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»Die BfA, Camilla und die Informationsgesellschaft« vorgetragen von Tom Wendt
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12.04.05

Susanne Plath

Die BfA, Camilla und die Informationsgesellschaft

Die BfA hat mir geschrieben, um mir mitzuteilen, dass sie mir bald schreiben wird, damit ich ihr wieder schreiben kann, wen ich wählen will. Die BfA schreibt »Sozialwahl 2005. Richtig. Wichtig.«, und ich finde das gut. Die Wahlverantwortung des Wählers ist eine Grundlage unserer Demokratie. Ich finde aber auch, dass ich, um zu wissen, wen ich wählen will, doch eigentlich erstmal wissen muss, wen konkret ich wählen wollen könnte, wer das ist und warum genau ich ihn wählen wollen sollte. Das hat die BfA nicht geschrieben. Aber dafür hat sie ein Kärtchen beigelegt, das ich zurückschicken soll, wenn ich es trotzdem wissen will. Das Kärtchen muss ich frankieren.

Ohne kostenpflichtige Anfrage bekomme ich regelmäßig Apothekenheftchen, NKL-Anrufe, GMX-Newsletter und Mails wie »Du willst heute noch realen Sex haben werden?« oder »In nür weniggen Tagen zum TTip-Profi«. Wenn George W. Bush zu Besuch kommt, hält die ARD von meinen Gebühren fünfzehn Minuten lang ihre (und damit irgendwie ja auch meine) Kamera auf eine Limousine, von der ein Sprecher sagt, »Aus Sicherheitsgründen fahren mehrere typgleiche Wagen in Kolonne. Wir können nur vermuten, dass hinter diesen getönten Scheiben der Präsident sitzt«, und die schlussendlich in ein undurchsichtiges Zelt fährt, in dem der Präsident – so er es denn war – für mich unsichtbar aussteigt und für mich unsichtbar in ein Haus geht. Ohne Winken, ohne Schatten, ohne Worte, ohne Bild, ohne Sinn – und ohne mein Einverständnis. Keiner hat mich gefragt, ob ich etwas über das außereheliche Sexleben von Roberto Blanco oder die finanzielle Situation von Doktor Brinkmann wissen möchte. Es war einfach da. Überall. Für die Vorfreude-Sendung »Die Hochzeit – Charles und Camilla« ist am letzten Montag mein Krimi ausgefallen und ich musste stattdessen von wichtig dreinschauenden Adelsexperten wieder einmal Bedeutendes über zu erwartende Speisefolgen, royale Gästelisten und Hutblumen aus Ostdeutschland lernen. Vom Heimgang des Papstes wage ich kaum zu sprechen, aber – mal ehrlich – hätten nicht ein oder zwei Programme mit Dauereinstellung auf die beleuchteten Fenster für die Interessierten unter uns gereicht und für die übrigen der finale Lauftext post mortem? Vor drei Wochen war ich zeitnah auf der Berliner ITB und der Leipziger Buchmesse. Seitdem stehen hinter meinem Sofa circa zwölf Kilo Prospekte, Frühjahrsprogramme, Luftballons und Gewinnspielkarten, sorgsam verpackt in Cornelsen-Leinenbeutel und Mecklenburg-Vorpommern-Tragetaschen. Die Informationen, die ich absichtlich gesammelt habe, sind irgendwo dazwischen. Ich warte noch auf Entwirrungsmuße und wühle bei Bedarf nach Speziellem.

Sind es vielleicht ökologische Überlegungen, die die BfA inmitten einer so überschwänglichen Informationsgesellschaft zu ihrer Papier sparenden Zurückhaltung treiben? Oder holt der Bund über die durch meine 45 Cent gesparten BfA-Zuschüsse das Geld für eine sinnvollere Volksinformationskampagne wie die Werbeplakataktion zur – bereits passierten – Agenda 2010 wieder rein? In jedem Fall muss der deutsche Wähler den Wust von unfreiwillig über ihn kommenden Informationen gut genug verkraften, um noch die notwendige Lust und Energie aufzubringen, sich aktiv um vielleicht wesentliche zu bemühen. Als Spanien vor einigen Wochen zur Abstimmung über die neue EU-Verfassug aufgerufen war, lag dort der Text des fraglichen Entwurfs sämtlichen Tageszeitungen bei, in Fußballstadien wurden Infoblätter verteilt und im Big-Brother-Container fand ein EU-Quiz statt, um eine möglichst breite Masse der spanischen Wähler auf das bevorstehende Referendum vorzubereiten. Wenn der einzelne Spanier keine Lust auf Referendum oder Lesen hatte, war das seine Sache und er konnte Charles und Camilla gucken. Aber er konnte ohne großen Aufwand wissen, was er warum wählen wollen konnte oder eben nicht. In Deutschland kommt man an den Verfassungsentwurf schon schwerer. Aber wir haben ja auch kein Referendum und müssen nichts wissen, weil wir sowieso nichts wählen können. Hoffen wir, dass unsere Parlamentsabgeordneten vor der Abstimmung nicht erst ein Kärtchen frankieren müssen.

Meins ist unterwegs. Die BfA ist mir noch was schuldig.

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn Jahre lang Muscheln geschubst und dabei schon immer gern die Geschichte vom Wetterhahn gehört. Aus dem [..]

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