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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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16.10.00

Gerlinde Pölsler

Ein Tag, der sicher auch für was war

Ich riss die Tür zu unserem Seminarraum auf, wurde aber jäh abgebremst. Völlig fremde Köpfe befanden sich darin, etwa sechzig an der Zahl; ich schmiss die Tür wieder zu. Dann bin ich ins Sekretariat, um mich zu erkundigen, wo die heute sind. Ich klagte, dass heute Klausur ist und ich eh schon viel zu spät dran, und dann sitzt da noch ein Haufen fremder Leute drin. Schlussendlich hab ich sie im Nebenraum aufgespürt. Ich musste mich an einen dreckigen Tisch setzen, weil sonst war keiner mehr frei; es sei hinzugefügt, dass ich die schmutzigsten und letzesten Plätze, gern sind sie auch die zuuntersten, immer und alleweil ausfasse, was ich durch das Laster der Unpünktlichkeit mir ganz alleine selber zuzuschreiben habe und aus diesem Grund niemals deswegen Zank anzetteln würde.

Die Übersetzung war voll gaudig, "aus dem Tagebuch eines passiven Menschen", was für mich von Haus aus kein unbekanntes Kapitel sein will! Bald entdeckte ich eine Frau, die einen roten Mantel anhatte. Sie blieb stehen und erklärte mir, dass ich mich nicht irren könnte, wenn ich immer geradeaus ginge. Es ist seltsam; immerzu pflegen Leute mir zu bedeuten, wo es lang geht, dabei frage ich sie gar nicht danach. Als sie die Straße überquerte, wurde sie von einem roten Auto überfahren. Das Auto ist genau so rot wie ihr Mantel, dachte ich, doch mit dieser Bemerkung war ihr nicht geholfen. – Ich lief diskret davon; das Unglück, der alte Schwerenöter, sollte keinen Anlass erhalten zu meinen, ich mache ihm schöne Augen. Für gewöhnlich kann ich dreinschauen, wie immer ich will; es interpretiert es irgendwie immer miss.

Etwas hab ich nicht verstanden; ich fragte meinen Nachbarn, und er meinte, ja, das ist eben die Frage!, eine wenig ergiebige Replik, um es offen zu sagen. Ich hab dann aber derlesen, was er geschrieben hat.

Derart erfrischt, lief ich die Stiegen hinunter, als ich Bertl und Carla sah. Ich fragte Bertl, ob er nicht noch zwei Prüfungsstunden gebrauchen könne – mir war derlei zu Ohren gekommen – und ob er nicht zur Klausur mitgehen wolle, auf dem Weg zu welcher, der zweiten an diesem schönen Tag, ich mich gerade befand. Ja, aber wenn er nie dort war! Ich händigte ihm mein Skript aus, das im Laufe des Semesters zu exakt viereinhalb Seiten angeschwollen war. Der Toast, den ich bestellte, war leichenweiß, außerdem beinhielt er auch Schinken, denn die Kellnerin sagte, dass er schon fix fertig wäre und sie ihn nur mehr in den Toaster täte, und wie ich mir dies vorstelle, dass sie das Schinkenblattl raustun solle? Nein, Ketchup hat sie keines! – Nach einem Bier ging nicht nur er, sondern auch Carla zur Prüfung mit.

Wir hockten wie üblich am Boden und kratzten ein paar Seiten Klausur vor uns hin; die Zeit wurde uns ordentlich lang, wir waren heilfroh, als die Klingel ging und uns unserer Lästigkeit entledigte. Dann bogen wir mit Wolfi – wir hatten ihn unter einem Tisch getroffen – um drei Ecken zu seinem Auto. Beim Sitzzurückschieben tat sich die Carla weh. Das Auto rückte nur Hiphop raus. Bertl ließ fallen, er habe schon Schlimmeres gehört, in Autos, zum Beispiel die Kasamandln oder Die Drei Lustigen Fündundzwanzig. Ohne viel Aufhebens ließen wir ihm unser Mitgefühl zukommen, einer nach dem andern, und kein einziger ließ sich dabei lumpen, worauf wir heute noch ein bisschen stolz sind, auch wenn dies keiner je ausgesprochen hat, doch es ist ein stilles Einvernehmen zwischen uns, dass wir ein großes Zeichen der Freundschaft erbracht haben an jenem denkwürdigen Nachmittag, den wir fortwährend mit uns tragen und der wohl dereinst, wenn uns der Lebensfaden abgezwackt wird, noch einmal glitzernd an uns vorüberziehen wird.

