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Wahnsinn frisst Alltag. Alltag frisst Wahnsinn.

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30.07.04

Guido Grigat

Yippiejaja Yippie Yippie Yeah! Von Neubauten und Baumärkten.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck, unter Verwendung von Bildmotiven vom Cover des Albums »Fuenf auf der nach oben offenen Richterskala«.

»Wie hört man sich das denn an?«, wird der Protagonist angesichts seiner eigenen Desoxyribonukleinsäure im Stück »DNS/Wasserturm« der Einstürzenden Neubauten gefragt, und die Antwort, so einfach, so wahr, so groß, sie lautet: »Das kann man sich nicht anhören!«

Haben Sie es sich schon angehört? Schon angesehen? Bei viva. Und, wunderbar, nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf der Website, Filme, zum Herunterladen und Genießen. »Blixa Bargeld liest Hornbach-Texte. Hornbach-Mitarbeiter lesen Blixa-Texte. Wer machts besser?«. Moment mal. Werbefilmchen für den Baumarkt?

Genau die.

Um es vorwegzunehmen: Doch, es ist schon Blixa Bargeld, der es besser macht. Er macht vertraut dandyhafte Miene zum überzogen pointierten Spiel. Gekonnt präsentiert er die Hornbach-Texte, als wären es einfach nur andere Versionen des Prologs der Neubauten-LP »Haus der Lüge«. »Meint Ihr nicht, wir könnten?«

Ist das Kunst? Ist es gar Musik? Oder beliebige Werbung? Wie beliebig können die Spots sein, bei so einem wie Blixa Bargeld? Einem, bei dem absolut nicht egal ist, was er sagt – oder doch? Noch weit mehr kommt es auf das wie an. »Stimme frisst Feuer« heißt es im Titel eines Buches von Blixa Bargeld, aber die Hornbach-Texte sind »mitunter angezündet ganz munter anzuschau'n«. So einer, der kann eben auch den Fahrplan der Bahn runterrappeln, die Speisekarte beim Eurokoreaner oder §1 der Straßenverkehrsordnung. Das wird alles nach Fleisch und Blut klingen. So einer, der sollte mal als Busfahrer die nächsten Haltestellen ausrufen oder die Uhrzeit am Telefon ansagen.

Macht so einer aber nicht. Stattdessen liest so einer nun aus einem Propekt der Baumarkt-Kette Hornbach vor. Und das ist, um auch das vorwegzunehmen, großes Kino. Keiner, auch nicht Elke Heidenreich, liest derzeit so schön im deutschen Fernsehen. Allein, ach, die Frisur! Blixa, merke, nicht jeder ist zum Professor Snape geboren! Nun ja, wie sagt Blixa, ganz wissend, selbst: »Es gibt immer was zu tun.«

Und weiter spricht Blixa: »YippiejajaYippieYippieYeah!«. So endet jeder der gut zwei Handvoll Filme, in denen ich den großen Blixa Bargeld bestaune. Immer noch der große, alte, schwarzgekleidete Frontmann der nach wie vor großen Einstürzenden Neubauten, und jetzt solo gleich in Serie mit einem ganzen Bouquet an neuen, großen Werken, dem, ich nenne es mal »Hornbach-Reigen«. Jeder Film beginnt mit einem kurzen Einspieler vom Beginn aus »12305(te) Nacht«. Scheppernder Neubautenklang. Stahl. Passt das ins Millieu der Heimwerkerkönige? Was wissen Häuslebauer vom »Haus der Lüge«, auf dessen Dachgeschoss sich einst Gott erschoss, will man denn der Überlieferung durch die Neubauten Glauben schenken? »Auf ins nächste Geschoss, welches, oh Wunder! nie fertiggestellt, nur über die Treppe erreicht werden kann.« Treibt Sie diese Aussicht nicht direkt in die nächsten Baumärkte, um das Allerschlimmste zu verhindern? Der Hobbyheimwerker in Blixa, der Baumarktbegeher, der angesichts hallenhoher Regalfluchten funkelnde Augen bekommt, wie konnte ich ihn seinerzeit bloß übersehen? Es mag heute verwundern, aber es trieb mich damals, gegen Ende der Achtziger, von den Tanzflächen tatsächlich nicht in die Heimwerkermärkte. Vielleicht auch, weil mir damals doch der Bandname irritierend von der Unsinnigkeit und Flüchtigkeit allen Schraubens, Dübelns und Bohrens kündete?

Auch heute irritiert Blixa Bargeld als Hornbach-Werbeträger – und mit dieser Irritation erfüllt er wiederum sein eigenes Klischee vollständig.

