Dass auf der Popkomm 2007 keiner abhebt, dass die Stimmung etwas gedämpft, Sound & Qualität so komprimiert und ohne Tiefen kommen wie auf einem iPod: das hatten wir schon. Nun, zum Abschluss der letzte Run durch die Hallen, nicht nur die voller Laberer und Aussteller, sondern auch die Hallen, in denen die Musik spielt. In Köln dröhnte es ja schnell in jedem Eck, fast rund um den Ring, und die ganzen Kölner Gecken waren aus dem Häuschen, auch die Jecken vom Rheinland kamen und stießen an ... nur in Berlin, immer noch griesgrämig gern Heimat der Kodder-Schnauze, ist der Groove ein anderer. Kaum ein Taxifahrer weiß, dass gerade Popkomm ist, in der Bevölkerung schüttelt man den Kopf zu anderem als Musik. Schon die Auftaktveranstaltung in der Kulturbrauerei, abends vor dem ersten Tag, war so traurig und peinlich, so ein Dilemma zwischen den TV-Kameras und rotem Teppich draußen, drinnen gähnender Leere und Gähnen auch auf den Gesichtern der Hostessen. Die am Mikro abgestellte Moderatorin siezte vorsichtshalber alle Gäste, wobei sie in ihrer kurzen Ansprache nicht umhin konnte, anzumerken, dass es ja doch noch – noch! – sehr wenig Anwesende wären. Die gehörten allerdings, wusste sie von irgendwoher, zu den wichtigsten Entscheidern weltweit.
Also, für Konzerte, quer durch die Stadt oder nach rechts oben, Prenzlauer Berg, zu den diversen Schuppen der Kulturbrauerei. Verunsichert, ob ich nun alle 886 Aussteller aus 57 Ländern gesehen oder gar begrüßt habe, sage ich mir: Vielleicht kann ich ja wenigstens die 450 Bands plus die Plattenspieler der ersten Popkomm DJ Night sehen. Geht aber nicht, denn, wie das so ist, liegen bei mir zuhause noch ein paar Gestrandete. Der eine brachte diesmal immerhin Schlafsack und Zahnbürste mit, ein anderer unterscheidet sich nur durch sporadisches Grunzen von einem komatösen Langzeitpatienten, und den Dritten, den, der kaum auf das ausgeklappte Sofa passt, kenne ich eigentlich nur von früheren Popkomms. Seine Devise: Say No To Sleep! Abgesehen von dieser Motörhead entlehnten Ansage findet er in meiner Plattensammlung wenig, was ihn nicht erschaudern lässt. Trotzdem: Guter Typ. Alles Leute, die am Geschäft mit Popmusik teilnahmen oder –nehmen. Die meisten unendlich angeödet von dem Greinen der Industriebosse. Alle mehr oder minder amüsiert, wie die letzten Ratten auf dem Schiff nach den Rettungsringen suchen. Völlig unberührt von all dem übrigens, offenbar auch in der Berichterstattung und im Klatsch und Tratsch auf den Gängen: das, was vor dem Haupteingang der Messe schwebt. Mehr dazu später.
Das Vorhaben mit den Livebands habe ich – warum sollte ich hier weiter lügen und fabulieren? – schnell geknickt. Stattdessen bin ich zu einer Art Parallelveranstaltung gegangen. Ein guter Freund lud alte Bekannte ein. Noch mehr Gestalten wie die zuhause. Hier auch einer, mit dem ich schon nächtelang telefoniert habe, ein anderer, der jetzt Audiobooks produziert (usw.) – und der Ex-Drummer einer der reichsten Bands Deutschlands. Alles Leute, die Musik machen oder lieben. Andere Musik als meine. Trotzdem. Es wurde also genetzwerkelt und promotet, aber man sprach auch ganz ernsthaft und mit echter Leidenschaft über Vinyl, das Londoner Presswerk, auf dem man Platten mit parallel verlaufenden Rillen produzieren kann, über extra dicke Gourmet-Scheiben, wie’n Schnitzel, am besten so dick und schwer, dass man sie mit 45 rpm abspielen muss, warum eigentlich 45? Und so weiter.
