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29.01.10

Frank Müller

Bücher sehen dich an – oder: Die Rache der Eselsohren

Bücher sind nicht einfach nur tote Gegenstände. Man lebt mit ihnen vom ersten Augenblick an. Das bestellte und endlich eingetroffene Buch trägt man aus der Buchhandlung so vorsichtig wie ein Neugeborenes. Oder aus einem flüchtigen Flirt am Büchertisch wird eine ernste Sache, womöglich sogar eine heiße Affäre, mit der man gleich am ersten Abend im Bett landet. Zugegeben, nicht immer entwickelt sich die Beziehung so leidenschaftlich. Doch am Ende stehen sie immer vor uns, die Bücher im Regal, entweder dankbar für die gute Behandlung oder in stummer Anklage uns den Rücken zuwendend. Die Bücher sehen uns an, und wir müssen uns vor unserem Gewissen rechtfertigen. Sind wir gut zu ihnen gewesen? Ist der Kaffeefleck auf Seite Neun verziehen? Und das Eselsohr auf Seite Hundertdrei, das wir so vergeblich glattzustreichen versuchten? Natürlich gebraucht man Bücher in einem gewissen Sinn, und doch sind sie mehr als Gebrauchsgegenstände. Sie sind so etwas wie Kulturträger, denen etwas Ewiges anhaftet, jedenfalls in unserer Vorstellung. Die Bücher selbst sollen Literatur sein und sind am Ende doch nur ein gebundener Haufen Blätter, der nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Sie zerreissen, verrotten, sind ein gefundenes Fressen für das Feuer. Bücher mutwillig zu verbrennen, bedeutet ihnen das schlimmste Verbrechen anzutun. Man wirft sie auch nicht einfach auf den Müll, das ist fast genauso schlimm, auch wenn mir Autoren einfielen, die so schlecht sind, dass sie es verdient hätten.

Nun gibt es natürlich Zeitgenossen, die einen etwas eigenwilligen Umgang mit ihren Büchern pflegen. Eine mir bekannte Dame pflegt ihre Urlaubslektüre – es handelt sich vorwiegend um Krimis im Taschenbuchformat – entlang des Buchrückens zu zerschneiden, der leichten Handhabbarkeit wegen. So entstehen mehrbändige Werke, deren schlanke Einzelbände eine angenehmere Strandbegleitung sind als ein dicker Wälzer. Mir wurde glaubhaft versichert, dass anspruchsvollere Lektüre verschont bleibt. Tranchierverbot für Nobelpreisträger also. Ich muss gestehen, dass mich dies nicht unbedingt beruhigte, auch nicht der Gedanke, dass nur Dan Brown der Geflügelschere zum Opfer fällt. Bücher haben eine gewisse Würde, die es zu wahren gilt, und vor dieser Handlungsmaxime sollten alle Bücher gleich sein, egal wie gut oder schlecht sie sind.

Mancher geht ja so weit, Büchern Rechte zuzugestehen. Die Bookcrosser etwa meinen, ein Buch gehöre nicht ins Regal, sondern in die Freiheit, auf die Parkbänke und in die U-Bahn. Ob die Bücher sich dort wohler fühlen als in unseren vier Wänden, weiß niemand. Viele der ausgewilderten Bücher verschwinden auf Nimmerwiedersehen im Großstadtdschungel, selbst im übersichtlichen Bielefeld. Und im Gegensatz zu den Vertretern der Fauna und Flora vermehren sie sich auch nicht. Eine selbsterhaltene Population frei lebender Bücher wurde im öffentlichen Raum noch nicht beobachtet.

Nicht alle Bücher, die daheim bleiben, bleiben von den Elementen verschont. Mir wurde schon glaubwürdig von Menschen berichtet, die ihre Bücher in der Badewanne lesen, umfangreiche Wasserschäden inklusive. Auch das will ich mir nicht vorstellen. Ein ersäuftes Buch ist auch nicht besser als ein verbranntes. Möchte man seinen Lieblingsschmöker als aufgequollenes Bündel zwischen Seife und Badeente liegen sehen? Nein, das möchte man nicht. So viel Feuchtigkeit verträgt auch das robusteste Werk nicht, nicht einmal »Moby Dick«. Aus dem gleichen Grund ist auch von der Lektüre auf sinkenden Schiffen abzuraten. Dabei sind die Grundregeln im Umgang mit Büchern ganz einfach. Bewahren Sie Ihr Buch vor Witterungseinflüssen, bereits auf dem Weg von der Buchhandlung nach Hause. Den Schutzumschlag, der Ihnen dabei hilft, können Sie dort entfernen, nachdem Sie sich an dem unsinnigen Klappentext ergötzt haben. Halten Sie Kaffee, Rotwein, Nikotin und Haustiere vom Buch fern. Lesen Sie nur in geschützter Umgebung, im Zweifel nur zu Haus, nicht zu dicht am Kamin (Funkenflug!), nicht in der Badewanne (Wasser!) und nicht am Küchenherd (Fett!). Sie müssen es nicht übertreiben, Samthandschuhe sind überflüssig. Ein Buch ist kein Museumsstück, es will gelesen sein. Doch gehen Sie damit so sorgsam um wie mit einem guten Freund. Denn die Wege in den Himmel und in die Hölle sind mit gut und schlecht behandelten Büchern gepflastert.

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Frank Müller

Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in der Nähe von Paderborn. Nach dem Abitur hielt er es für eine gute Idee, Physik zu studieren. So zog es ihn nach Bonn, wo ihm auffiel, dass die Menschen im Rheinland ganz anders sind als in Westfalen. (Woran die Physik ausnahmsweise mal unschuldig ist [..]

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