Diese Kolumne lässt sich auch hören!
»Keine Ahnung mehr, wie es im Wohnzimmer aussah. Weiß nur noch, wie es sich anhörte. Oder
Vom seichten Leiden eines Fans (4)« vorgetragen von Kerstin Pollmann
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Sonntag. Herrlich. Ich wippe mit den Füßen, die Seele baumelt, das Sofa tut seinen Dienst, während ich faulenze. Lektüre gefällig? Musste mich entscheiden zwischen dem letzten, leider jetzt mehr flickenteppichhaften Interviewmagazin »Alert« und dem neuesten, gewohnt briefumschlaggroßen »Salbader«, den ich nun in Händen halte. Muss ihn, leicht störrisch aber, wieder fortlegen, denn Frau Barbra Streisand singt von der großen Platte und müht sich um meine Aufmerksamkeit.
Neulich ist auf unserem Dachboden bei einem nächtlichen Brand der hübsche alte Körting mit der 78er-Geschwindigkeit draufgegangen. Was nun? Soll ich die alten Zehnzöller jetzt mit gut 33 oder 45 UPM anhören, einschmelzen lassen oder mich um einen neuen alten Plattenspieler bemühen?
Frau Streisand interessiert das nicht. Die fließt mit dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen kristallklar durch den Raum. Schon etwas spät für diese Lautstärke. Schon etwas taub gegen Abend. Muss mich jetzt endlich mal konzentrieren lernen und lege jetzt wirklich den Salbader wieder weg, bis die Platte vorbei ist. Naschen kann ich aber noch gleichzeitig. Nehme mir einen Himbeerkeks aus der Ikea-Großraumschachtel, lege den Salbader fort, drücke mich wieder ins Sofa, stehe wieder auf, wende die Platte, drücke mich wieder ins Sofa.
Die Streisand gibt alles. Eine der letzten wirklich guten Scheiben. Anfang der Siebziger? Ende der Sechziger? Hat man früher nicht so drauf geguckt. Also schon, aber nicht auf die Platte geschrieben. Höre eine Ausnahme: holländische Pressung von Einundsiebzig. Sag ich ja. Ich könnte glatt einen zweiten Langspieler nachlegen, aber mehr als 40 Minuten ist das andererseits nicht zu ertragen. Geht Ihnen das auch so?
Die Musik wird ja auch immer länger. Also die CDs. Also voller. Ich bin dagegen! Früher passte auf eine Platte eben nicht viel mehr als zwei mal zwanzig Minuten. Wer ist nur auf die Idee gekommen, CDs müssten auch immer bis zum Rand bespielt werden? Noch dreißig Minuten mehr bitte, Frau Lange.
Ich habe ja früher auch gedacht: »Wieso nur neun Stücke? Da passen doch doppelt so viele drauf!« Als ob ich aber neun Lieder am Stück Zeit habe, mich darauf zu konzentrieren. Und bei CDs entfällt auch noch die Umdrehpause. Andererseits waren Kassetten früher nie zu lang, zwei mal eine Dreiviertelstunde, komisch, wie ging das? Sowieso ein Rätsel, warum normale Kassetten nicht auf normale CDs passen. Die zehn Minuten hätte Philips bei der Erfindung der CD doch auch noch rauskitzeln können, oder? Ich wollte auch schon, hatte dann aber keine Lust, meine alten Tapes seitenweise auf einzelne CDs zu sichern. Na ja, nach dem Brand ist es ja eh zu spät dafür.
Illustration von Martin Rathscheck
So oxidieren die verbliebenen Raritäten weiter auf alten AGFAs, BASFs und TDKs. Nostalgie pur, darf man eigentlich auch gar nicht mehr anhören. Bevor ich noch selber anfange, mit dem Loblied auf die Kassette. Zum Glück ... nein, leider fehlen mittlerweile viele der Kassetten. Wieso konnte ich eigentlich Mitte der Achtziger im Radio meiner Kompaktanlage die ARD empfangen? Total bescheuert! Kann mir das mal jemand erklären?