Es zeigt sich – auch für die Leserin, die das Gähnen gerade noch freundlich zu unterdrücken weiß – über Musik reden lässt sich auch ohne Majors und Politiker. Außerdem zeigt sich, dass der Abend wirklich auf einer Parallele zu anderen stattfand: Selbst am hinteren Ende der Unendlichkeit wird er – wie zwei parallele Geraden – in diesem Universum nie auf die andere Veranstaltung treffen. Musik (machen und hören und lieben) ist mit dem Musikbusiness vielleicht vereinbar, zurzeit aber sehr sehr weit entfernt von dem, was die Menschen in der Branche umtreibt. Muss man sich darum sorgen, was aus Kultur wird, wenn Musikbetrieb und Musikkritik und Musik an sich immer weniger Schnittpunkte haben? Wenn die Macher völlig abseits von Käufern oder Fans auf ihrer Platform darüber fachsimpeln, wie künftige Geschäftsfelder anzubohren sind?
Man kann das fatalistisch sehen: Es wird sich zurechtrütteln. Wenn die Leute heute über iTunes lauter einzelne Songs runterladen, sind eben schlechte Zeiten für Album-Bands. Deren Schicksal wird sich wenden, wenn ein Act kommt, der Herden zum Umdenken bewegt. Das ging 1967, es wird irgendwann wieder gehen. Wer zum falschen Zeitpunkt nicht am richtigen Ort ist, hat eben Pech gehabt. Das geht anderen in anderen Bereichen auch so. War schon immer so. Auch bei Leuten in Positionen, die sicher aussehen, es dann aber nicht sind.
Man kann es aber auch als symptomatisch für eine Kultur sehen, in der immer wieder Betrieb und Kritik und andere Mitmacher seltsam losgelöst voneinander agieren. Andere Mitmacher: In der Literatur wäre das die Literaturwissenschaft, die fernab von Literaturbetrieb und –kritik agiert; beim Film die Filmförderung usw. Diese Gräben zwischen den Funktionären und Apparatschiks sind nicht zwingend, sie sind nicht selbstverständlich ... sie verlaufen allerdings in manchen Kulturen, sprich: Ländern, tiefer als in anderen. Gerade Pop, das war ja das Magische daran (ob Elvis oder Chili Peppers oder Pistols), bewies immer wieder, dass es möglich ist: cross the border, close the gap.
Als noch die Kassen der Plattenläden klingelten, und nicht der jeweils letzte Hit als Ringtone bei Kiddies, als wir an den Rändern beschäftigten Schnorrer noch von den Majors in Stretchlimos abgeholt und mit Business-Class um die Welt gejettet wurden, da traf ich einen Sänger. Der sagte, als ich ihn nach Inspirationen befragte oder nach sonstwas Klugem oder Doofem (er zog eh sein Ding durch, unabhängig von Fragen): »Bei den Bergsteigern zum Beispiel, da findest du ein Engagement, da findest du Leute, die gehen nur dann arbeiten, wenn sie was zum futtern brauchen, ansonsten widmen sie sich voll und ganz ihrem Hobby. Sie geben sich einem Sport hin, mit dem sie nie ihren Lebensunterhalt bestreiten werden, mit dem sie nie berühmt werden, der sie irgendwann – das ist nicht allzu weit hergeholt – Kopf und Kragen kosten könnte. Von dieser Einstellung würde ich im Rock'n'Roll liebend gern etwas mehr sehen – statt diesem ewigen: Wo ist der Plattenvertrag, wann drehen wir den Video, wo ist die Limo, wann bin ich auf MTV?«
Das (was sich David Lee Roth 1991 wünschte) ist vermutlich schon Teil der Gegenwart und sicher Teil der Zukunft. Warum auch nicht? Es hat ja was, wenn die Goldgräber verschwinden, wenn man Musik wieder verstärkt denen überlässt, die sie mehr/minder als Selbstverwirklichung oder -ausbeutung betreiben – wie Schriftsteller oder Sozialarbeiter. Unterhalb des Radars von Kulturbetrieblern oder Kaufmännern findet ja wirklich viel statt – beispielsweise auch, was neulich Nachrichtenagenturen wirklich hilflos dahingestammelte Schlagzeile entlockte: dass nämlich – hier wären wir bei dem, was völlig unbeachtet vor der Messehalle schwebte – Led Zeppelin eine Hysterie ausgelöst, dass sie binnen Stunden 20 Millionen Ticketvorbestellungen verbucht haben. »Die Fans flippen aus.« Ja ... sowas aber auch!
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