Bahnfahren ist ein Erlebnis, wenn man auf den richtigen Strecken unterwegs ist: Mit sechzehn fuhr ich auf der Transsib von Moskau bis Kasan und trank Wodka mit Wachsoldaten des Lenin-Mausoleums; mit siebzehn reiste ich via Interrail nach Marokko und fand mich von einem klimatisierten spanischen Hochgeschwindigkeitszug in einen rollenden Schrotthaufen versetzt, der im Schrittempo Richtung Casablanca zuckelte. Im Gepäcknetz döste eine gefesselte Ziege, eine Frau reiste mit Huhn auf dem Schoß und in dem türlosen Klo gärte in der Gluthitze die Scheiße vor sich hin. Irgendwann in der Nacht erreichten wir einen Bahnhof im Nirgendwo und fanden uns mitten in einem Slum wieder. Der Gestank im Zug, die Angst vor Überfällen und die Verlorenheit in der fremden Stadt sind seitdem Teil meiner Eisenbahn-Faszination: Die Fahrt hat mir ein Marokko gezeigt, das Touristen sonst verschlossen bleibt – fernab der Soukh-Romantik, schmutzig und arm, aber eben doch Teil der Welt. Als wir uns endlich trauten, einen Passanten anzusprechen, wies der uns freundlich den Weg zur nächsten Jugendherberge, wo man uns als erstes nach dem DJH-Ausweis fragte. It's the Globalization, stupid!
Jahre später las ich Stan Nadolnys Roman Netzkarte, in dem der Protagonist auf dem titelgebenden Ticket kreuz und quer durch die Republik fährt, ohne morgens zu wissen, wo er abends ankommen wird. Diese Art des Reisens klang mir nach Freiheit und Melancholie, nach Morgengrauen an einsamen Bahnsteigen, nach verfallenden, wilhelminischen Bahnhofs-Palästen, in denen man noch den Ruß der Dampflokära schmeckt. Seit dieser Lektüre wollte ich eine Netzkarte haben, und seit letztem Jahr habe ich tatsächlich eine – als Pendler zwischen Göttingen und Hannover lohnt sich das.
Und? Einsame Bahnsteige im Morgengrauen? Von wegen: Gedränge zu jeder Tag- und Nachtzeit, Messegäste, Klassenfahrten, Fußballfans. Freiheit und Melancholie? Ein Pendler-ICE hat soviel von Freiheit wie ein Schulbus, und das Warten am Bahnsteig ruft keine Melancholie hervor, sondern höchstens Resignation – wegen der ständigen Verspätungen. Der Zug wird eigentlich nur dann pünktlich gewesen sein, wenn man selbst mal zwei Minuten zu spät kommt. Es hätte mich gleich misstrauisch machen müssen, dass die Netzkarte inzwischen Mobility Bahncard 100 heißt, denn ungefähr so fühlt es sich auch an, damit zu reisen.
Manchmal jedoch steige ich Samstags in den Frühzug nach Berlin. Ich habe dann das Abteil für mich allein und beobachte, wie der ICE bei Sonnenaufgang durch Charlottenburg rollt. Zwischen den Bäumen im Tiergarten hängt noch der Nebel, die Bahnsteige im Hauptbahnhof sind tatsächlich noch einsam, und wenn ich hinaustrete auf die Brache am Spreebogen, dann glüht die Stadt im Morgenrot als gäbe es hier kein grau. Sogar der DB-Tower am Potsdamer Platz glänzt in diesem Licht so schön, dass ich Herrn Mehdorn den Pendlerstress für einen Moment verzeihen kann.
Aber nur bis ich am Sonntag zurückfahre: Der Zug ist wieder voll wie eine U-Bahn im Berufsverkehr, überall quäken Kinder, saufen Soldaten, streiten Schaffner mit Fahrgästen, die wegen eines verpassten Anschlusses nicht mehr wissen, wie sie nach Hause kommen sollen. Völlig gerädert lasse ich mich abends um elf in Göttingen aus dem Bahnhof spülen – und wenn ich mir dann vorstelle, dass ich mich acht Stunden später schon wieder hineinspülen lassen muss, dann denke ich ernsthaft über einen Autokauf nach. Die Regel Nr. 1 für Netzkarten-Reisende hatte Nadolny nämlich leider verschwiegen: Man kann das Leben nur in leeren Zügen genießen.
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