemen sind andere; die Alltage sind halt sehr verschieden. Dabei lebte ich so gerne wieder mit ihnen in ihrer undurchsichtigen Welt.

Der Flash hatte die Filme angeschwungen, die von früher. Die alten Ahnungen stiegen auf, es sind Ahnungen geblieben, denn nie habe ich etwas aus dem Reich gesehen, das sich damals in meinem Kopf endlos weit ausbreitete. Die Unterscheidung zwischen dem im Kopf und dem Drumherum war als Kind kaum vorhanden; alles verschwamm. So lebte ich jahrelang als Herumstreunerin. Ich wäre ausgerissen und würde wild durch die Wälder streichen, immer auf der Flucht vor der Polizei und anderen Häschern. Ernähren würde ich mich von Beeren, Sauerampfern und dem Nektar, den die kleinen weißen Blüten von Taubnesseln versteckt hielten. Gekleidet wäre ich in fragile Gespinste, gewebt aus weißen, verblühten Löwenzahnblüten. Wenn ich mit den zwei Hasen und der Katze herumlief, dann waren wir mitten in den Wäldern. Die Wälder waren tief, tief, sie hatten kein Ende; immer gab es aber einen allertiefsten Ort, und zu dem wollten wir, denn da musste man blinzeln und war total irgendetwas nah. Die Hasen, die Katze und ich, wir wussten alles voneinander. Naja; einer der Hasen biss eines Nachts ein Loch in den Draht vor seinem Fenster und war auf und davon. Er hinterließ nichts. Keine Nachricht. Auch seinem Bruder hatte er kein Wort gesagt.

Und hinter jedem Busch verbarg sich etwas, jeder hatte einen Namen. Mit meiner Cousine verabredete ich mich grundsätzlich büscheweise. Hinter einem Busch, unter ihm oder am liebsten: In einem Busch. Stieg man in einen Busch, so stieg man damit aus der gewöhnlichen Welt in eine andere. Dasselbe mit dem Bachversteck. Es lag an der einen Seite eines dünnen und saukalten Bächchens. Wir wähnten Fische darin, die genau hier wohnten, sich aber lautlos vorbeischlängelten, wenn wir da waren. Das Versteck lag in einem kleinen, einem kleinwinzigen Wald, mit einem kleinwinzigen Moor und Schilf darin. Als Eingang hatte es einen Steg quer über den Bach, und es besaß Räume, Klo, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, jeder Ast ein Raum. Auch das Versteck hatte kein Ende, über Nebenkammern und Dachbodenzimmer ging es irgendwo in Schilf und Bäume über.

Im Winter war das Bachversteck keines, da die Bäume entblößt dastanden, der Leseast war zugig und das Klo nicht zum Brauchen, es gab ja keine Blätterwände, man wäre also mitten in der Landschaft gehockerlt. Eine Stelle beim Bachversteck aber war dann zugefroren, und man konnte darauf eislaufen. Eigentlich war es nicht wirklich ein großes Eisstück, eigentlich konnte man nur zwei Taucher in eine Richtung tun. Und da schmiss es einen, weil dickes Schilf, Steine und Wurzeln sich aus dem Eis bohrten. Und nicht, dass ich Eislaufschuhe besessen hätte – dennoch: Es waren die schönsten paar Quadratmeter, um auf Weihnachten zu warten.

Und dann war da noch so ein Text in einem Lesebuch: Ein alter Mann saß irgendwo an einem Sommersonntagnachmittag, ich weiß nicht mehr, was er tat, ich glaube, er fischte. Er wollte nichts, er sorgte sich um nichts, er saß und fischte. Es war heiß, sehr heiß, die Luft war eine Sekunde vor so'nem Flirren, und dazu kam das Brummen von einer Biene. Nicht von Bienen, von einer Biene. Sonst: Nichts, und kurz darauf hat sicherlich die Zeit kurz angehalten, das tut sie in so Umgebungen, nicht immer, aber da sicherlichst.

Zwei Leute waren plötzlich da, am Waldrand, wo das Rad und ich ruhten, und packten Mappen und anderes wichtige Zeug aus. Sie bereiteten eine Präsentation vor. Präsentation. Lebenslauf. Namensschild. Was haben Sie gemacht. Mein Blick hastete zu den Bäumen. Sie aber rückten zusammen, schlossen die Spältchen, sie schwiegen und schauten ernst. Es war wieder ein normaler, regelmäßiger Wald, und ich musste runter, das Konto mal wieder aus dem Schlamassel holen, in den es sich andauernd reintheatert.

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Gerlinde Pölsler

Jahrgang 73, ist im österreichischen Graz aufhältig. Verbrachte ihre frühen Jahre damit kopfüber auf Trapezen zu hängen und Pflanzen das Schwimmen beizubringen, deren Bezeichnung gegenüber bundesdeutschem Publikum zu nennen uns wohl kaum weiterbrächte. Glaubte später der Handelsakademie [..]

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