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Wahnsinn frisst Alltag.
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20.09.07

Matthias Penzel

Volljährig: der Popkomm Blues

Schon wieder Popkomm. Wieder in Berlin. Wieder alles so leblos und reglos, als wäre es nie anders gewesen. Naja, ein bisschen anders sieht es beim genaueren Hinsehen dann doch aus. In den Hallen herrscht jetzt Rauchverbot, zum Quarzen geht man vor die eine oder andere stählerne Notausgang-Tür. Beim Lesen des Teilnehmerverzeichnisses fiel einem letztes Jahr auf, dass sich sehr viele Anwälte und Sozietäten akkreditiert hatten. Dieses Jahr, so der erste Eindruck, sind die Japaner auf dem Vormarsch. Zumindest an den Aschenbechern am Fuß des Funkturms, am äußeren Ende West-Berlins. Man muss gar nicht lange darüber nachsinnen, schon fühlt man sich wie in der Popwelt an sich: ausrangiert. Auslaufmodell. Nicht einmal mehr als Gegen-den-Trendläufer cool. Sondern einfach nur von gestern. Mit besten Absichten aber ohne Zukunft.

Ich werde jetzt nicht winseln und jammern. Das Lied kennen wir, auf der Popkomm wird es alljährlich – wie bei jedem Branchentreff – angestimmt. Die Nostalgie-Tröte überlasse ich gern unter Demenz leidenden Machern und Konsumenten. Popkomm ist keine 80s Show, sondern »die internationale Businessplattform der Musik- und Entertainmentbranche«. Mein Knödeln, die Verwunderung darüber, dass der Zug, den ich kenne, schon lange abgefahren ist und hier nicht mehr halten wird, vergessen wir also einfach mal – und gehen zurück in die Halle. Ich bin extra schnell reingerast. Statt lange nach der Warteschlange für Presse, für VIP und V.i.S.d.P. zu suchen, statt dort Schultern klopfen und Hände zerdrücken zu lassen, statt sich dort wegzuducken vor allzu freundlichen Medien-Partnern, habe ich mit einer Einladung für die Media Lounge gewinkt und mich so an einem der Messe-Ordner vorbeigeschmuggelt. »Ain't No Substitute For Arrogance«, Hymne des Rock. Pop ist ja auch Rock. Zum Rock gehört außer dem Roll ja auch die Rebellion, die revolutionäre Geste ... und überhaupt.

Popkomm, initiiert vom Rockbüro NRW, begann als Branchentreff in einem Düsseldorfer Jugendzentrum. Kleine Firmen aus Deutschland sprachen über Urheberrecht, Musikverlage, Schallplattenfirmen, auch Marketing und Promotion und Synergien und lauter andere Dinge, von denen Musiker höchstens vage gehört hatten. Im Programmheft stand unter der Überschrift »Was soll passieren?« unter anderem: »Popmusik ist Kultur. Wie sieht es mit der Kulturförderung aus?« Die Antwort: »Der Kultusminister ist Schirmherr von Popkomm. Das Problem wird also gesehen« ... Ja. So fing das an. Mit Problemen. Ein Jahr später in Köln, dann mit den meisten großen Plattenfirmen (eine mit der Anbiederung, man sei der Indie unter den Majors). Dann waren alle dabei. Panels und Workshops hatten mit Musikmachen wenig zu tun, dafür umso mehr mit Künstlersozialversicherung, Radio, Fanzines, Export, Standort Deutschland usw. Die Rebellen verschränkten die Arme und motzten ein bisschen. Aber es wurde auch viel gelacht und gesoffen. Synergie! Zum Networking genügte es, nach Mitternacht beim Mexikaner in der Luxemburger Straße rumzuhängen. Dort und auf Konzerten wurde so viel gelacht und gebrüllt, dass es am letzten Messetag so ruhig war wie in der Kirche: Wer noch stehen konnte, wer den Weg aus der Badewanne eines ihm bislang unbekannten Promoters bis zur Messe geschafft hatte, war dann so heiser, dass man nur noch röchelnd beklagte, wie alles zu bloßem Geschäft verkommen war.

