In den letzten Monaten lief es bei mir nicht besonders gut mit der Schreiberei. Dabei war es nicht etwa so, dass ich keine Einfälle gehabt hätte. Ich weiß ja nicht, bei welchen Gelegenheiten anderen Autoren die Ideen für ihre Texte kommen. Das ist bestimmt ganz unterschiedlich. Ich jedenfalls darf dabei nicht abgelenkt sein. Am besten klappt es, wenn meine Gehirnzellen überhaupt nicht anderweitig gefordert sind. Zum Beispiel auf dem Klo, oder wenn ich nachts nicht einschlafen kann, und Samstagabends bei Wetten dass. Und weil sich der Stuhlgang nicht vermeiden lässt, weil ich mit zunehmendem Alter immer weniger Schlaf brauche und weil Wetten dass unsterblich zu sein scheint, habe ich genügend Zeit, Stoff für neue Kolumnen zu sammeln. Das war noch nie ein Problem.
Aber sobald ich mich hinsetzte, um aufzuschreiben, was ich mir ausgedacht hatte, war alles wie weggeblasen. Und wenn ich mich zwang, ein paar Sätze zu Papier zu bringen, war das Ergebnis nicht vorzeigbar. Der Papierkorb quoll über von zerknüllten Entwürfen. Sie hatte mich erwischt, die Schreibblockade, die auch als Writer's Block firmiert. Sie sabotiert das Schreiben so rigoros wie das Einreiben der Wandtafel mit Speckschwarte durch unartige Pennäler. Hemingway, Dostojewski und andere Größen sollen sich damit abgeplagt haben. Warum sollte ich verschont bleiben?
Ratschläge zur Überwindung von Schreibblockaden gibt es zuhauf. Mehr als gegen Schluckauf. Aber wie Luftanhalten oder ein herzhafter Biss in die Zitrone dem lästigen Hicksen nichts anhaben können, war auch meine Schreibkrise über alle Hausmittel erhaben. Beispielsweise Schreibübungen. Mir wurde empfohlen, die Tageszeitung aufzuschlagen, wahllos mit dem Finger auf die Seite zu tippen und das Wort, auf das ich zeige, auf ein leeres Blatt Papier zu schreiben. Ganz gleich, ob mir der Begriff gefalle oder nicht. Unter gar keinen Umständen dürfe ich einen zweiten Versuch unternehmen. Dieses Wort und kein anderes. Sonst funktioniere es nicht. Unter die Überschrift sollte ich alles schreiben, was mir dazu in den Sinn käme. Zuerst würden das nur einzelne Wörter sein, aber wie von selbst würden daraus bald zusammengesetzte Begriffe entstehen, dann ganze Sätze und irgendwann ein ganzer Text. So seien schon Literaturpreise gewonnen worden. Ich würde schon sehen.
Nichts habe ich gesehen. Dummerweise hatte ich den Wirtschaftsteil erwischt, und mein Zeigefinger landete ausgerechnet auf einem unglücklichen Wort. Weisungsgemäß schrieb ich es hin. Finanzanlageberater. Eine geschlagene Stunde später gab ich auf. Zunächst war ich überzeugt, dass mir zu dem Berufstand überhaupt nichts mehr einfallen würde, was ich hätte aufschreiben können, und dann kreisten meine Gedanken plötzlich um lauter hässliche Dinge, die ich beim besten Willen nicht aufschreiben mochte. Der Zettel blieb leer.
Wirtschaftskrise und Schreibkrise auf einem Haufen. Wer sollte das verkraften?
Als alles nichts half, verordnete ich mir Abwarten. Der Tag, an dem ich wieder entspannt zur Feder greifen würde, musste schließlich irgendwann kommen. Lang genug hat's gedauert. Ich war der Verzweiflung nahe, hatte sogar schon daran gedacht, einen Motivationstrainer zu engagieren. Allerdings hatte ich gelesen, dass man dabei Gefahr läuft, an umgeschulte Überlebenstrainer zu geraten, die einen mit eigenartigen Methoden zur Selbstüberwindung bringen wollen. Aufstehen vor 14 Uhr, eiskaltes Duschen und Würmer zum Frühstück. So tief war ich noch nicht gesunken.
Den Knoten zum Platzen brachte dieser Tage der Kolumnistenkollege Harald Martenstein. Dafür meinen besten Dank. Hoffentlich verübelt er mir nicht, dass ich ihn als Kollegen bezeichne. Immerhin leuchtet er im Universum der Kolumnisten hell wie ein strahlender Fixstern. Verglichen mit ihm bin ich bestenfalls ein funzeliger Asteroid. Spielten wir im Symphonieorchester gemeinsam bei den Streichern, wäre er der erste Violinist und ich säße an der Arschgeige. Harald Martenstein war mein Motivator. Er hat mich zurück zu Bleistift und Papier gebracht. Ganz ohne Foltermethoden. Er macht auch nicht den Eindruck, dass er gern früh aufsteht, kalt duscht und sich die Vollkornsemmeln mit Regenwürmern bekleistert. Insoweit dürften wir aus demselben Holz geschnitzt sein. Im ZEIT-Magazin vom 28. Mai 2009 verrät Harald Martenstein, wohin ihn das eifrige Verfassen von Kolumnen gebracht hat. Dahin will ich auch. Das ist mir Ansporn genug, wieder häufiger zu schreiben. Vielleicht werde ich dann auch bald als Experte zu allem, was ich mal kommentiert habe, zu Radio- und Fernsehsendungen eingeladen. Harald Martenstein wird zweimal pro Woche angerufen. Das schaffe ich auch noch. Dann kann ich ihn und die anderen Dauertalker entlasten. Immer müssen sich dieselben Leute in den Studios als Interviewpartner abmühen. Das ist ja nicht mehr mit anzusehen. Ich bin bereit, da mitzumischen.
Zum Schluss der Hinweis an die Redaktionen der Sendeanstalten, dass ich an allen Wochentagen als Experte zur Verfügung stehen könnte. Nur die Dienstagabende wären ungünstig, weil dann im Ersten die Krankenhausserie läuft. Die verpasse ich ungern.
Interviews für das Frühstücksfernsehen sollten wir schon am Vorabend aufzeichnen, weil ich morgens gerne länger schlafe. Der Katalog meiner Expertenthemen wächst ständig. Aktuell habe ich mich, weil ich dabei die besten Einfälle für meine Kolumnen habe, mit Stuhlgang, Einschlafstörungen und Wetten dass befasst. Und mit Schreibblockaden. Für Sendungen zum Überlebenstraining mit frühem Aufstehen, kaltem Duschen und dem Verzehr von Gewürm bin ich nicht geeignet. Dafür empfehle ich weiterhin Rüdiger Nehberg oder die amtierende Dschungelkönigin.
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