Zurück zu den Werbefilmchen, wo der Vortragende inzwischen ins Schwärmen gerät: »Zementschleierentferner. Entfernt (Pause) Zementschleier.« Entschuldigung!? Das ist riesig! Höre ich nicht auch Vogelzwitschern im Hintergrund? Ich sehe mir den Ausschnitt immer und immer wieder an, bekomme einfach nicht genug davon. Dabei geht es noch weiter: »Kalk und Mörtelreste.« Blixa sagts, zieht seinen Hut, das Bild wird aufgezogen, und ich sehe, dass mich das Gefühl von Vogelgezwitscher nicht getäuscht hat, der Schreibtisch, an dem Bargeld sitzt, steht im Freien. Bilde ich mir eine Bunkerkulisse nur ein? Ja. »Yippiejaja (Pause) Yippie (Pause) Yippie (Pause) Yeah!«

Am Ende eines anderen Spots (»Tipp«) mischt Blixa dem Schluss-Jingel sogar die Blaue-Berge-Melodie meiner Kindheit bei, singt beinahe. Bleibt dabei todernst. Der Ton bleibt felsenfest, als würde er Urteile verkünden. Am Ende eines langezogenen, kargen Korridors wartet Blixa auf mich, um mir aus den Leviten vorzulesen. Er sucht mich heim.

So eine Werbung erstaunt in Zeiten, in denen für gewöhnlich blaue, fette, nackte Zeichentrick-Nilperde und mannshohe Küchenschaben ihre Wampe respektive Fühler zu den Beats der neuesten Klingeltonchartbreaker bewegen, denn Blixa Bargeld klingt erstmal nicht nach einem blauen, fetten, nackten Nilpferd, das sich an einer ganz grauenvollen Melodie aufgeilt, einer Melodie, die einem leider immer wieder durch den Kopf geht, etwa beim Verlassen des Hauses, beim Geschirrspülen oder beim rückwärts Einparken.

Nach Küchenschabe, nun gut, danach klang Blixa durchaus schon mal, nach fauliger Erde auch, nach angesengten Mottenflügeln. Wenn Blixa von »Feuchtschäden«, »Quarzit-Polygonal-Platten« und »Salpeter-Entferner« erzählt, dann klingt er ganz vertraut und doch ein wenig anders. Irgendwie einfach gut. Jedenfalls immer viel besser als Ballermann. Viel besser als noch so polyphone Kakerlaken. Er klingt wie einer, der sich schon lange darüber wundern kann, wie ernst er und seine Truppe doch immer wieder genommen wurden und werden. Und jetzt, scheinen die Augen ab und an aufzuflackern, »sitzen die da vorm Fernseher und kaufen mir auch das noch ab, es ist nicht zu fassen!«

»Schlagbohrmaschine«, sagt Blixa, »Schlaaaagbohrmaschine«, mit einer Dynamik, als wäre da die treibende Wucht der Musik der Neubauten auf einer zweiten Spur gewesen, die man entfernt hat. Das ich sowas noch erleben darf! Wie Blixa mit einer Hand zweimal Bedeutung greifend gegen den Horizont streift und dazu »Salpeter... (Pause) ...entferner.« ausruft. Das ist wie ein tiefes Tal voller Erdbeeren und Hühnerhonig.

Anders die »Fuchsienstämmchen«. In Blixas wirklich hinreißender Architektur dieses ganz klein gesagten Wortes liegt das mögliche »schönste deutsche Wort«.

Dann wieder diese Worte wie aus dem Instrumentarium der Einstürzenden Neubauten, ohne Zufall sicherlich. Eine Vision: Das Antlitz des Mannes, der Worte gewohnt mephistophelisch vorzutragen weiß, spiegelt sich auf den aufgerissenen Pupillen von blutjungen Teenagern, die ohne Einblendung von SMS-Klingelton-Download-Nummern schnell unruhig werden. Sie können nicht mehr von diesen elektrisierenden Spots lassen, verlassen nicht mehr ihre Wohnung, waschen sich ihre Füße nicht mehr, starren unterzuckert auf die Fernsehapparate, tappen wahllos auf den klitzekleinen Tasten ihrer kleinen Handys umher. Sie wollen, nein, sie müssen, jetzt gleich, »Schlagbohrmaschine« per SMS verschicken, um im günstigen Abo die hippsten YippiejajaYippieYippieYeah!-Klingeltöne downzuloaden. Aber es wird keine Nummer eingeblendet. Die SMS darf die Stadt nicht verlassen. Kein Klingelton wird empfangen. Das Leben wird, ausgerechnet vom Gedudel-Sender viva, entlarvt: Es ist trist und leer.