Im Galeriecafé saßen Heinrich und Ingo. Ingo hatte eine Jeans an, deren eines Bein nur mehr die Hälfte des ursprünglichen Stoffs beinhielt. Es muss halbwegs aufs Knie ziehen, dachte ich. Er sagte, er sei da halt mal so blöd mit dem Fuss reingeschlüpft. Und er habe jetzt ein Hochbett, von dem aus er die Leute auf der Straße beobachten könne. Ich war etwas neidisch, Ingo fasst immer die Jobs aus, von denen andere sich nicht einmal zu träumen trauen; ließ mir aber nichts ankennen. Das Bier war teurer als befürchtet, da jedoch das Große – im Verhältnis – um etliches günstiger war als das Kleine, musste ich der Vernunft halber doch noch eines bestellen. Im nachhinein ist man oft froh, wenn man der Ratio auch dann ihr Recht lässt, wenn einem der Sinn eigentlich nach allem, nur nicht nach ihr, stünde. Ich wand mich in Reue, nicht öfter betrunken und sonst immer so klar im Kopfe zu sein, was ein jeder bestätigen wird, der mich je getroffen hat, selbst das Unglück, denn auch vor ihm habe ich mich niemals gehen lassen, und habe es sich um Lagen gehandelt, in denen es jedem Menschen auf dieser Welt, der von sich behaupten will, eine Seele sein eigen zu nennen, entschuldbar, ja sogar zutiefst – ja, ah ja: Denn ich fühlte mich ganz ausgezeichnet und kann dergleichen jedem nur mit den wohlwollendsten Empfehlungen ans Herz und sonstwohin, in jedem Falle nahe, legen. Auch Bertl fühlte sich ausgezeichnet, wodurch ich mich gestärkt fühlte – sonst bin ich mir nicht immer hundertprozentig sicher, ob meine Reaktionen sich ganz mit dem decken, was man landläufig als die angemessenen anschaut. Man kann da aber durchaus seine eigenwilligen Wege gehen, denke ich und sage auch immer und immer wieder, wenn mich jemand fragt, was allerdings, Gott im Himmel weiß warum und wird es immer als Geheimnis an seinem Herzen versteckt halten, nicht auf das allerhäufigste der Fall sein will und geschieht.

Wir verabschiedeten uns am Eck. Als ich heimkam, durchwühlte ich die Post, aber noch hatte man sich nicht entschlossen, mich in Luxemburg aufzunehmen. Dann wärmte ich zum vierten Mal im selben Reindl Käsespätzle auf (ohne es inzwischen abzuwaschen, versteht sich) und goss den kalten Kaffee von in der Früh, der seit da im Bad seinem Schicksals entgegenzitterte, in mich, wobei letzterer kein' Ruh gab, sich fortwährend zu beklagen. Ich sei exakt das Ungeheuer, musste ich mir eine erstickte Kaffee-Stimme anhören, von dem man sich erzähle. Alleweil würde ich Kaffee und andere Kollegen sieden und sie dann tagelang brüten lassen, wobei ihnen ganz anders und unwohl werde, und Räuber kämen, um sie sich in ihre ungustiösen Mäuler zu scheffeln. Wohl war daran etwas Wahres; erst unlängst hatte ich in der Küche ein Rudel Tauben aufgespürt, und der Nudeltopf auf dem Tisch war über und über von Schnabelspitzen zerstochen gewesen. Doch konnte es ihnen nicht egal sein, in welche Mägen sie plumpsten? Ich ließ den Kaffee tüchtig runterglucksen; ich konnte das Gejammer nicht mehr hören. Brauche ich erwähnen, dass die Spätzle und das Reindl die Gelegenheit ergriffen und auch fleißig ihre Plappermäuler auf und zu fliegen ließen – anscheinend hatten sie den ganzen Tag in träger Unproduktivität verbracht. Das hat man davon, man bezahlt sie, sorgt für eine ordentliche Unterkunft, aufs exakteste temperiert, versteht sich, und sie stehen rum, sobald man seinen Hintern bei der Tür rausdreht. Immer, wenn man ohnehin erschöpft ist von den Anstrengungen des Tages und mit Fug und Recht ein bisschen Ruhe und Rücksicht beeinspruchen möchte, pflegt die Umgebung mit schon langweiliger Vorhersehbarkeit am zankhaftesten zu sein. Meine Kleider sind so; mein Essen ist so; meine Bücher sind geschwätziger, als ihnen – und, beim Himmel, mir! – zuträglich ist, und, ich weiß, das bringt mir jetzt wieder eine Nacht voller Gekneife ein, leider muss ich das inzwischen auch von dir, meiner wiewohl sehr geliebten Wohnung, behaupten. Ja, du hast da leider sehr angenommen – nein, bitte, tu mir den Gefallen und fang keinen Unfrieden an jetzt. Kann ich weiterreden? Danke.

Gesine rief dann an, ich befand mich in noch etwas umwölkter Stimmung aufgrund des unerfreulichen Empfanges in den mir eigenen vier Wänden, und schlug vor, an diesem Abend als Katzen zu gehen, da ja doch Fasching sei. Dann sei es so, willigte ich ein, dann gehen wir als Katzen. Sie kam zu mir, den Bastelvorschlag schon mit sich. Wir zogen die höchsthackigen Schuhe an, die der Kasten hergab – wenn auch unfreiwillig und nur nach etlichem Hin und Her. Er gefiel sich im Einwand, er habe heute, einmal im Jahr!, selber ausgehen und sich heiß herrichten wollen. Kasten der er sei, könne er ohnehin nur heute unter die Leute gehen, ohne gleich angepöbelt zu werden. Ja, sogar statthafte Eindrücke zu erzeugen wäre ihm heute kein Ding der Unmöglichkeit.

