Charles Darwin hat es schon immer gewusst: Der aufrechte Gang des Menschen ist keine Selbstverständlichkeit. Ich zum Beispiel humpele zur Zeit. Mein Orthopäde hat mir einen Stützverband am Knöchel verpasst, der einem Komparsen in einem Historienfilm alle Ehre machen würde. Theoretisch gibt der mir etwas Bewegungsfreiheit, aber wenn man schon invalide ist, möchte man etwas Aufmerksamkeit. Jeder weiß: Männer neigen zur Wehleidigkeit, Dichter erst recht. Es handelt sich also eher um ein bewusstes Humpeln, ein demonstratives Schon-Humpeln. Ich warte ja nur darauf, dass mich jemand fragt: Na, Herr Müller, was haben Sie denn gemacht? Und ich werde antworten: Das ist eine Sportverletzung, eine Achillessehnenreizung, nichts Ernstes, so werde ich abwiegeln. Natürlich fragt niemand.
Der Apotheker erkundigte sich stattdessen, ob ich lieber blaues oder rotes Verbandmaterial möchte. Ich fragte zurück, was bei Achillessehnenreizungen denn gerade modern ist. Da hat er nur ratlos geguckt. Ich entschied mich für den Klassiker in Hansaplastrosa, der Farbe, die Tristesse und allmähliches Siechtum auf nonchalante Weise vereint. Es ist die Wappenfarbe unseres Gesundheitssystems.
Eine leichte Sportverletzung adelt: Im Kampf gegen den inneren Schweinehund, den viele erst gar nicht aufnehmen, hat man eine Blessur davongetragen. Vorausgesetzt, sie tut nicht zu sehr weh und heilt auf absehbare Zeit aus, sonst wird es unangenehm. Man zählt sich nicht zu dem Heer chronisch Kranker, die sich morgens im Wartezimmer schon begrüßen wie die Pilzsammler in der Waldesfrühe. Man ist nur zu Besuch hier und kann sich einen Augenblick von reizenden Assistentinnen bekümmern lassen, deren freundlichen Anweisungen man gern folgt. Ich finde, dass dieses Quantum Trost die Praxisgebühr durchaus wert ist. Beim Warten darf man stumpf aus dem Fenster schauen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Wahlweise kann man Zeitschriften lesen, die man sonst nur aus der Fernsehwerbung im ZDF kennt, etwa die Apothekenumschau oder »Das goldene Blatt«, deren Informationsgehalt weithin unterschätzt wird.
Ein Termin beim Orthopäden ist schwieriger zu bekommen als ein Interview mit Peter Handke. Schon deshalb hat der Gang ins Behandlungszimmer stets etwas von einer Audienz, nur etwas profaner. Der Arzt kommt nie sofort (das glauben nur Anfänger), sondern lässt immer etwas auf sich warten. Unweigerlich hat das etwas Herrschaftliches. Auch denjenigen, die den Arzt irrtümlich für einen ganz gewöhnlichen Menschen handeln, wird nochmals Gelegenheit gegeben, sich mental vorzubereiten.
Dem Arzt gegenüber sollte man nicht jammern, das lässt Distanz und Haltung vermissen. Ein Geplauder über Ihre persönlichen Gewohnheiten, aus denen sich Ihre unklaren Beschwerden entwickelt haben – vergessen Sie hierbei nicht den Aufbau einer gewissen Dramaturgie! – entwickelt sich rasch zu einem populärmedizinischen Fachgespräch. Nach einigen Besuchen sind Sie dazu locker in der Lage, als Patient wissen Sie dann schon mehr über Medizin, als Sie jemals erfahren wollten. Der Arzt hat immer ein offenes Ohr für Sie und will schließlich auch unterhalten werden. Schon rein abrechnungstechnisch.
Mein Orthopäde ist Chiropraktiker und hat die Angewohnheit, die Beweglichkeit meines Bewegungsapparats zu testen, indem er mich erst sachte wie eine Gliederpuppe bewegt, um dann unvermittelt an mir herum zu reißen. Das ist eine interessante Behandlungsmethode. Ich habe mich schon einmal gefragt, ob es eine chiropraktische Ausbildung für Mechaniker gibt, in der man lernt ein Auto zu reparieren, indem man an einer defekten Achsmanschette oder Kurbelwelle erst unverdächtig herum tastet und sie dann herum oder heraus reißt. Ich habe Zweifel. Es ist wohl etwas zwischen Naturheilkunde und roher Gewalt, eine spannende Grauzone. Ich würde gern mal einen Veterinär sehen, der einen Rottweiler chiropraktisch behandelt. Oder ein Meerschweinchen. Im Fußball sagt man, ein Verteidiger müsse immer »dahin gehen, wo es weh tut«. Glauben Sie mir, Ihr Arzt kann das auch.
Zurück zur Kunst. Dass Leiden eine Voraussetzung für große Werke ist, habe ich immer schon bezweifelt. Fest steht jedenfalls: Schreiben ist kein Sport. Werfen Sie mal einen Blick in die Autobiografie von Oliver Kahn, und Sie haben eine Idee davon, dass Körper und Geist nicht zwangsläufig zusammengehören. Winston Churchill dagegen – Sie wissen schon: »No Sports!« – hat für seine Memoiren den Literaturnobelpreis bekommen und danach die Füße hochgelegt. Quod erat demonstrandum.
Vielleicht sollte ich mir daran ein Beispiel nehmen. Meinen Fuß soll ich jedenfalls kühlen und hochlegen, sagt mein Arzt. Mit meinem Kopf sollte ich das wohl auch hin und wieder machen, damit meine Texte besser werden. Nur in einem Punkt bin ich mir ziemlich sicher: Bandagen werden da kaum helfen, egal in welcher Farbe.
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