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Wahnsinn frisst Alltag.
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15.12.08

Joachim Hübner

Aus dem Wörterbuch in die Verfassung – Zieht die deutsche Sprache um?

Das Volk, in dem es nach der aus dem 18. Jahrhundert überlieferten Aussage des Weimarer Pagenhofmeisters und Gymnasiallehrers Johann Karl August Musäus zu seiner Zeit von Dichtern und Denkern nur so wimmelte, soll endlich seine Sprache würdigen.

Was für die heute noch übrig gebliebenen Dichter und Denker die massenhaft verteilten Film-, Fernseh-, Literatur- und Lebenswerkpreise sind, soll für die deutsche Sprache der Einzug ins Grundgesetz werden. Der Wunsch wird jedenfalls geäußert, und die Bundeskanzlerin stellte zu dem Beschluss ihrer Partei klar, dass sie nicht im Traum daran denke, zu Nadel und Faden zu greifen, um das Motto auf die Sofakissen zu sticken.

»Ich persönlich finde es nicht gut, alles ins Grundgesetz zu schreiben«, schmollte sie in das Mikrofon eines Reporters. »Wir haben jetzt Anträge auf Kultur, auf Sport, auf die Frage der Familien, auf die deutsche Sprache jetzt, und wir müssen aufpassen, dass das jetzt nicht inflationiert.«

Das war ohne Zweifel Deutsch, wenn auch kein besonders elegantes, und gerade deswegen ist die Taktik vielleicht nicht schlecht, um doch noch alles beim Alten zu belassen. Die deutsche Sprache könnte skeptisch sein nach diesen im Wirbelwind um ihr Wohlergehen zerzausten Worten. Nicht auszuschließen, dass sie sich wehrt; dass sie den Steinmetz, der schon den Hammer hebt, um das Kulturgut Sprache in die ehrwürdigen Schrifttafeln der Verfassung zu meißeln, im letzten Moment davon abhält; mit dem noch in den Ohren vieler Fernsehzuschauer klingenden Ausruf eines garstigen Literaturpapstes, der wie eine angriffslustige Schlange mit rollendem R und lispelndem S zischte: »Ich nehme diesen Preis nicht an!«

Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch. Der Satz soll in das Grundgesetz geschrieben werden.
Welches Deutsch? Jugendsprache oder Gruftislang? Das Deutsch der Seebären oder des Oktoberfestes? Das alltägliche oder das der Sonntagsreden? Haben die Österreicher und die Schweizer dabei auch ein deutsches Wörtchen mitzureden?
Und wer ist gemeint? Die Politiker an der Spitze des Staates, die Bürger am anderen Ende, oder gar beide? Einfach ist die Sache nicht, weil Regierung und Volk nicht immer dieselbe Sprache sprechen. Das wäre was, wenn das Grundgesetz das ändern könnte.

Die Diskussion ist Wasser auf die Mühlen der Extremsportler unter den Hütern der deutschen Sprache, die alle fremdsprachlichen Einflüsse fernhalten wollen. Klar, dass jetzt wieder über den Airbag debattiert wird, der wörtlich übersetzt Luftbeutel heißen müsste, das aber nicht darf, weil keine Luft drin ist, sondern Stickstoff. Wir könnten ihn Prallkissen nennen. Dem Autofahrer, der nach einer Vollbremsung auf Glatteis mit dem Frontspoiler seines asiatischen Kleinwagens gegen die hintere Rammschutzleiste eines deutschsprachigen Modells kracht, ist das wurscht, solange seine Birne weicher landet als ohne den Sack.

Vor Jahren saß ich einmal in geselliger Runde, in der ein englischer Muttersprachler in fließendem Deutsch einen Witz erzählte. Plötzlich stockte er, weil ihm ein Wort nicht einfiel.
Er fragte mich: »Was heißt bachelor auf Deutsch?«
Ohne vorher meinen Verstand um Erlaubnis zu fragen, antwortete mein Unterbewusstsein spontan: »Single.« Sollte das Deutsch sein? Mein Versuch, mit den Worten »eigentlich Junggeselle« die deutsche Sprache noch zu retten, ging im Gelächter unter. Der Witz war gut, trotz des Singles. Warum auch nicht? Schließlich schmeckt das Essen im Restaurant auch nicht schlechter als in einer Speisewirtschaft. Manchmal ist es da sogar gemütlicher.

Fremdwörter bringen Farbe in die Ausdrucksweise, allerdings nur in Maßen, sonst wird es sprachlich zu bunt. So wie neulich in einer shopping mall, die vor gar nicht langer Zeit noch ein simples Einkaufszentrum war. In einem der vielen Geschäfte, die jetzt Store heißen, fragte ich eine Verkäuferin, nach dem Schild an ihrer Bluse eine Mitarbeiterin aus dem Serviceteam, nach dem Weg zu den Strickjacken. Sie schickte mich ins Basement, also nach unten, in die fashion-Abteilung. Ich hatte Glück, denn da war gerade Sale, was mir mit Prozentzahlen und in den Keller weisenden Pfeilen als günstige Gelegenheit übersetzt wurde. Eine Strickjacke fand ich da zwar nicht, aber einen Cardigan, was nur sprachlich einen Unterschied machte, nicht aber modisch. An der Kasse gab es als Zugabe einen Gutschein, auf dem Voucher stand: 50 % less auf das Business Lunch in der Catering Area. Eine warme Mahlzeit zum halben Preis. Die ließ ich mir schmecken. Es gab Rindsroulade mit Rotkohl und Klößen. Deutscher ging es nicht.

Nach dem Einkauf gönnte ich mir beim Bäcker nebenan als Nachtisch noch eine Erdbeerschnitte. – »Mit Cream oder ohne?« – Dazu bestellte ich einen Kaffee. Die Bedienung hinter dem Tresen wollte wissen, ob der medium sein sollte oder large. Auf mein »Nur eine Tasse, bitte!« wies sie mit dem Daumen auf die große Preistafel hinter sich:

»Wir haben keine Tassen. Wir haben nur Cups

Hat die deutsche Sprache möglicherweise doch schon nicht mehr alle Tassen im Schrank? Bisher rate ich in solchen Fällen zum Blick ins Wörterbuch. Bald vielleicht sogar ins Grundgesetz.

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Joachim Hübner

Joachim Hübner kam 1954 in schleswig-holsteinischer Kleinstadtidylle auf die Welt. Kaum hatten seine Eltern ihn in Windeln gewickelt, packten sie Nierentisch, Cocktailsessel und Musiktruhe zusammen und zogen mit ihm nach Lübeck. Dort buddelte er sich durch die Sandkästen, avancierte später [..]

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