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»Berliner Charme und die Angst an der Kasse« vorgetragen von Karolina Petrossian
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Wenn ich an einer Kasse einen kleinen Betrag mit einem großen Schein bezahlen muss, sinke ich demütig in mir zusammen, senke beschämt den Blick und sage ängstlich: »Tut mir Leid, ich hab's nicht kleiner«. Mein Freund lacht dann immer. Aber ich bin erst nach meiner grundlegenden Sozialisation nach Berlin gezogen und traumatisiert. Es war in meiner zweiten Woche als Neuhauptstädter als ich eines Abends an der Reichelt-Kasse versuchte, mit einem 50-Damals-noch-Mark-Schein das Wenige zu bezahlen, was ich bei Aldi nicht bekommen hatte. Die Kassiererin ignorierte meinen naiv freundlichen Gruß, starrte mich entgeistert mit wild hervorquellenden Augen an, färbte sich rot und schrie außer sich: »Ja sang Se ma, ham Se se noch alle? Det is hier keene Wechselstube, wa?«. Ich zuckte erschrocken zusammen, sah mich unsicher um und sagte verstört den Satz, der seither für mich das Ende der Unbekümmertheit markiert: »Tut mir Leid, ich hab's nicht kleiner.« Das war der Kassiererin nur leider »scheißejal«, denn schließlich sei es eine »Frechheit, hier so mit de Scheine zu schmeißen«, und nächstes Mal solle ich vor dem Einkaufen gefälligst am Bankschalter wechseln gehen. Es ist nicht so, dass die Kassiererin kein Wechselgeld gehabt hätte. Sie wollte es mir nur nicht geben.
Damit ist sie in Berlin nicht allein. Busfahrer lassen winkende alte Menschen an Haltestellen stehen, stoppen entnervt 100 Meter weiter und regen sich auf, dass die alten Menschen so langsam hinterherlaufen. Blumenfrauen gehen wie zeternde Furien auf mich los, wenn ich es wage, den Bubikopf selbst aus dem Regal zu nehmen, nachdem sie mich eine halbe Stunde lang ignoriert haben. Und wenn man was will, muss man sich nicht wundern, wenn die Antwort nur »Nee« ist und der Angesprochene sich einfach wieder umdreht. Als meine Schwester neulich beim Brötchenkaufen den freundlichen Gruß eines hereinkommenden weiteren Brötchenkäufers erwiderte und »Guten Tag« sagte, fuhr der Bäckersmann sie an »Se brauchen hier gar nich 'Guten Tag' sagen. Det is meen Laden«.
In vielen Servicejobs bekommt man zur Einweisung Gesprächsleitfäden für den Umgang mit Kunden. Solche Dokumente haben Berlin definitiv nie erreicht. Vielleicht ist der LKW umgekippt und all die »Was darf ich für Sie tun«s und die »Kein Problem, dafür sind wir doch da«s liegen irgendwo an der A2 im Knick. Wenn wirklich der Kunde König ist, dann ist in Berlin immer Revolution. Es ist hier so normal, im Dienstleistungsbereich schlecht behandelt zu werden, dass man ganz verdattert ist, wenn es mal nicht passiert. Unser Bäcker hat einen neuen Auszubildenden, der immer lächelt und Sachen sagt wie »Kann ich Ihnen sonst eine Freude machen? Die Croissants sind noch warm«. So was ist unheimlich. Ich will das gar nicht sehen. Aber der Bäckerazubi hat eben zu Recht ein Schild an der Brust, auf dem steht »Ich lerne noch«.
Das Seltsame an Berlin ist, dass man all das irgendwann mag. Man entwickelt einen amüsierten Masochismus. Nicht von ungefähr gibt es den Begriff »Berliner Charme« für die Atmosphäre einer Stadt, in der man gefragt wird, ob man seine Wurst »mit oder ohne Darm« will. Und wenn mal wer nett zu dir ist, glaubst du ihm, weil er es nicht sein müsste. Ich habe dafür Ali vom Döner, den immer winkenden Zeitungsmann und die Buchhändlerin, die meinen Namen kennt – freundliche Oasen in der abenteuerlichen Servicewüste Hauptstadt. Aber mit großen Scheinen traue ich mich zu niemandem mehr.
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