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Wahnsinn frisst Alltag.
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28.07.08

Jan Langehein

Jargon der Wechsellichtsignalanlage – oder: Die Sprache enthunzen!

Keine Frage: Die Geschichte der deutschen Kulturnation ist voller Erfindungen, die man entweder gar nicht brauchen kann, oder nur, um Menschheitsverbrechen zu begehen – Stechschritt zum Beispiel, oder Gaskammern. Eine Sache haben die Deutschen, ohne bewusst viel dazu beizusteuern, dann aber doch ganz gut hinbekommen: ihre Sprache. Ich weiß nicht, ob sie schöner klingt als andere Sprachen, oder ob man sich in ihr besser ausdrücken kann; ich weiß aber, dass sie die einzige ist, die ich gut genug beherrsche, um in ihr denken und schreiben zu können. Und weil ich gerne denke und schreibe, gehöre ich zu denen, die sich über die Verhunzung dieser Sprache fürchterlich aufregen können.

Wer nun öffentlich seine Liebe zur deutschen Sprache bekennt, findet sich schnell mit Leuten in ein Boot gesteckt, die englische Lieder im Radio verbieten wollen, Vereine zum Schutze deutschen Kulturguts gründen und meist zu recht im Verdacht stehen, zumindest dem Stechschritt einiges abgewinnen zu können. Ich kann das nur von mir weisen: Mir geht es nicht um ein paar englische Phrasen, die ihren Weg ins Deutsche gefunden haben, mir geht es nicht einmal so sehr um den Untergang von dem Genitiv; viel mehr geht es mir um jenen hirnlosen Plapperjargon, der sich überall breit macht, wo gesprochen, geschrieben, gehört oder gelesen wird, und den man gemeinhin für gutes, zumindest für modernes Deutsch hält, obwohl er doch in Wahrheit nichts anderes darstellt als Verrat an der Hauptaufgabe jeder Sprache: an der Verständigung.

Alle möglichen Disziplinen, Wissenschaft, Wirtschaft und Werbung, Politik und Polizei, haben mittlerweile so einen Jargon ausgebildet, der nur dazu da zu sein scheint, banale Dinge möglichst unverständlich auszudrücken. Wenn die Polizei mitteilt, sie habe im Kreuzungsbereich des Groner Tores den minderjährigen Führer eines manipulierten Kleinkraftrades dabei gestellt, wie er unberechtigt die dortige Wechsellichtsignalanlage überfuhr, dann ist am Groner Tor ein Jugendlicher mit seinem frisierten Mofa bei Rot über die Ampel gefahren. Und wenn eine Ratsfraktion fordert, die Stadtverwaltung solle prüfen, welche kostenwirksamen Auswirkungen die Implementierung eines »Public Private Partnership«-Konzeptes im Bereich des Facilitymanagements auf den Stadthaushalt hat, dann will sie wissen, ob Schulen und Ämter nicht billiger zu putzen wären, wenn das Privatfirmen erledigten an Stelle von öffentlichen Angestellten.

»Facilitymanager« statt Hausmeister, »Wechsellichtsignalanlage« statt Ampel, »Kleinkraftrad« statt Mofa – als Journalist verbringt man die Hälfte der Zeit damit, solche Pressemitteilungen ins Deutsche zu übersetzen. Anfangs dachte ich, die Autoren dieser Texte machten das mit Absicht: Jeder Depp könnte schließlich fragen, ob privates Putzen billiger ist als öffentliches; der oben genannte Antrag erweckt aber den Eindruck, als habe jemand erst eine Expertise in Auftrag gegeben, bevor er sich zu dem Thema äußerte. Sehr beeindruckend! Herrschaftswissen muss hier zwar nicht vorhanden sein, es wird aber geschickt vorgetäuscht.

Inzwischen fürchte ich, dass es um die Sache der Sprache noch schlimmer steht: Leute, die so reden, wollen nicht renommieren, sie können gar nicht mehr anders als aufgeblasen-fachchinesisch daher zu schwadronieren. Privat mag ein Architekt noch aufs Karstadt-Klo gehen oder in eine Hotelsauna, im Job plant er den Sanitärbereich eines Kaufhauskomplexes und den Wellnesskomplex einer Sport- und Freizeitanlage. Die Dinge so zu nennen, wie sie heißen, kommt ihm gar nicht in den Sinn – in seinen Ohren klingt es unangemessen umgangssprachlich. Was man gegen solcherlei Sprachverhunzung tun kann? Enthunzen, eben, also dagegenhalten: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Oder, in Wolf Schneiders kongenialer neudeutscher Übersetzung: »Das Positive ist nicht herstellbar – außer, man generiert adäquate Aktivitäten!«

(Diese Kolumne ist die überarbeitete Version einer Kolumne aus dem Göttinger Kulturmagazin Pony und erschien im Heft 05/2007.)

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Jan Langehein

Geboren im Sommer 1975 in Stuttgart, verbrachte Jan Langehein seine Jugend trotzdem in Braunschweig, der bekanntlich beliebtesten Großstadt zwischen Peine und Schöppenstedt. Ende der 80er Jahre verschleppten ihn seine Eltern nach Salzgitter, von wo aus er nach dem Abitur aufbrach, um zunächst [..]

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