Ich ließ ihm keine Nachsicht angedeihen. Gesine half mir, ihm meine Stiletto-Schuhe zu entreißen; freilich ging es nicht ab, ohne dass er sie mir entriss, sie in Seidenstrümpfe wickelte, sie dem Reindl zukickte, das – ganz Komplize – sie sofort schluckte. Ach, wenn es nicht so ermüdend wäre. Letztendlich haben wir aber doch gewonnen; wozu haben wir so lang studiert. "Du kannst doch mit den hohen Hacken gar nicht gehen!", warf ich ihm an den Kopf, und er war – überrascht? – eingeschnappt. Ich überließ ihm meine Stiefel, was auch nicht nix ist, und er machte sich sogleich auf die Socken. Wir haben uns später sogar unfreiwillig auf einem Fest getroffen, wo er einen Türsteher gab. Wir wechselten kein Wort miteinander.

Dann zogen Gesine und ich lange schwarze Röcke an. Ach ja: Wir gingen nämlich als schwarze Katzen. Die Ohren hatte Gesine schon fein säuberlich auf dem Reißbrett entworfen. Pappendeckel hatte sie auch mitgebracht, und die Haarbüschel für die Ohren hatte sie schnell, schnell ihrem Hundling ausgerupft, während er schlief. Das war ganz gut durchdacht, weiße Haare zu benutzen, denn wir haben beide schwarze, und damit man die Ohren ein bissl sah als Faschings-Highlight. Gesine montierte ihre schon, fuzzelte ich immer noch an meinen rum, sie warn schon ganz ausgefranst. Als ich sie um meinen Kopf befestigte, legten sie sich flugs an. "Geh halt ich als Katz und du als Windhund", stellte Gesine fest – sie ist immer recht pragmatisch –, und mir sollt's recht sein.

Nun fehlte nur noch der letzte Schliff: die Schwänze. Auch die hatte Gesine schon mitgebracht, zwei lange, glänzendschwarze Schwänze; ich verzichtete zu erfahren, wem sie die wieder ausgerissen hatte. Wie die ärgsten Profis befestigten wir sie an unseren Röcken, mit Tixo. Dann wedelten wir damit test, und sie erwachten sogleich zum Leben und scharwenzelten hinter uns am Boden her, so verführerisch, dass wir ihnen in der Straßenbahn freien Auslauf in ein paar Gesichter lassen mussten, da deren Träger sie uns auf das Frecheste hatten entwenden wollen.

Was wir als Katzen erlebt haben in dieser Nacht, vermag ich im Ganzen nicht mehr nachzuvollziehen, aber es muss etliches los gewesen sein, unserem morgendlichen Look nach zu schließen! Einmal haben wir ganz alleine auf der Bühn getanzt, erinnere ich mich ein bisschen; nur wir zwei, vor versammeltem Publikum. Das heißt, der Korrektheit halber: Eigentlich haben unsere Schwänze die Aufführung ganz allein bestritten. Sie sausten und wirbelten und schüttelten sich – und wir mussten wohl oder übel mit. Sie fegten alles leer um uns rum. Mir ist, als hätten wir sie irgendwann eingerollt und seien unter frenetischem Applaus von der Bühne gekugelt. Oder hätte ich da etwas falsch ausgelegt?

Im Morgengrauen, wir alle schliefen schon, flog die Tür zu meinem Zimmer auf. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Bertl auf Rollerblades einrollte. Er bugsierte sich aus diesen und begann sich auszuziehen. Als er fast fertig war, flüsterte ich: "Bertl! Das ist nicht dein Zimmer!" Er hub an, das Werk zu vollenden. "Bertl", zischte ich da etwas vehementer, "was willst du?" Er hielt inne. "Du wohnst hier nicht!", setzte ich nach. Auch das Hochbett nickte. Er starrte abwechselnd mich und es an. Dann klaubte er seine Fetzen zusammen, hievte sich wieder auf seine Blades und rollerte von dannen.

Mir deucht schon lange, er habe es auf mein Hochbett abgesehen. Das ist nicht unverständlich. Auch mich sieht es manchmal so an, dass ich ganz schwer davon träume.

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Jahrgang 73, ist im österreichischen Graz aufhältig. Verbrachte ihre frühen Jahre damit kopfüber auf Trapezen zu hängen und Pflanzen das Schwimmen beizubringen, deren Bezeichnung gegenüber bundesdeutschem Publikum zu nennen uns wohl kaum weiterbrächte. Glaubte später der Handelsakademie [..]

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