.

kolumnen.de

Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

Zur Druckversion Druckversion

14.03.00

Gerlinde Pölsler

Wer zum Teufel ist Ramona?

Also, in Spielhöllen sind wir wirklich schon öfter herumgestanden, das war uns echt nichts Neues. Aber noch nie waren darin alle völlig oder doch in der Hauptsache nackt gewesen. "Wo hast du mich da wieder reingeschleppt", schnappte ich meiner Freundin Ramona, dem alten Luder, zu, "das muss mir typisch wieder nur mit dir passieren." Sie wandte kurz den Kopf in meine Richtung, sah mich aber gar nicht an; ich erkannte, dass sie freudig lächelte, und Ärger fuhr mir ins Hirn. "Komm, schauma einmal", hörte ich noch, und schon hatte sie einige Schritte ins Innere getan. "Also ich bleib da sicher nicht lang", murmelte ich, doch Ramona hörte es nicht mehr, denn "rouler rouler rouler rouler" schlug der Rhythmus uns auf die Schädel. Was blieb mir, als wie so oft steifen Gesichts, vom Rest gar nicht zu reden, hinter meiner neugierigen Freundin hinterherzutrotteln, die sich nie und nimmer von etwas abschrecken ließ.

Manches war wie anderswo auch. Die meisten tranken milchigfarbigen Pastis, die andern hatten Bierflaschen zwischen ihren Griffeln. 'n paare fluchten und waren zu mehrt an einem Apparat zugange; 'N paare stierten starr in ihre Kästen, und wenn die "Game over"-Musik anhub, warfen sie stumm die nächste Münze nach, nicht links noch rechts schauten sie jemals. Und wieder welche, die mehr das Drumherum im Auge hatten, Automaten da nur Vorwand.

Das Mehrere war aber doch sehr anders. Also ich fand es schamlos, wie die Typen über ihren Hockern hingen. Die meisten waren einzige Runzeln. Ihre Köpfe hatten sie vor den Automaten postiert, ihre Hinterteile jedoch reckten sie auf den Gang. Die etwas anhatten, hätten das auch gleich bleiben lassen können, denn ihre String-Shirts waren zu genau gar nichts nutze, und andere Bekleidungsstücke kamen nicht vor. "Da is' halt eine Sauna auch dabei", meinte Ramona, während sie mit den Augen die anwesende Mannschaft, und es war fast eine reine Mann-Schaft, abtastete. "Sauna!", lachte ich auf, bevor der Dampf mir den Atem abschnitt. "Und wo ist es bitte", ich musste schlucken, "zum Abkühlen?", frug ich, "hier ist's ja nur heiß und stinkig!" Freilich, einiges deutete auf den Zweck des Saunierens hin, jedoch musste es sich um eine ausschließliche Dampfsauna handeln. Alles war sehr undurchsichtig, man sah kaum zwei Meter weit. "Wo ist's zum Duschen, wo ist der Ruheraum?", keifte ich Ramona hinterher. Zu allem Überdruss eckte ich an einem nackten Hintern an, dessen Inhaber ihn darob nach links und rechts zu schwenken begann.

"Raus hier", war das nächste, das ich hörte. Ein Typ mit Glatze und Zopf, in ein Ledergilet gezurrt, stand vor uns. "Ihr seht doch, dass die Sauna rammelvoll ist." Ich schaute harmlos haarscharf an ihm vorbei. Schlendernd machte ich einen Schritt zur Seite, ließ meinen Kopf langsam kreisen und führte dann ein kurzes Stirnrunzeln mit nachfolgendem Ruckeln durch, was anzeigen sollte, ich hätte mich gerade zum Gehen entschlossen. "Aber wir wollen doch gar nicht in die Sauna, wir wollen ein paar Runden zocken", sagte fröhlich Ramona und wippte Schultern und Busität, "denn heute ist unser Glückstag! Meine Freundin und ich, wir haben gerade..." – sie griff nach mir. Ich zog die Schulter an, so dass sie daneben tappte. "In allen Whirlpools sitzt Mann an Mann", unterbrach er, "und nichts andres ist's in den Schläuchen."

