Illustration von Martin Rathscheck
Ich war dem Wetterorakel aus dem Radiowecker auf den Leim gegangen. Die Moderatorin der Morgensendung hatte mich unanständig früh aus dem Schlaf gerissen. Ich hatte sie so programmiert. Ihre der Tageszeit unangemessene Heiterkeit hatte ich allerdings nicht bestellt. Und übel nehme ich ihr, dass sie mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus dem Bett lockte:
»Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Schlafmützen zu Hause. Auch der Herbst hat noch schöne Tage, und heute ist einer davon. Also raus aus den Federn! Das Klima schlägt Purzelbäume. So was gab es in einem November noch nie. Die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel und beschert uns bei einer leichten Brise Temperaturen wie im Spätsommer. Ziehen Sie sich nicht zu warm an. Die Übergangsjacke reicht vollkommen. Den Schirm können Sie getrost an der Garderobe hängen lassen. Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt unter 10 Prozent. Nur vor einem muss ich Sie warnen: Frühlingsgefühle sind nicht ausgeschlossen.«
Sehr witzig. Gerne hätte ich mich noch einmal umgedreht. Andererseits hatte ich in letzter Zeit einige Besorgungen aufgeschoben, weil der Herbst das Wasser kübelweise auf die Stadt schüttete. Ein Wunder, dass er das plötzlich anders handhaben wollte. Das musste ich ausnutzen.
Zwei Stunden später stand ich mit Einkaufstüten, schlechter Laune und nassen Haaren im Regen. Der November hielt sich nicht an die Wettervorhersage. 10 Prozent Regenunwahrscheinlichkeit klatschten mir ins Gesicht, getrieben von einer orkanartig leichten Brise. Ich war zu dünn angezogen und fror jämmerlich. Von wegen spätsommerliche Temperaturen. Die Sprecherin im Radio hatte mich in die Falle gelockt. Zu Hause würde ich einen anderen Sender einstellen. Aber das musste noch warten. Vorerst war mir der Fluchtweg abgeschnitten.
An Benzinmangel lag es nicht, denn der Wagen kam direkt von der Zapfsäule. Nur befuhr er die Tankstellenausfahrt nicht weiter bis auf die Straße, sondern blieb vor meinen Füßen stehen, quer auf dem Gehsteig, wie eine Barrikade im Häuserkampf der Revolution, bloß mit dem Unterschied, dass der Randale des Klassenkampfs die Wracks vom Schrottplatz geopfert werden, und keine Rennautos wie dieses.
Ob das Modell aus Mailand stammte, aus Paris, aus Stuttgart-Zuffenhausen oder woher sonst, ist mir bei dem Unwetter entgangen. Bei Sonnenschein hätte ich genauer hingesehen. Aufsehenerregend war der Schlitten allemal. Tief und flach lag er vor mir, mit breiten Reifen und einer lang gestreckten Motorhaube. Darunter machte eine vielköpfige Herde wilder Pferde schon im Leerlauf lautstark auf sich aufmerksam. Der Jockey ließ das Triebwerk dröhnen. Die Leute sollten staunen, was er da gesattelt hatte.
Beim Griff in den Kleiderschrank hatte der Fahrer auf die im Radio angekündigten Frühlingsgefühle gesetzt. Die versprochene letzte Gelegenheit im Jahr, Eindruck zu schinden, wollte er sich nicht entgehen lassen. Nicht nur die Karosse strotzte vor Kraft, sondern auch der Kutscher im ärmellosen Muskelshirt. Sein linker Arm hing lässig im geöffneten Seitenfenster. Der Motor heulte gequält. Der Freizeitrennfahrer spielte brutal mit dem Gaspedal, während er von Pole-Position, Boxenstopps und Siegertreppchen träumte.
Ein kurzer Blick nach rechts, und mir war klar, für wen er die Show abzog. Langbeinig, hochgewachsen, schlank und elegant stand sie neben mir, offenbar auch ein Opfer der falschen Wetterprognose, in einem für die Witterung zu kurzen Rock und einem zu luftigen Oberteil in den Modefarben vollkornbraun und Vanille. Wie von der Titelseite eines Journals für erfolgreiche Geschäftsfrauen.
