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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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28.11.04

Susanne Plath

Geizgeil – Bekenntnisse einer hamsternden Seele

Ja, ich war dabei. Ich habe einen halben Vormittag lang angestanden – für eine 1-Euro-Kaffeemaschine bei Saturn. Es gab sie nur am Montag, nur für Frauen und für jede von uns nur eine – oder eben keine, denn all das »nur solange der Vorrat reicht«. Ich hatte den ab 10 Uhr geöffneten Laden um 11:23 Uhr betreten, in dem naiven Glauben, schnell eine (»möglichst blaue, aber mal in Ruhe angucken, sonst die schwarze...«) Kaffeemaschine einzupacken, meinen einen Euro zu bezahlen und das Geschäft wieder zu verlassen. Rückblickend kann ich über diese fahrlässige Unbedarftheit nur lachen.

Der Frauenaktionskaffeemaschinenstand befand sich im obersten Stockwerk, um zu gewährleisten, dass alle Kundinnen auf ihrem Weg zum geilen Geizglück letztlich die gesamte Ladenfläche durchquert und dabei die so gar nicht Geiz fördernden Kauf-mich-du-brauchst-mich-Vibrations der sonst verschmähten sprechenden Waschmaschinen, Michaela-Schaffrath-Ich-Gina-Wild-Hörbücher und Dschungelcamp-CDs empfangen haben würden. Oben angekommen rieb ich mir verwundert die Augen ob der sich mir darbietenden Menschenmassen. Während die Frauen in einer schier endlosen Reihe quer durch die komplette Etage Kampfaufstellug nahmen, drängte sich eine größer werdende Gruppe ungeduldig wartender Begleitmänner in der Klassik-Abteilung. Ähnliche Ansteherlebnisse hatte ich bisher nur beim MoMA und da gab es zur Belohnung immerhin Van Gogh.

Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen keine Kaffeemaschine haben. Und ich möchte betonen, dass ich wirklich bis heute keine hatte und mit meinem einen Euro der studentischen Ära des allmorgendlich pütschernden Plastikfilter-in-die-Spüle-Balancierens ein glanzvolles Ende bereiten wollte. Eigentlich dachte ich, wir stünden mit unserem kaffemaschinenlosen Zustand ziemlich allein, denn wer hat schon keine? Zudem handelte es sich bei dem Aktionsangebot um wenig familienfreundliche Geräte mit lediglich fünf Tassen Fassungsvermögen. Doch ich wollte glauben, dass all diese Leute wirklich eine 5-Tassen-Kaffeemaschine brauchten. Nicht nur, weil ich nicht allein sein und mich gern in einer verständnisvollen Menge aufgehoben fühlen wollte, sondern auch, weil ich diese Aufsehen erregende und ziemlich würdelose Schnäppchenschlacht für etwas Sinnvolles führen wollte. Aber dies war natürlich mein zweiter Streich in puncto Unbedarftheit. Machen wir uns nichts vor: Natürlich hatten fast alle diese Menschen eine Kaffeemaschine. Sie standen hier, weil es einen Euro kostete. Und sie hätten vermutlich auch für einen Euro kostende Eierkocher oder Nagelscheren hier gestanden. So wie sie in guten Sommerschlussverkaufszeiten im Morgengrauen vor den Kaufhaustüren standen und sich gegenseitig absurd viele Spannbettlaken zu Sommerschlussverkaufspreisen um die Ohren schlugen.

Plötzlich traf es mich eiskalt: Und ich? Warum war ich hier? War auch ich sinnlos habgierig? War ich eine latente Spannbettlakenschlägerin? Wann hatte ich – ganz ehrlich – zuletzt gedacht, dass ich unbedingt eine Kaffeemaschine bräuchte? Am Vorabend hatte ich auf der Fernsehcouch die Werbung gesehen und mich anschließend haltlos zu ihrem willigen Opfer degradieren lassen – armseliges Wachs in den Händen der Konsumindustrie. Und es war nicht das erste Mal. Pflichtbewusst nehme ich regelmäßig die Aldi-Angebots-Zettel mit, die später im Fußraum meines Beifahrersitzes liegen bleiben, und frage mich sparzwanghaft, ob ich nicht doch irgendwann Thermounterhosen, Dosenbrot oder Trockenpflaumen brauchen werde. Heimtückisch rechnet Aldi mit meinem Hamster-Instinkt für vermeintlich schlechte Zeiten und rät mit leise drohendem Unterton: »Bitte bevorraten Sie sich!«. Ich tue das dann auch und habe regelmäßig im Sommer noch genügend Heiße-Zitrone-Instant-Pulver für plötzliche Schneefälle im August. Man weiß ja nie. Entsprechend geht es mit Duftkerzen von Penny, Körnerkissen von Lidl oder Weihnachtsknäckebrot von Ikea.

