Um es gleich zu sagen: Ich hätte am Sonntag ja gern gewählt, aber man hat mich nicht gelassen. Schuld war eine Verschwörung zwischen der deutschen und der italienischen Post (und möglicherweise des Institutspförtners, aber das ist nicht sicher), durch die meine Briefwahlunterlagen erst am Tag nach der Wahl ankamen. Also zu spät. Zu spät, um Schwarz-Gelb zu verhindern. Vor allem aber zu spät, um zu verhindern, dass eine italienische Zeitung schreiben durfte: »Deutschland italianisiert sich«! Das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Es reicht doch schon, dass mich die Italiener jedes Mal, wenn ich etwas »all'italiana« – also hart am Rande der Legalität oder des Anstands – mache, tadelnd daran erinnern, dass ich doch Deutscher sei und man sich daher von mir Ehrlichkeit und Tüchtigkeit erwarte. Natürlich nur, um mir beim nächsten Anfall von Deutscher Gründlichkeit vorzuhalten, dass ich nach zehn Jahren Italien meine übergenaue nordische Art immer noch nicht abgelegt habe.
Und jetzt soll sich mein Heimatland also italianisieren? Interessant. Und ziemlich gruselig. Nimmt man das wörtlich, so darf man sich für die nächsten Monate erwarten (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge): eine Affäre Angela Merkels mit einem siebzehnjärigen DSDS-Anwärter; drei weibliche Minister, davon zwei Ex-Miss Germanys und eine ehemalige Stripperin; und irgendwann der Bruch der Koalition aufgrund der Verhaftung der Halbschwester von Guido Westerwelles Lebensgefährten. Das ist alles schon tragisch genug, doch vor allem will ich wissen: Was folgt für mich daraus? Zum einen wohl, dass die Leute hier jetzt nicht mehr bei jedem Thema (Arbeit / Ämter / Bahnfahren / Politikeraffären usw.) prompt sagen können, in Deutschland sei ja alles anders und jedenfalls viel besser, und ich sei doch saublöd gewesen, nach Italien zu ziehen (Analoges sagen sie bei passender Gelegenheit zu meinen englischen / französischen / spanischen / österreichischen Freunden, usw., über England, Frankreich ... usw. eben). Andererseits werde ich mich bei den nächsten Wahlen in Italien nicht mehr damit rausreden können, dass ich damit nichts zu tun habe und stattdessen in einem „normalen“ Land wähle (oder eben nicht, siehe oben).
Was nun wirklich passiert, wird man sehen. Auf jeden Fall kann ich mich auf jede Menge Häme einstellen – und dort, wo meine italienischen Freunde bisher »... in Deutschland ist ja alles besser« sagten, werden sie von nun an einfach zwei Wörtchen einschieben: »In Deutschland ist ja auch nicht alles besser.« Oder es wird ihnen etwas anderes einfallen. Wie auch immer: viel Glück, bella Germania!
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