Die erste Popkomm fand im November 1989 statt. Auch zum »Jugendfunk in der DDR« gab es einen Vortrag. Dann wurde alles sehr schnell sehr viel größer und bedeutender. Alles. Der deutsche Musikmarkt wurde – in absoluten Zahlen – zum zweitgrößten weltweit; die Popkomm zu der wichtigsten Musikmesse überhaupt. Der Katalog wurde irgendwann nicht mehr auf grauem Umweltschutzpapier gedruckt, mit der Goodie-Bag erhielt man Gimmicks wie Alka Seltzer und Kondome, aber auch Einblick in die Träumereien der Bertelsmänner und Branchenlenker. Der CD war ein Goldregen zu verdanken, nun sah man, wie die selben alten Alben noch mal in neuem Format erneut verkauft werden sollten: mit Sonys MD, Philips' DCC und anderem Schabernack. Musik wurde aber noch gemacht und gehört, in etlichen Clubs, für das Fußvolk auch am Kölner Ring, manchmal auch von über die Messe rasenden Freaks auf Rollerblades und mit Amps im Rücksack.

Auch die Bekloppten waren lustig. Beim Lästern und Lachen traf man immer wieder Halbseidene und Halbstarke, denen Jazz oder Techno oder Punk wirklich etwas bedeutete.

Heute ist die Popkomm 18, volljährig, und selbst hier interessiert das niemanden. So wie vor ein paar Jahren, als ich nach Gesichtern zu den DJ-Kollektiven suchte, nach anfassbaren Tonträgern, staune ich heute. Furukawa Electric Europe steht über dem Stand, und ich frage mich, wohin der Zug diesmal fahren soll. Soll. Nicht wird. Denn frühere Züge, die auf der Platform-der-Musikbranche präsentiert wurden, sind ja schnell ausgerollt. Andere wurden von den Entscheidern übersehen. So beschäftigten sich die Macher des Rockbüros schnell mit MTV, machten einen Deal mit dem MediaPark und vier Majorlabels und gründeten VIVA. Doch schon 1994 ließ sich im nun zweisprachigen Katalog/Programm Joachim Graf darüber aus, wie multimedial die Zukunft sein würde. Anders als bei Folk oder Schlager geht es bei Pop ja immer auch um Fortschritt, um Neues. Bei allem Lachen und Feiern, auch im Schatten von Kultusministern und Konzernlenkern gibt (gab?) es Menschen, die sich für Zukunftsmusik interessierten. Was Graf intonierte, klang unfassbar: »Breitbandnetze aus Glasfasern und Luft«, drahtlose Datenübertragung und multimediale »Telecomputer« ... Er diagnostizierte denn auch, dass man in der Musikindustrie »über die zwei Buchstaben C und D nicht mehr hinausdenken kann«.

Heute ist Pop aber, denke ich angesichts der Stände voller Solutions und Lösungen, nicht mal an den Rändern rebellisch oder die Gegenwart hinterfragend. Alles nur Rendite, Hightech und Netzwerke aus Chips. Ja, ja, denke ich, und suche nach einem Infostand, gibt es denn überhaupt keine Plattenfirma mehr? Die Dotcoms kamen und gingen, vor ein paar Jahren, nach dem Umzug nach Berlin, mehr Nokia und Vodafone als Vinyl oder EMI ... und da merke ich, dass ich tatsächlich auf der falschen Messe bin. Die Popkomm hat sich verkleinert, ist am anderen Ende des Messegeländes.

Also, nix wie hin...

Und tatsächlich: Die Netzbetreiber sind nicht mehr da, auch die Anwälte tümmeln sich nun woanders, aber ... was ist geblieben? Welcher Ton macht die Musik? Erstmal ins Pressezentrum, bisschen wichtig tun, umhören, schnüffeln, rumspionieren. So wie früher: Free Food, Free Drinks, Free Press.

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Matthias Penzel

Geboren 1966 in Mainz, Kindheit in Straßburg, Kaiserslautern und Ludwigshafen. Zivildienst im Krankenhaus Weinheim, gleichzeitig erste journalistische Arbeiten bei Regionalzeitschriften in Heidelberg und Umgebung. Als Schlagzeuger bei zwei Dutzend Bands, als Musikjournalist unterwegs in London, [..]

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