Wenn man schreibt und in Bielefeld wohnt, ist es nahezu unvermeidlich, dass man irgendwann über Bielefeld schreibt, die Stadt ohne Eigenschaften. So wird sie jedenfalls von außen gesehen, von Unwissenden, die sich über Bielefeld nur lustig machen, vor allem wenn sie aus völlig überschätzten Metropolen wie Berlin oder aus München kommen. Stellt der Bielefelder sich diesen Menschen vor, weiß er schon was ihn erwartet. »Ah, Bielefeld!«, jauchzt der Gesprächspartner voller Vorfreude auf die gut abgehangenen Bielefeld-Witze, die er jetzt zum Besten geben kann, und der leiderprobte Bielefelder kennt schon das Standardprogramm, das nun abgespielt wird: Die Bielefeld-Verschwörung, was nichts anderes bezeichnet als das Gerücht, Bielefeld existiere gar nicht und sei eine Erfindung Außerirdischer oder gar der CIA, der bekanntlich alles zuzutrauen ist. Immerhin gibt es hübsche Varianten davon, etwa von Harry Rowohlt, der einst meinte, Ost-West-falen sei ja ein Widerspruch in sich und neutralisiere sich daher selbst, vielleicht so wie Materie und Anti-Materie. Wenn die aufeinandertreffen, gibt es bekanntlich einen großen Knall. In Ostwestfalen gibt es eben Bielefeld. Ist man Fan des örtlichen Fußballvereins, droht noch größeres Ungemach, zumal dieser ja tatsächlich im Schnitt alle zwei Jahre nicht mehr existent ist, jedenfalls nicht in der ersten Bundesliga. Zugegeben, das passiert Münchnern nicht.
Man fragt sich, warum ausgerechnet Bielefeld das ideale Opfer für diesen Spott zu sein scheint. Ein Grund dafür mag die Größe sein: gerade mal Großstadt, aber zu klein, um gängigen Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. Kleinere Städte wie Osnabrück oder selbst Karlsruhe tauchen unter der Wahrnehmung weg und bleiben verschont, größere haben mehr zu bieten. Ein zweiter Grund ist das phlegmatische Naturell seiner Bewohner. Ehe der bedächtige Ostwestfale den Wahrheitsgehalt der Schmähungen seiner Heimat für sich abgewogen hat, ist das Gespräch meistens schon vorbei. Gelassenheit ist wohl eine Überlebensstrategie in Gesprächen mit Nicht-Bielefeldern, eine andere lautet: Ironie. Gerade jüngere Bielefelder pflegen einen betont ironischen Umgang mit allen Vorurteilen gegenüber ihrer Stadt und machen sich selbst darüber lustig, manchmal über die Schmerzgrenze hinaus, so dass man Bielefeld getrost als die heimliche Hauptstadt der Ironie bezeichnen könnte. Nicht umsonst haben bekannte Satiriker hier ihre Heimat. Ich selbst bin all der putzigen Selbstetikettierungen im Stil von »Pudding-Town« oder der »freundlichen Baustelle am Teutoburger Wald« langsam überdrüssig, man muss sich ja nicht ständig selbst durch den Kakao ziehen. Was daran gefällt, ist allerdings die entspannte Art, die daraus spricht. Der Bielefelder trotzt selbstbewusst allen Anfeindungen und ist eins mit sich und seiner Welt. Das hat weniger mit Ignoranz der übrigen Welt zu tun als vielmehr mit der Nähe zu den eigenen Bedürfnissen. Man kann hier alles haben was man zum Leben braucht, und für das was man nicht braucht, aber trotzdem gern hätte, gibt es Bahnverbindungen nach anderswo. Der Bielefelder pflegt eben eine andere Vorstellung vor Urbanität als der New Yorker. Jede Stadt hat ihre versteckten Qualitäten. Im nahe gelegenen Herford bekam ich neulich ein Knöllchen und stellte erfreut fest, wie billig man da falsch parken kann. In Bielefeld herrscht eine beträchtliche Dichte an Weinhandlungen. Das soll man nicht verachten. Nur fließende Gewässer gibt es nicht, das liegt daran, dass die Bielefelder ihr einziges Flüsschen mitten in der Stadt verbuddelt haben. Jetzt wollen einige von ihnen es wieder ausbuddeln. Überhaupt ist das Buddeln eine heimliche Leidenschaft des Bielefelders. Immer wieder tun sich Baulöcher im Stadtbild auf, deren tieferer Sinn ungeklärt bleibt und die irgendwann von selbst wieder verschwinden. Meine Theorie ist, dass unter Bielefeld ein Schatz vergraben liegt, nach dem seine Bewohner schon seit Jahrhunderten suchen. Vielleicht wird da aber auch nur Puddingpulver geschürft. Eine Partnerstadt in Australien wäre günstig; dorthin würden die Bielefelder sich gleich auf geradem Wege durchgraben. Vielleicht wäre das auch ein Ausgleich zum Bielefelder Klima, gekennzeichnet durch monsunartigen Regen, unterbrochen von dem, was in der Oberbekleidungsbranche gern als »Übergangszeit« bezeichnet wird, also ein Wetter, das weder Fleisch noch Fisch ist. Naja, danach regnets ja wieder, darauf kann man sich verlassen. Der Bielefelder braucht keine Überraschungen, um zufrieden zu sein.
Irgendwann werde ich vielleicht doch mal einen Bielefeld-Krimi schreiben. Ursprünglich hatte ich die Idee, das Mordopfer den Bären im heimischen Tierpark Olderdissen zum Fraß vorzuwerfen. Das verwarf ich bald als unrealistisch, weil die dort beheimateten Bären ihre bärentypische Wildheit längst gegen das Phlegma ihrer Besucher eingetauscht haben und folglich gar nichts passieren würde. Vielleicht werde ich stattdessen die Leiche in einen Vanillepudding der Marke »Gala« eingießen, ein lokales Produkt. Die Frage nach dem Täter werde ich wohl unbeantwortet lassen müssen. Die Verhöre werden sich als sehr zäh erweisen, der Bielefelder gibt so schnell nichts preis. Aber ich bin mir sicher, dass mein Kommissar sein Schicksal ebenso stoisch tragen wird wie der Leineweber seine Kiepe.
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