Der Casanova am Steuer starrte sie an. Sogar die Brusthaare kräuselten sich aus seinem Trikot in ihre Richtung. Ihr den Weg zu versperren und sie im Regen stehen zu lassen, war keine Erfolg versprechende Anmache. Ihr Blick sprach Bände. Sie war in jeder Hinsicht unbeeindruckt, vom Auto, vom Fahrer und sogar von dem Edelmetall, das golden an seinem Hals und Handgelenk glänzte wie das Herbstlaub im Stadtpark. Mit den Sachwerten konnte er selbst in Zeiten der Finanzmarktkrise keinen Blumentopf gewinnen.
Inzwischen waren alle Aggregate warm gelaufen. Der Auspuff qualmte. Die Kolben im Motorblock donnerten wie ein Rockkonzert in der Einflugschneise. Der Pilot klammerte die linke Hand fest um das Lenkrad, die rechte lag auf dem Schaltknauf. Er legte den Gang ein, was der Maschinenraum jaulend quittierte. Der Rennwagen machte einen flotten Hüpfer voran, etwa einen Meter. Dann blieb er bewegungslos stehen und gab keinen Mucks mehr von sich.
Der Großstadtverkehr war wieder zu hören, und aus dem Auto wütende Flüche. Dem Fahrer schoss das Blut in den Kopf. Nervös fummelte er nach dem Zündschlüssel. Vorher den Schalthebel wieder in den Leerlauf bringen. Bloß nicht noch einmal den Motor abwürgen. Das Würstchen war vollkommen hektisch und aufgelöst. Sein Auftritt war gründlich in die Hose gegangen. In mir keimte Mitleid auf, aber der Wolkenbruch ließ keine Zeit für Gefühle.
Endlich konnten wir uns vor dem Auto über den Bordstein quetschen, ohne Gefahr zu laufen, unter die Räder des Motorsports zu kommen. Eilig hastete ich durch den Platzregen. Das Klacken hochhackiger Damenschuhe hinter mir wurde mit jedem Schritt leiser. High Heels sind eben keine Rennlatschen.
Im nächsten Stehcafé kehrte ich ein. An einem Bistrotisch rührte ich im heißen Tee mit Zitrone. Vitamin C zur Vorbeugung gegen Heiserkeit und Schnupfen. Als ich nach oben schaute, hatte ich Gesellschaft bekommen. Die Frau aus dem Businessmagazin sah mir in die Augen. Auch durchnässt hatte sie nichts von ihrem Schick verloren.
»Gönnen Sie sich auch was Heißes nach der nassen Zwangspause?«, sprach sie mich an.
»Ja, erst einmal aufwärmen«, antwortete ich und klopfte mit dem Löffel gegen das Teeglas.
»Lustig war das ja«, sagte sie und knetete ihre Locken prüfend zwischen den Fingern, »aber die Frisur ist hin.«
Ich lachte: »Wäre es nach dem Burschen in der Knatterkiste gegangen, hätte er jetzt gerne hier mit Ihnen geplaudert.«
»Vermutlich«, schmunzelte sie, »aber was nicht ist, kann ja noch werden.«
Das kapierte ich nicht: »Wie soll er Sie denn finden?«
»Ganz einfach. Er braucht mich nur anzurufen.«
Ich verstand kein Wort und verbrannte mir die Zunge am Darjeeling.
Umständlich tupfte sie sich mit der Serviette den Milchschaum vom Cappuccino von den Lippen. Sie ließ mich zappeln, bevor sie gestand: »Im Vorübergehen habe ich meine Visitenkarte hinter seinen Scheibenwischer geklemmt.«
Mit einer kurzen Kunstpause steigerte sie noch einmal die Spannung, bevor sie mir spitzbübisch grinsend ihr ganzes Geheimnis verriet: »Für Geld kann er alles von mir haben. Rein geschäftlich, versteht sich. Ich bin nämlich Fahrlehrerin, und wenn er will, verabrede ich mich mit ihm auf dem Verkehrsübungsplatz. Sanftes Kuppeln und Schalten hat von mir noch jeder gelernt.«
Der arme Kerl. So viel Spott musste nun auch nicht sein.
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