Neulich hat eine Gastroenterologin zu mir gesagt: »Entweder Sie sind schwanger oder Sie haben psychische Probleme«. Dieser Satz ist interessant und hatte für die Gastroenterologin den schönen Effekt, dass sie in beiden Fällen nicht für meine ihr unverständlichen Bauchschmerzen zuständig war. Nachdem ich mir keiner Bauchschmerzen verursachenden Seelenqualen bewusst war und sich im Anschluss an hektische Babyein- und Studienumplanungen der rosa Balken nicht so färbte, wie die Gastroenterologin vorausgesagt hatte, kam schließlich ein freundlicher Kollege von ihr zu dem banalen Ergebnis Blinddarmreizung.
Ein anderes Mal bat ich eine Neurologin um Hilfe, als mich nach einem harten Kopfstoß Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel plagten. Sie ließ mich klatschen und hüpfen, plante ein EEG irgendwann in der kommenden Woche und kam dann doch zu dem Schluss, dass mir wohl mit einer Psychotherapie am besten geholfen wäre, da ich beim Anamnesegespräch auffällig viel gelacht hätte und ihr daher »nicht ganz normal« erscheine. Zu diesem Vorwurf muss ich erklären, dass der harte Schlag auf den Hinterkopf dadurch ausgelöst worden war, dass ich in der Folge eines zu dieser Zeit sehr seltenen Tores des 1. FC Köln beim hüpfenden Jubel gegen die Wand geknallt war. Diese grobmotorische Glanzleistung versetzt mich noch heute in amüsiertes wie peinlich berührtes Staunen und mag auch damals das Gespräch mit der wohl motorisch begabteren aber weniger humorvollen Neurologin geprägt haben. Zudem habe ich mich mit meiner – zwei Stunden später von einem freundlichen Kollegen diagnostizierten – Gehirnerschütterung auch »nicht ganz normal« gefühlt. Sonst hätte ich die Neurologin ja auch kaum aufgesucht. Mit 18 habe ich mir den Mittelfuß angebrochen. Und weil drei Orthopäden das »psychisch« fanden, hatte ich mit 20 eine Arthrose und Schrauben im Fuß.
Meine Krankheiten sind oft »psychisch«. Glücklicherweise hat bisher immer irgendwer dann irgendwann doch irgendwas Unpsychisches gefunden, so dass ich zumindest noch nicht wirklich ernsthaft an meinem Geisteszustand zweifeln muss. Aber die Ärzte tun das immer wieder. Ich weiß nicht, ob das an mir liegt. Sehe ich gaga aus? Vermittle ich im Gespräch wahnsinnige Eindrücke? Meine letzten schriftlichen Belege zum Sozialverhalten sind noch aus Schulzeiten. Da hieß es meistens »freundlich und aufgeschlossen« oder auch mal »freundlich und zurückhaltend«. Nie »depressiv und hypochondrisch« oder »Bauchschmerzen ersinnend und nicht ganz normal«. Vielleicht wäre das jetzt anders. Ich bin älter geworden. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen.
Oder machen die Ärzte das mit allen? Macht es ihnen Spaß, wenn ich denke, dass ich gaga bin? Ich weiß, sie sind wütend in Zeiten von Gesundheitsreform und Praxisgebühr. Aber dann könnten sie doch Ulla Schmidt einreden, dass sie gaga ist und mich heilen wie gehabt. Zudem liegen einige der Vorfälle für diesen Erklärungsansatz zu weit zurück. Oder fällt denen etwa einfach nichts anderes ein? Mein Vater hat einmal ein Buch über einen Mann gelesen, der mit 109 Jahren beim Wasserskilaufen gestorben ist und bis dahin gesund und froh war, weil er regelmäßig Schwedenkräuter zu sich genommen hat. Seitdem verordnet mein Vater jedem, der irgendwo irgendwas hat, Schwedenkräuter, weil er glaubt, dass das gegen alles hilft. Meine Mutter glaubt an Ringelblumensalbe und viele Menschen an Wadenwickel. Vielleicht ist es bei den Ärzten so mit Psychotherapien. »Glaube daran und freu dich – alles wird gut werden.« Wenn das einreißt, kann Bayer Leverkusen einpacken.
Ich bin uneingeschränkt für geistige Gesundheit und allgemeines Glücklichsein. Und ich glaube durchaus, dass mir manchmal Leute oder Dinge auf den Magen schlagen, die ich da wieder wegfreuen kann. Aber eben doch nicht immer, und für Ärzte finde ich das auf die Dauer medizinisch reichlich einfallslos. Mein Vater ist Lehrer.
Jegliche Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.
© 2000-2010 kolumnen.de – ISSN 1618-3231
Herausgeber/Kontakt | Rechtevorbehalt | Haftungsausschluss
Was verpasst? Meist mehrmals in der Woche plaudert unser Newsletter natürlich über die neuesten Kolumnen, über exklusive Buchverlosungen, Lesungen, neue Illustrationen, Hörkolumnen, englischsprachige Übersetzungen und vieles mehr, was außerhalb des Newsletters kaum Beachtung finden kann. Jetzt anmelden!
Nutzen Sie facebook? Outen Sie sich als unser Fan!