Also die Badeschläuche konnten mir wirklich gestohlen bleiben, ich wollt' in gar keinen. Ich finde, Wasserrutschen für Kinder – ja, Badeschläuche für Erwachsene – njet. Ein einziges Mal hatte ich mich in so was reinsetzen lassen – von Ramona, haben Sie sich das schon gedacht? –, aber schön' Dank! Sie kennen diese Dinger doch? Das sind die, wo man auf einem Fließband durch einen Wasserschlauch kutschiert wird, und abwechselnd nieselt es dann in dem Schlauch und schneit es, meint man dann wieder, man müsse gleich verkohlen, pfeift einem draufhin der Wind die Nase ab, rumpelt es und schüttelt und duftet auch mal – und alles nur, damit die Filme bissl realistischer rüberkommen sollen, "Gefühlskino" nennt sich das Ganze. Dabei sind die Filme, die sie in den Schläuchen spielen, ehrlich auch nicht meins. Und dann wird's oft so nieder, dass man sich ruckzuck flach auf den Bauch werfen muss – aber ich war da auf und auf zerkratzt nachher, weil die Schlauchoberseiten so rau sind. Also, auf die Abenteuer in den Schläuchen kann ich echt verzichten. Das is' mehr für so'n bestimmtes Publikum, wie heißt's noch mal, young, male 'n' thumb? Ich grinste mit mir selbst, doch nur kurz. "Könnt's euch ja für den Anfang mal abkühlen", ätzte der Arsch, der mich ins Eiswasserbecken gestoßen hatte. Nun wusste ich also, wo es zum Kühlen war. "Verdammt, mir reicht's", rief ich Ramona beim Rausklettern zu, durch die Kälte zwangsläufig ermuntert. Doch meine liebe Freundin zog sich gerade aus. "Ihr könnt da jetzt nicht!", rief der Bezopfte, doch Ramona warf schon ihren BH ab und stieg in eine dieser Saunakisten, diese hölzernen Tröge, in die nur eine Person reingeht. Und kaum war sie da drin – der Bezopfte trat mit dem Fuß dagegen –, schrumpfte die Kiste zusammen bis auf ein kleines Trögchen, in dem nur Ramonas Kopf zu schwimmen schien. Ich wusste aber, dass sie ganz drin war, denn sie funkelte so mit Locken und Lippen, wie sie es immer tut, wenn sie jemanden ausgetrickst hat. "Da könnt ihr sie aber wirklich lassen, wo sie doch nur so wenig Platz braucht", piepste ich zum Bezopften, und er haute ab.

Ich stand blöde rum, meine Tasche an den Körper gepresst. Einige der Schrumpelgestalten rempelten mich an, die Situation war äußerst ungustiös. "Komm, bad' doch auch", rief Ramona, aber es war keine Kiste mehr frei, und überhaupt dachte ich gar nicht daran, mich in dieser Umgebung auszuziehen. Heiß war mir ja nicht, weil ich war ja eiswassergetränkt. Der Typ, der vorbeiflitzte und mit einem Griff Ramonas gesamte Kleider an sich riss, gurgelte mir ins Gesicht, und ich fühlte mich sehr verarscht.

Ramona seufzte und reckte eine Hand aus dem Kistchen, so dass dieses wieder wuchs und in seine ursprüngliche Höhe zurückkehrte. "Gib mir die", verlangte sie und war auch schon dabei, mich aus meiner Jacke zu winden. Mir war sie ja recht lang, Ramona aber ist einen Zacken größer als ich und musste daher eine Nabelschau veranstalten. Sie bestand darauf, sie müsse ihre Kleider suchen, und ich müsse mit ihr.

In Gott's Namen, gingen wir also weiter nach hinten, immer dust'rer wurd's. Ein Typ stand drinnen, der superdick angezogen war, mit Wollmantel und Sakko und Schal noch dazu, gerade dass er nicht noch eine Haube aufhatte. Wie's der da aushält, fragte ich mich, als einer von Ramonas berüchtigten Ellbogenstößen mich traf. "Du hast meinen ohnehin kaum vorhandenen Busen gequetscht!", riss es mich vor Grant. Immer trifft sie mich genau auf die Brust. "Da!" – sie stach noch immer spitzig auf mich ein, "Was ist das? Was hat der?" Jetzt sah ich es erst: In einer Ecke hing ein – ich habe ein schlechtes Gewissen, das so zu sagen im Nachhinein, wo das alles passiert ist – aber da hing ein echt Grauen erregender Typ. Sehr klein, schmächtig, gelblich der Hautton, hing er wie ein Sack über seinem Hocker. Den Kopf konnte man nicht sehen. Die Beine hatte er leicht angezogen und nach außen gespreizt. Er hatte eine knappe Unterhose an, die wirklich alles andere tat, als die zwei spitzen Knochen, die hoch nach oben ragten, bissl zu kaschieren. Er rührte sich nicht, war er ohnmächtig oder so was. "Wie – ein gerupftes Huhn", presste Ramona heraus, und zum Teufel, ich hatte genau dasselbe gedacht.

Und gleichzeitig mussten wir auch eine Brise davon erwischt haben, wie ich in Ramonas Augen las: Kaum hatte sie es ausgesprochen, roch es extrem nach gebratenem Hühnchen, als wäre die ganze Hütte eine einzige Grillbude, in der sich rundherum vollbeladene Spieße wanden. Und dieses Brathendlgewürz war auch dabei, mit dem die Viecher meistens eingerieben werden, das mit dem Mononatriumglutamat, das angeblich süchtig macht.