Hier greift der Hornbach-Slogan, wenn die verbitterten Halbwüchsigen mit der Binford-Kettensäge nicht mehr aus, sondern in den Supermarkt ziehen: »Es gibt immer was zu tun!«

Aber so weit muss ja es nicht kommen. Auf der Hornbach-Site werden Teenagerträume schließlich doch wahr: »Logos und Klingeltöne, bis der Speicher qualmt? Her damit!«. Ein Klick, schon gibt es das Hornbach-Logo in »klein, groß, als jpg, bmp oder eps« und endlich auch fürs aussätzige Handy »den Jingle als wav und mp3-Datei«. »Klingeltöne, die sich nach Bontempi-Orgel anhören? Nicht bei Hornbach! Polyphon ist Trumph.« – Hieß das nicht früher mal: »Musik ist Trumpf«?

Egal, neue Vision: Jetzt höre ich aus den Obergeschossen der Reihenhäuser und von den Busbahnhöfen her hundertfach das »Piep Piep« des SMS-Empfangs, und sehe, wie sie sich gegenseitig auf ihren Handys anrufen, um sich »Fluginsektenvernichter mit Blaulampe« vorzuspielen. Und endlich darf wieder nach Herzenslust rauf-, runter- und nachgeladen werden, »und zwar je nach Handy im amr- oder mmf-Format. Yeah!«. Amr? Mmf? Grumpf! Das sitzt. Auch ich bin schon zu alt für diese Welt, ich kapier nix mehr. Ich habs verstanden. Danke.

Herr Kolumnist, erlauben Sie eine Zwischenfrage? Meinetwegen. Seit wann zum Teufel sind eigentlich klingeltonchartinteressierte Teenager die Zielgruppe von Baumärkten? Und seit wann kümmert sich die viva-Generation um Zimmerspringbrunnen, mitteldichte Faserplatten und Sanitärobjekte von Alibert? Ist es schon länger so, dass die nachwachsende Generation ihre schulschwänzerischen Vormittage nicht mehr, wie es sich einmal gehörte, vor dem miniMAL-Einkaufswagenabstellplatz verbringt, sondern sich zwischen Regalen voller Schwingschleifer, Raufasertapetenrollen und Diddl-Klobrillen austobt? Und woher, bitte schön, haben die Kids eigentlich das viele Geld, sich eine Heckenschere, ja gar eine Hecke zu kaufen, wenn nicht durch den Verkauf von Raubkopien?

Das alles sollte Sie nicht kümmern.

Die »Früher war alles besser«-Postkarte schaut stumm und ausgeblichen am Kolumnisten vorbei ins Leere und sah auch schon mal besser aus.

Zurück zur Bargeld-Hornbachschen Vermählung. Was die anfangs erwähnte Abstimmung bei viva angeht: Gegen den Blixa hat der Marco mit seinem Vortrag der »Interimsliebenden« doch keine Chance. Ich weiß wirklich nicht, was Hornbach sich bei der ganzen Sache gedacht hat. Oder viva. Die halten das wohl für einen Jux? Oder doch nicht etwa für Avantgarde?

Und Blixa? Der ist wohl einer der wenigen Musiker, die im Baumarkt vielleicht schon seit jeher einen Teil ihrer Instrumente gekauft haben. Und hat auf der vergangenen Tournee der Neubauten etwa keinen Hehl um seine Faszination für zwei gelbe Druckluftkompressoren gemacht. Insofern ist die Chose schon konsequent. Wo früher Presslufthämmer auf und nieder gingen, ruft Blixa heute womöglich »Einsatz in vier Wänden«-Stilberaterin Tine Wittler oder Sägefee und Bohrmutter der Nation Sonja »Do it yourself – SOS – Style, Alm & Home« Kraus zu Hilfe, um die Bühne mal so richtig auf Vordermann zu bringen. Da stellte sich dann erneut die Frage: Jux oder Avantgarde?

Die Antwort finde ich, für einen Augenblick nur, als ein anerkennendes, zufriedenes Grinsen über das Gesicht des Meisters huscht, weil am Ende seiner »Bohrlochschlämme« ein fernes Hupen ein wenig wie Beifall in die Aufnahme fällt. Also wenn Sie mich jetzt fragen, dann ist das ganz großes Kino, das.

Nachtrag vom 28.3.2006: Auf der viva-Website längst nicht mehr erhältlich, bietet Hornbach die Filme tatsächlich weiterhin zum Download und Angucken an! Danke!

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen Kunstgeschichtsstudium, auch Germanistik.

Entdeckte das Internet Ende [..]

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