»Antonia! Machste ihr mal ein Get Fit?«
Eine nette blonde Frau nickt fröhlich und kommt um den Tresen herum auf mich zu. Ich lächle unsicher zurück und harre des Dinges, das Antonia mir da machen soll.
Es ist passiert. Ich habe einen Fitness-Vertrag. Ich habe mich lange gewehrt und kann es noch nicht gut erzählen, ohne darüber zu lachen. Antonia ist meine PT fürs Get Fit im Lifestyle-Club, dessen Bonuscard-Sensoren mich seit heute als dazugehörig erkennen. PT bedeutet Personal Trainer und Get Fit ist mein Aufnahmetest. Wenn ich jetzt gleich buche, bekomme ich darüber hinaus noch drei weitere PT-Units für nur 29,90. Ich finde das nett, aber leider habe ich keine 29,90 mehr. Mein Kombijahresvertrag ist prepaid.
Antonia nickt bedauernd und gibt mir ein Formular. Um mich fit zu machen, müssen wir meine Ausgangslage und Zielstellung klären. Ich glaube ihr, dass das wichtig ist, aber ich bin unsicher, ob ich über die Ausgangslage eigentlich so genau Bescheid wissen möchte. Nervös mache ich mich ans Ausfüllen. NAME und GRÖSSE: geht noch. GEWICHT: Ob ich einfach wieder gehe? Nein, denk an die Vorsätze. Zum ersten Mal habe ich welche fürs neue Jahr. Alles anders, alles neu, alles schöner. Und ich auch. Also Gewicht. Ich schreibe eine Zahl und mache schnell weiter.
ZIELGEWICHT: Ogott, keine Ahnung. Weniger. Hübsch. Aber lieber erst mal nicht so hoch die Latte, wer weiß, ob ich das schaffe, und was wird Antonia denken? Ach was, zur Hölle mit der Vorsicht! Was wäre die Welt ohne verfluchte Utopie. Wacker entschlossen schreibe ich eine zweite Zahl und bin jetzt schon ein bisschen stolz.
ALTER: 27. Antonia sieht, was ich schreibe und grinst: »Ach, so alt schon, hätte ich gar nicht gedacht. Na, und wenn ich deinen Geburtstag sehe, ja sogar schon fast 28.« Was soll ich sagen, Zenit war schon. SPORTARTEN: Öh. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit? VORWIEGENDE TÄTIGKEIT: Sitzend. Es wird immer klarer. Ich bin ein Wrack. Selbst das letzte bisschen Hoffnungsstrahl wirft sich am fernen Horizont kichernd und kopfüber in die trübe See.
Nun soll ich aus einer Liste wählen, was meine zentrale Zielstellung ist. Möchte ich vor allem: FETTABBAU, AUSGLEICH ZUM JOB, KREISLAUF STÄRKEN, BAUCH-BEINE-PO, BEWEGLICHKEIT, KÖRPERSTRAFFUNG usw. usw.? Ich mache ein Kreuz bei allem außer GEWICHTSZUNAHME. Dann reiche ich Antonia den Zettel.
Sie betrachtet ihn höflich und holt einen kleinen silbernen Kasten mit zwei Griffen. »Halt das mit beiden Händen fest und entspann dich. Das Gerät misst, welcher Anteil von deinem Körper Fett ist.«
Ich will weg. Gibt es denn gar keine Geheimnisse mehr? Woher will das Gerät das wissen? Was tut es da? Verstört starre ich auf das Ding in meinen Händen, das nach einer kleinen Weile höhnisch piepst. Antonia nimmt es mir ab und trägt Zahlen in mein Get Fit. Sie sagt nichts und misst meinen Blutdruck. Vielleicht hat sie gespürt, dass ich in meiner Unwissenheit nicht unglücklich bin und behält das Ergebnis für sich?
Tut sie nicht. Antonias Zettel ist fertig und sie sagt mir eine Prozentzahl. Kurz denke ich, Mitleid in ihren Augen zu sehen, doch der Eindruck trügt. Denn als wäre das noch nicht genug, rechnet sie die Fettprozente nun in Kilo um. Es gibt keine Gnade. Es ist Montagmorgen, Viertel nach acht, und die Woche ist gelaufen.
Doch mir bleibt keine Zeit zum Verarbeiten. Die Bestandsaufnahme ist beendet und wir schreiten zur Tat. Auf in eine bessere Zukunft und den Easy-Fit-Bereich.
Zwischen rätselhaften Geräten und modisch gekleideten Menschen mit sichtlich besserer Ausgangslage als ich führt mich Antonia zu einem Fahrrad. Ich bin unter meinem T-Shirt inzwischen mit einem Elektrodengürtel ausgestattet, der dem Gerät meine Pulsfrequenz sendet. Ich setze mich und stelle mich beim Sattelverschieben dämlich an. Im Display leuchtet und piepst es, wie bei dem Fettdings. Wenn mir das Fahrrad auch solche Sachen sagt, werden wir zwei keine Freunde.
