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13.09.06

Oliver Morsch

Being Harald Martenstein

Eigentlich wollte ich in dieser Kolumne ein aktuelles Thema behandeln, doch ich habe es mir anders überlegt. Ich schreibe heute über Harald Martenstein. Harald Martenstein ist ein bedeutender deutscher Kolumnist. Im weiteren Verlauf werde ich ihn mitunter Harald nennen, denn ich denke, unter Kolumnisten kann man sich beim Vornamen anreden. Auch wenn Harald und ich natürlich journalistisch in verschiedenen Gewichtsklassen boxen, er im Schwergewicht und ich ungefähr im Bantam. Dazwischen liegen gut dreißig Kilo.

Nicht alle kennen Harald Martenstein. Möglicherweise gefällt er auch nicht jedem. In einer Kritik über ihn las ich neulich, Harald sei der Hausmeister des deutschen Journalismus. Ich glaube, Hausmeister war hier nicht positiv gemeint. Ferner sei er jemand, der aus seinem Kabuff heraus Menschen denunziere und Falschparker anzeige. Ich fand das ungerecht. Ich habe Harald nie persönlich kennen gelernt, aber dass er Falschparker anzeigt, kann ich mir nicht vorstellen. Höchstens solche, die auf Behindertenparkplätzen stehen. Man darf Kritikern auch nicht alles glauben.

Weiterhin sei Harald eitel. Das mag ja sein. Vielleicht bildet er sich etwas darauf ein, dass manche Leute die »Zeit« nur seinetwegen abbonieren oder eine Kolumne über ihn schreiben. Doch das wäre okay. John Malkovich war ja auch geschmeichelt, als Spike Jonze »Being John Malkovich« drehte. Nehme ich zumindest an. Ich fand den Film toll. Auch ich würde mir gerne vorstellen, wie John Malkovich die Welt sieht. Noch lieber aber würde ich die Welt einmal mit Haralds Augen sehen. Beim Kaffeetrinken morgens würden mir dann vier bis fünf Titel für eine Kolumne einfallen. Sodann würde ich mich ans Schreiben machen und dabei Ungewöhnliches mit gewöhnlichen Worten sagen. Und wissen, dass diese Maxime von Schopenhauer stammt.

Schwierige Themen würde ich locker-lässig anpacken, und einfachen Themen würde ich unerwarteten Tiefgang geben. Festlegen würde ich mich selten. Manchmal würde ich hart an die Schmerzgrenze gehen, dort, wo die Leute sich dann wundern: Meint er das jetzt ernst? Oder ist er da ironisch? Ich würde Parallelen zwischen Günter Grass und Adolf Hitler ziehen und dabei nicht mit der Wimper zucken. Nun, vermutlich würde ich mir schon einige Gedanken machen, aber zeigen würde ich es nicht. Man muss den Leuten schließlich etwas zum Nachdenken geben. Auch das ist Aufgabe eines Kolumnisten.

Falls es nicht deutlich geworden ist: Ich finde Harald gut, auch wenn er mich manchmal ärgert. Ich habe sogar versucht, diese Kolumne im Stil von Harald Martenstein zu schreiben. Insofern ist sie also eine Hommage. Ob sie gelungen ist, kann nur Harald beurteilen, so wie nur Paul McCartney sagen kann, ob eine Beatles-Hommage gelungen ist. Man kann sich leider nicht aussuchen, von wem einem Hommagen zuteil werden, man denke nur an Oasis. Und Spike Jonze soll ein ziemlicher Unsympath sein, ein trotziges Bübchen mit schlechten Manieren. Das sagt jedenfalls seine Exfrau über ihn. Im Übrigen ist mir nicht bekannt, ob es Lieder über die Beatles im Stil der Beatles gibt. Vielleicht weiß Harald das.

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Oliver Morsch

Jahrgang 1970 und eigentlich Kasselaner. In jungen Jahren von den Eltern in die Türkei verpflanzt, wo er sich sauwohl fühlte und mit dem Wandervirus infiziert wurde. Nach Rückkehr in die alte Heimat und einer Inkubationszeit von sechs Jahren, in denen Abitur gemacht, Zivildienst geleistet und [..]

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