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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.


14.10.08

Joachim Hübner

Nochmal ÖPNV – Ein Erlebnis im Bus

Vorhin saß ich in einem Linienbus, der mich durch mir unbekanntes innerstädtisches Terrain chauffierte. Früher Nachmittag. Nur wenige Fahrgäste. Der feierabendliche Ansturm hatte noch nicht eingesetzt. Ruhe im Bus. Bis an einer Haltestelle eine Gruppe fröhlicher Jungen das öffentliche Verkehrsmittel stürmte. Die waren so ausgelassen, dass sie sich vor lauter Lustigkeit spontan auf den Boden warfen. Der Mittelgang und die zu dieser Zeit gerade kinderwagenfreie Abstellfläche an der Hintertür waren vollständig mit flach auf dem Boden liegenden Knaben bedeckt. Ein bis zwei Minuten brauchte ich, um zu begreifen, um was es ging. Und dann sah ich draußen auf dem Gehweg eine Horde Jungen im gleichen Alter, schwitzend und hechelnd im Dauerlauf, begleitet und angetrieben von ihrem Fußballtrainer. Ausdauertraining. Und neben mir lagen die Monatskarteninhaber des Vereins. Die hatten die Abkürzung gewählt, und pressten sich auf den Boden, um nicht gesehen zu werden.

Wir hatten, das ist Jahrzehnte her, in der Schule einen Sportlehrer, der uns gerne an einem Kanal entlanglaufen ließ. Beim Sportplatz ging das los, unter drei Brücken hindurch, über die vierte rüber und dann auf der anderen Seite zurück. Der Lehrer fuhr dabei mit seinem Auto (70er-Jahre, da fuhren Lehrer VW-Käfer) vom Sportplatz jedes Mal zu einer anderen Brücke, um die Leute zu überraschen, die zur Abkürzung den Kanal vorzeitig überquerten. Deswegen hatten wir keine Chance, ihn anzuschmieren. Bis auf eine, aber die war ziemlich ungemütlich, und ich kann mich nur an einen Fall erinnern, als ein Mitschüler die kalte und eklig braune Brühe des Stadtgrabens kurzerhand durchschwamm. Und das war noch einer der sportlichen, dem der ganze Lauf nichts ausmachte. Aber er wollte dem Lehrer die Lücke in seinem System zeigen, was den so gewurmt hat, dass er künftig seinen Käfer stehen ließ und immer mitlief. Immerhin eine sportliche Reaktion.

Übrigens hat unser Lehrer die Schwimmeinlage nicht übelgenommen, denn Schwimmen ist schließlich auch Sport. Bei der Benutzung eines Linienbusses hätte ich ihn allerdings nicht erleben mögen. Sportunterricht ist schließlich keine Formel 1.


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© 2000-2010 kolumnen.de – ISSN 1618-3231

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