Vergissmeinnicht – die Postleitzahl.
Der Slogan war vor einem halben Jahrhundert in aller Munde. Er klebte an jeder Plakatsäule, füllte Anzeigen in den Tageszeitungen und er leuchtete in grellen Farben von den Linienbussen. Auch im Fernsehen wurde für die Anfang der 60er-Jahre neu eingeführten Postleitzahlen unermüdlich die Werbetrommel gerührt.
Bald war die Verwendung der Postleitzahlen selbstverständlich geworden. Die Werbekampagne lief aus. Niemand redete mehr davon.
Jetzt, nach Jahrzehnten, erlebt die Postleitzahl einen zweiten Frühling. Allerdings nicht am Postschalter, wo sie hingehört, sondern zweckentfremdet, an den Ladenkassen.
Einerlei, ob ich im Elektronikmarkt eine CD bezahlen will oder den neuesten Bestseller in der Buchhandlung, ob ich im Bekleidungshaus ein T-Shirt an die Kasse trage oder eines der wöchentlichen Sonderangebote im Kaffeegeschäft. Immer häufiger dieselbe Leier. Anstatt nach bewährter Kaufmannssitte den Kunden ohne Umschweife in das Portemonnaie zu greifen, geht es vor dem Kassieren um etwas ganz anderes:
»Sagen Sie mir bitte Ihre Postleitzahl!«
Beim ersten Mal war ich perplex. Wie aus der Pistole geschossen erteilte ich wahrheitsgemäß Auskunft. Meine Eltern haben mich so erzogen. Immer schön ehrlich sein. Das habe ich nun davon. Wozu braucht der Einzelhandel meine Postleitzahl? Geld kann ich auch ohne die fünf Ziffern auf den Tisch des Hauses legen.
Beim nächsten Einkauf war ich vorbereitet.
Die Finger der Kassiererin kreisten startbereit über der Tastatur. »Sagen Sie mir bitte Ihre Postleitzahl!«
»Sie brauchen mir die Sachen nicht zuzuschicken. Ich trage sie allein nach Hause«, antwortete ich.
»Darum geht es nicht«, wurde mir erklärt. »Ich brauche Ihre Postleitzahl für die Marktforschung.«
»Ach so. Aber ich möchte nicht an einer Kundenbefragung teilnehmen, sondern nur schnell die paar Kleinigkeiten bezahlen«, erwiderte ich und zeigte auf meinen Einkauf. »Wie viel macht das bitte zusammen?«
Die Kassiererin ließ nicht locker: »Erst brauche ich Ihre Postleitzahl.«
Na meinetwegen. Sie hatte mich herausgefordert. Die Spielregeln waren einfach. Wie auf dem Tennisplatz wurden die Bälle abwechselnd geschlagen. Als nächster war ich an der Reihe: »Zuerst Ihre, wenn ich bitten darf.«
»Wieso meine?« Jetzt war sie perplex.
»Ich sage Ihnen meine Postleitzahl, wenn Sie mir Ihre verraten. Dann sind wir quitt. Fairer geht's nicht.«
Die Marktforscherin wollte nicht: »Ich habe doch gar keinen Grund dafür, Ihnen meine Postleitzahl auf die Nase zu binden.«
»Stimmt genau«, gab ich ihr recht, und fügte hinzu: »Ich aber auch nicht.«
Sie hatte kein Einsehen. Unerbittlich bestand sie darauf: »Aber ich brauche Ihre doch für die Marktforschung.«
Wir waren im Kreis gelaufen und wieder zurück am Ausgangspunkt angelangt. Noch eine Runde? Besser nicht. Solche Spielereien können auf die Dauer anstrengend werden. Ich warf das Handtuch und spendierte ihr meine Postleitzahl. Das hatte sie sich verdient. Nur ihr triumphierender Blick störte mich ein wenig. Aber das ließ sich wohl nicht vermeiden. Immerhin hatte sie mir gezeigt, wie die Sache läuft. Wer hätte da nicht gestrahlt?
Auf die Frage nach der Postleitzahl eine falsche angeben? Das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin doch kein Postleitzahlenfälscher. Schließlich will ich immer ehrlich sein. Das ist eine Sache der Erziehung.
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