Habe ich noch diesen hinreißenden Mitschnitt aus dem Spielfilm »Bei Madame Coco«? Nein, habe ich nicht. Verdammt. Damit könnten sie meinetwegen eine CD voll machen, bis zum Anschlag ausnahmsweise. Stattdessen aber lagern hier wenigstens noch Szenen aus dem Film »Die Lachbombe« mit Danny Kaye auf Tape, der wohl seitdem nicht mehr im Fernsehen lief, ebenso wie »Himmel und Hölle« mit der Musik von Angelo Branduardi, die trotz Internets heute nicht mehr erhältlich ist. Auf irgendwelchen italienischen Flohmärkten, wer weiß, da womöglich. Was haben wir da noch? Das Hörspielchen »Gefahr auf Gleis 4« von den Rodgau Monotones. Lange her. Die Rodgaus liefen aber im ZDF, das konnte ich nicht im Radio empfangen, also musste noch mit dem Kassettenrekorder vorm Fernsehapparat im Wohnzimmer mitgeschnitten werden. Aufgebrachtes Nymphensittichgeschrei inklusive. Keine Ahnung mehr, wie es im Wohnzimmer aussah. Weiß nur noch, wie es sich anhörte.
Bei solchen Aufnahmen durfte natürlich bis zum Rand gefüllt werden. Da war jedes Band sowieso zu knapp. Und dann das Drama mit dem Ende der Seite. Gerade jetzt, wo es so spannend, wild und wichtig ist – es darf nicht wahr sein! Liebes Band, halt durch! Werd mir jetzt bloß nicht transparent! Mit scharfem Auge, wachem Verstand und flinken Fingern konnte man dann beim Wenden die Aufnahmelücke auf ein Minimum begrenzen, aber die Katastrophe blieb trotzdem nicht aus: versehentlich nur eine 60er genommen, wo die 90er so eben gereicht hätte. Schiete.
Wenigstens bei Büchern ist immer genug Platz. Sind fast immer randvoll. Gibt auch keine maximale Dicke, über die man sich aufregen könnte, wie ich vergangene Woche am neuen Harry Potter-Band sehen durfte, für den amazon.de sogar eigens Kartons exakt für die Buchgröße falten ließ. Aber das soll jetzt nicht mein Bier sein, ich sollte mich lieber auf Barbra konzentrieren, denn sie singt nur für mich. Nettes Klavier. Randy Newman. Auch erst vor ein paar Tagen mitbekommen, dass Herrn Joels »This Night« im Refrain von Beethoven ist. Wieder was gelernt. Wir hätten uns das Sofa wohl doch schon früher besorgen sollen. An der Stelle, an der es jetzt nach einjährigem Hin und Her steht, war vorher kein Platz zum Beethoven hören. Das geht im Liegen besser, vorher hätte ich mich da hinstellen können, aber wenn man sich im Stehen zu sehr auf etwas anderes konzentriert, fällt man um. Und dann lachen die anderen, auf meine Kosten! Ohne mich. Obwohl, ich bin eigentlich grad allein. Nur sitzen geht jetzt, liegen auch. Vorher funktionierte im Grunde nur tanzen. Vielleicht zu Stevie Wonder. Aber die Dielen quietschen immer mit. Muss nicht sein.
Was hat die Streisand da jetzt gesungen? Schon wieder habe ich nicht auf die Texte geachtet, sondern an dies und das gedacht. Mist. So muss ich es später noch einmal versuchen. Wird sowieso langsam Zeit für die Weihnachtsplatten. Nein, die hab ich Anfang Oktober schon gehört. »Schnitzel and noodles« hieß es da. Amerikaner, verrücktes Völkchen.
Zum Schluss noch eine schöne Szene aus der Fernseh-Ratesendung Familienduell: »Nennen Sie einen Ort, an dem es dunkel ist« – »Gehirn«.
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