In der Kaffeemaschinenschlange bei Saturn musste ich also schmerzlich erkennen, was inzwischen jedem deutlich geworden sein wird und sich auch durch vermeintlich aufgeklärte Reformhausgänge nicht mehr kaschieren lässt: Ich bin geizgeil. Ich konnte es nicht mehr leugnen, wollte entsetzt aus diesem Massen ergreifenden Konsumtrieb ausbrechen und... scheiterte doch im Weggehen. Denn meine Selbstachtung kämpfte schließlich nicht allein gegen meinen eigenen Geiz – ich trinke Tee – sondern stand auch der zärtlichen Verantwortung für meinen koffeindurstigen Liebsten entgegen. Er wollte die Kaffeemaschine, ich wollte das harmonische Sonntagsfrühstück mit Kaffeeduft und beglücktem Liebsten. Und so verschob ich die Suchtbekämpfung zu seinen Gunsten (auch wenn hier natürlich in der Ausredenfindung klassische Suchtmuster zu Tage treten).

Inzwischen war ich in der Schlange zwischen den CD-Regalen von »Folklore« bis zu »Rock/Pop« vorgedrungen, hatte lebhaftem Rezeptaustausch gelauscht, mehrere Neuankömmlinge bei der Erstorientierung unterstützt, gelernt, dass »Kaffee« auf Türkisch »Kahve« heißt, und zwei auf dem Weg befindliche Probekopfhörer mit ayurvedischen Glücksübungen (»Ich bin ein Meer«) und Elli von »Deutschland sucht den Superstar« hinter mich gebracht. Dann kam eine Durchsage, von der niemand etwas verstand, weil alle Frauen gleichzeitig hektisch brabbelnd ihre Vorder- und Hinterdamen fragten, ob sie etwas verstanden hätten. Schließlich erschien ein wichtig gekleideter Saturn-Mann, der sein Bedauern ausdrückte und den Um- und Anstehenden eröffnete, dass die Kaffeemaschinen leider zur Neige gingen und es nicht zu erwarten sei, dass wir in den hinteren Reihenteilen für unser – vermutlich ja noch mindestens eine Stunde andauerndes – Warten belohnt werden würden. Etwa gegen 14 Uhr würde jedoch ein neuer Kaffeemaschinen-LKW eintreffen, und wir könnten dann gern wiederkommen. Ich verließ wie selbstverständlich die Schlange und erwartete allgemeine Auflösungserscheinungen. Doch verwundert sah ich, dass ich erneut geirrt hatte. Niemand außer mir gab seinen Platz auf. Sie würden warten, irgendwann am Nachmittag ihre Geiztrophäe in Händen halten und sie am Abend neben die spontan mitgenommene Dschungelcamp-CD ins Hamsterregal stellen – für den Fall, dass irgendwann einmal ungeahnte Besuchermengen einfielen oder die andere Kaffeemaschine in einer Notsituationen in Flammen aufginge. Man weiß ja nie.

Ich habe übrigens schließlich – ganz cool, ganz entspannt (»Ich bin ein Meer«) – eine (12-Tassen!-)Kaffeemaschine bei Karstadt gegenüber gekauft. Für 7,99. Vielleicht gibt es für mich doch noch Hoffnung.


PS: Nächsten Montag gibt es Staubsauger für Rentner.

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn Jahre lang Muscheln geschubst und dabei schon immer gern die Geschichte vom Wetterhahn gehört. Aus dem [..]

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