Ich soll treten und Antonia drückt Knöpfe. Jetzt geht es also los. Ich werde alles geben und bin motiviert. Ich weiß um meinen unhaltbaren Zustand, und ich habe eine definierte Zielstellung. Ich trete, Antonia schreibt. »Du musst da oben bei den Umdrehungen darauf achten, dass du immer so zwischen 70 und 80 bist. Und kannst du mir bitte alle drei Minuten Bescheid sagen? Dann muss ich das Level erhöhen.«
»Kein Problem«, sage ich unbekümmert, »das werde ich grad noch schaffen.«
Denkste. Umdrehungen oben rechts, Uhr unten Mitte, Puls links, Kalorien und Kilometer gibt’s auch noch, ich soll treten, es piepst was, und nebenbei reicht mir Antonia einen Zettel zum Unterschreiben. Sport ist gut gegen Stress. Ja sicher. Schon 3 Minuten 19. Hoffentlich verfälscht das nicht mein Ergebnis. Antonia hat mir erklärt, dass wir bei diesem Belastungstest herausfinden, welche Pulsfrequenzen an welchen Geräten für mich und meine Zielstellung effektiv sind. Es gibt da Unterschiede, ob ich »auf Fettabbau gehen« will oder »auf Kardio«. Da will ich es natürlich genau wissen. Sie verabschiedet sich kurz zum Ausrechnen.
Ich bleibe im Easy-Fit-Bereich zurück und radle weiter. Langsam komme ich gut gelaunt in Fahrt und lasse mich aus der mentalen Verkrampfung zufrieden zurückfallen in ein bescheidenes Stück Multitasking. Ich sehe mich im Raum um und stelle mir vor, hier in den nächsten Monaten ein wenig Heimat zu finden. Wegen der Zielstellung und wegen des Prepaid-Vertrags. Alles scheint friedlich. Zwei Geräte weiter läuft eine junge Türkin gazellengleich auf einem Stepper. Dahinter walkt eine ältere Frau auf dem Laufband. Ich zweifle leise, ob ich das auch so elegant hinbekomme, sehe mich im Geiste mit rotem Kopf nach vorn fallen und nach hinten rollen und ziehe in Erwägung, lieber für immer auf dem sicheren Fahrrad zu bleiben. Doch die walkende Frau sieht ganz normal aus. Klappt alles. Je länger ich trete, desto unbeschwerter sehe ich die Dinge. Gerade als ich mich endorphintrunken davon überzeugt habe, das alles sei wohl nur halb so gefährlich, fällt sie hin.
Antonia kommt zurück und zieht meine Konzentration zurück auf die Frequenzenliste: »Damit du ideale Ergebnisse erzielst, solltest du dich streng danach richten. Jetzt siehst du deine Werte wegen des Gürtels ganz genau im Display. Den brauche ich aber gleich wieder.« Entrüstet hänge ich an meinem wichtigen Gefährten. Wieso wiederhaben? Und was soll aus mir werden?
»An den Griffen der Geräte sind dafür Sensoren«, sagt Antonia, »Aber die sind echt ungenau. Wenn du die Gewichtsreduktion ernsthaft betreiben willst, solltest du so einen Gürtel kaufen. Kriegst du bei mir für nur 29,90.« Wenn ich ernsthaft betreibe? Was soll das denn heißen? Demonstrativ trete ich schneller. Gürtel brauche ich. »Oder du nimmst die Fitness-Uhr für nur 36,90. Damit kannst du auch draußen beim Joggen deinen Puls checken.« Brauche ich auch. Egal, dass ich zum letzten Mal vor drei Jahren gejoggt bin. Habe ich vorhin noch meine Zielstellung für Utopie gehalten? Lächerlich! Ich brauche professionelle Ausrüstung. Und PT-Units. Und einen iPod. Nach dem Training werde ich mit dem Rad zur Arbeit fahren und unterwegs meinen Puls mit der Fit-Uhr kontrollieren. Nach Feierabend komme ich wieder her und gehe auf Fettabbau. Und morgen. Und Samstag zum PT-Yoga und Montag zur Rückenschule. Und überhaupt. Ich werde treten und das Laufband bezwingen und schön werden und glücklich und straff. Ich werde es dem Fettdings schon zeigen. Beim nächsten Mal kann es sich in mir totsuchen, nichts wird es mehr finden, gar nichts ...!
Ich glaube, morgen kaufe ich mir erst mal eine zweite Sporthose. Fragt mich in zwei Wochen noch mal.
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