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Wahnsinn frisst Alltag.
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25.01.05

Susanne Plath

Pearl Harbour, GZSZ und Bohnen mit Tomatensoße

»Sieben«, zische ich. »Sieben? Ach Quatsch. Doch. Iih.« Mein Freund dreht sich wieder zu mir zurück und legt bedächtig den Malta-Reiseführer auf den Tisch, den er zur Tarnung aus dem Rücksack hinter sich genommen hat. »Sieben«, grinst er ein wenig hilflos und steht auf, um auf dem Weg zum Kaffeeautomaten noch mal genauer hinzusehen. Wir befinden uns im Frühstücksraum des ersten Pauschalurlaubshotels unseres Camperlebens. Es ist der fünfte Tag und wir können nicht aufhören zu staunen. St. Pete's hat heute ganze sieben Spiegeleier um seinen Teller herum aufgebaut, dazu die obligatorischen fünf Gläser Orangensaft (damit er nicht zwischendurch nachfüllen muss), vier Scheiben in Fett geschwenkten Toast, Baked Beans und einen Turm Frückstücksspeck, den wir noch nicht numerisch bestimmen konnten.

Britisches Frühstück ist wie »Notruf« beim Zappen. Du kannst nicht weggucken, aber wenn du hinguckst, wird dir schlecht. St. Pete's ist übrigens der korpulente englische Herr vom Nebentisch und heißt St. Pete's, weil wir ihn noch nie anders als in einem geringelten T-Shirt mit der Aufschrift »St. Pete's Beach« gesehen haben. Inzwischen kommt mein Freund mit dem Kaffee zurück und murmelt: »Der Untertassenmann macht es schon wieder. Das kann kein Zufall sein.« »Sieht Morning das eigentlich? Die Aufräumerin würde ihm das schon abgewöhnen, aber sie traut sich immer noch nicht an seinen Tisch«, erwidere ich in der Aufwärtsdrehung auf dem Weg zum zweiten Teller Müsli. Unterwegs beobachte ich gewissenhaft. Es stimmt, der Mann am Tisch hinten rechts hat schon wieder den übergeschwappten Kaffee aus seiner Untertasse in den Becher zurückgekippt und rührt jetzt schweigend. Wir vermuten, dass er systematisch zweimal auf den Kaffeeknopf drückt um einen Weg zu sparen. Einen Tisch weiter sitzt auch allein bei einem Teller Würstchen die nette kleine Dame, die wie Miss Sophie spricht und immer die Tische aufräumt. Beim Müsli grüße ich die sympathischen Wahrscheinlich-Lesben und lausche am Toaster dem allmorgendlichen Streitgespräch zwischen dem deutschen Hippie und dem Diskutierer.

Heute geht es um Apfelsinen und die Deutsche Bahn. Auf dem Rückweg zu unserem Tisch kreuze ich Morning, unseren fortwährend »Morning Sir. Morning my love, how are you?« grüßenden Kellner und habe einen guten Blick auf GZSZ, der gerade genüsslich eine komplette Brötchenhälfte in seinen Mund schiebt. Seine Begleiterin spricht schon wieder nicht mit ihm und ich kann das irgendwie verstehen, da wir ihn nach seinem immer präsenten Fun-Shirt benannt haben, auf dessen Vorderseite ein kopulierendes Paar unter der Überschrift »Gute Zeiten« und auf der Rückseite ein primäres männliches Geschlechtsmerkmal mit einer rechten Hand unter dem Titel »Schlechte Zeiten« abgebildet ist. Die Begleiterin isst schweigend Bohnen in Tomatensoße. Seit ihr Häkelkleid bei meinem Freund spontane Assoziationen auslöste, heißt sie Gardine.

Wieder am Tisch weist mich mein Freund auf große Neuigkeiten hin: Pearl Harbour hat heute ein neues T-Shirt an, dessen Aufschrift »USS Missouri« endlich die drängende Frage klärt, ob das »Remember Pearl Harbour«-Hemd der letzten Tage als unbedachter Souvenirzufall oder politische Botschaft zu deuten ist. Empört tunke ich den selbst mitgebrachten Erdbeerteebeutel in den Becher und denke, dass man Kriegsschifffreund jetzt mit drei f schreibt.

Eigentlich bin ich über unsere Entwicklung schockiert. Normalerweise sitzen wir im Urlaub mit Teebechern im VW-Bus, blicken besinnlich auf das Meer und genießen friedfertig die Einsamkeit. Der Frühstücksraum macht aus uns eiskalte Lästerschwestern. Jeder Müsligang wird zur Spähmission. Freundlich »Morning« murmelnd mischen wir uns unter die Frühstücksmasse und halten kurze Schwätzchen über Ausflugsziele und den Sonnenschein. Aus den Augenwinkeln zählen wir fasziniert die Sausages auf den Tellern und diskutieren die modischen Trends wie Jogginganzug mit Stöckelsandalen oder über den Bauchnabel gezogene Hose mit Goldkettchen. Natürlich kenne ich dieses freudvoll lauernde Wer-was-und-wie-mit-wem-Spielchen aus Restaurants und Straßencafés. Aber diese Kontinuität der gerade im Januar so hübsch übersichtlichen Pauschalfrühstücksgruppe ermöglicht ungeahnt interessante Langzeitstudien. Und wir sind nicht die einzigen Beobachtenden.

Besonders Gardine und GZSZ blicken immer wieder unauffällig um sich und stecken tuschelnd die Köpfe zusammen. Morning missbilligt dezent meine Ego-Teebeutel und die Aufräumerin versucht schneller zu sein als das Aufräumpersonal. Vielleicht essen überhaupt alle so viel, um möglichst viele Beobachtungsgänge machen zu können. Pauschalfrühstück ist Belagerungszustand. Ein geheimnisloses Paradies für Schily und Beckstein. Und das Ganze mit selbst gebastelten IM-Namen. Was sie wohl über uns sagen? Vielleicht heiße ich Müsli. Oder Kopfmopp.

Ich glaube, ich hole mir noch einen Saft.

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn Jahre lang Muscheln geschubst und dabei schon immer gern die Geschichte vom Wetterhahn gehört. Aus dem [..]

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