Der Typ mit dem Wintermantel kam in unsere Richtung, hetzte seine Augen durch die Gegend – und kein Zweifel: Er schnupperte. Plötzlich schien er zu wissen, wonach er suchte. Er beschlenzte seine Lippen mit der Zunge, tat einen entschiedenen Schritt auf den Seltsamen zu, griff sich eine Gabel aus der linken Manteltasche und ein Messer aus der rechten und setzte selbige Gerätschaft am Oberschenkel der armen Kreatur an. Ramona und ich begannen in den höchsten uns möglichen Tönen zu gellen, was auf der Stelle ein Rudel Männer auf den Plan rief. Auch die begannen beim Anblick des Regungslosen, ihre Münder auf- und zuzuklappen. Einem rann Speichel über das Kinn. Nun setzten auch sie Hand an und wollten sich über ihn hermachen. "Es ist doch ein Mensch!", brüllte es plötzlich, und ein kleiner, dunkelhäutiger Mann bahnte sich durch die Meute und öffnete einen Koffer voller Arzt-Instrumente. Er fingerte eine Injektionskanüle und eine Nadel heraus und hob den Typen von seinem Hocker. Dann verschwand er mit ihm in eine Tür.

Ratlos sahen Ramona und ich einander an. Die Kulisse hatte wieder ein aufmunternderes Aussehen angenommen, so in diesem Lokal von aufmunternd zu sprechen die passende Ausdrucksweise ist. Ramona hob eine Augenbraue und wog bedenklich den Kopf, wozu ich nichts anderes als nicken konnte. Ihre Kleider hatte sie völlig vergessen. Wir verschränkten die Arme und verließen schweigend das Lokal.

Es war am übernächsten Morgen, als ich mit Ramona am Frühstückstisch saß und in der Zeitung blätterte. Plötzlich stach mir die Schlagzeile in die Augen: "Grauenhafter Mord in Spielhölle. Einen furchtbaren Fund machte gestern...". "Ramona!", rief ich, und ein Batzen halbzerkauten Schafkäses plumpste mir aus dem Mund. Ich verlas: "Einen furchtbaren Fund machte gestern in den frühen Morgenstunden die Putzfrau des Spielautomatenbetriebes x. Beim Reinigen der Badeschläuche fand sie die Leiche eines Mannes unbestimmten Alters, dem beide Beine abgetrennt waren. Ober- und Unterschenkelknochen wurden an anderer Stelle entdeckt. Auf ihnen fand sich rotes Pulver noch unbekannter Zusammensetzung. Die Polizei steht vor einem Rätsel." Ich starrte sie an.

Ihre Kaffeetasse in beiden Händen, nickte sie bedächtig. "Eigentlich würd' ich dort gern mal wieder hin", sagte sie."Bist du dabei?"

Seitenanfang

Wie finden Sie die Kolumne »Wer zum Teufel ist Ramona?«?

wahnsinnig gut!
sehr gut
gut
nicht so gut
schlecht




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Gerlinde Pölsler und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihres Kommentars auch auszugweise auf kolumnen.de oder in unserem Newsletter zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Gerlinde Pölsler.

Foto: Gerlinde Pölsler

Gerlinde Pölsler

Jahrgang 73, ist im österreichischen Graz aufhältig. Verbrachte ihre frühen Jahre damit kopfüber auf Trapezen zu hängen und Pflanzen das Schwimmen beizubringen, deren Bezeichnung gegenüber bundesdeutschem Publikum zu nennen uns wohl kaum weiterbrächte. Glaubte später der Handelsakademie [..]

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Gerlinde Pölsler

Seitenanfang

Jegliche Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.

© 2000-2010 kolumnen.de – ISSN 1618-3231

Herausgeber/Kontakt | Rechtevorbehalt | Haftungsausschluss

Was verpasst? Meist mehrmals in der Woche plaudert unser Newsletter natürlich über die neuesten Kolumnen, über exklusive Buchverlosungen, Lesungen, neue Illustrationen, Hörkolumnen, englischsprachige Übersetzungen und vieles mehr, was außerhalb des Newsletters kaum Beachtung finden kann. Jetzt anmelden!

Nutzen Sie facebook? Outen Sie sich als unser Fan!

Zehn Jahre kolumnen.de!

Eine wechselnde Auswahl zeitlos lesenswerter Kolumnen-Klassiker ... schon alle gelesen?

Christoph Wesemann: Oleg feiert meinen Geburtstag (2009) | Michael Meyn: Die Sunchimes (2008) | Michaela Pölsler: Schweinskopf fragt nach der Krone (2007) | Elke Schröder: Graubrotficken (2006) | Stefan Schrahe: Das Duell (2005) | Meike Juhl: Das tragische Obst und Gemüse in meinem Leben (2004) | Till Frommann: Gottes Ford in deinen Ohren (2003) | Philipp Seidel: Über das Jagen von Mäusen (2002) | Guido Grigat: Mein Leben in den Achtzigern und mittendrin Douglas Adams ... (2001) | Lutz Kinkel: Hörzrosn (2000)