.

kolumnen.de

Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

Zur Druckversion Druckversion

Diese Kolumne lässt sich auch hören!
»Habemus Popanz« vorgetragen von Tom Wendt
Hörkolumne als MP3-Datei* (Bitte beachten Sie auch unseren Rechtevorbehalt).

20.04.05

Guido Grigat

Habemus Popanz

Ich könnte täglich kleine Kackebrocken kotzen, wenn ich, was sich allerdings mit etwas gutem Willen recht gut vermeiden lässt, einmal in oder auf die Bild-Zeitung schaue. (Notiz: lange geplantes Lob des Bildblogs endlich mal machen, nicht vergessen!)

Aber heute sehe ich auf dem Titel der Bild wirklich die Überschrift des Jahres.

Titelseite Bild-Zeitung 20. April

Hallelujah

Titelseite der Bild-Zeitung vom 20. April

»Wir sind Papst!«. So heißt es dort. Genial.

Komme mir sehr dumm vor mit dem »Deutschland ist Weltmeister«, das mir nach der Wahl des neuen Papstes durch den Kopf ging.

Wir sind das Volk.

Wir sind Helden.

Wir sind Papst.

Na, das ist es doch.

Dass der Papst dabei doch arg aussieht wie der »Imperator« aus der »Krieg der Sterne«-Saga, ist das Zufall? Aber wären wir nicht sowieso lieber Papst Schnappi I. geworden? War es nicht ein Zeichen, dass just während der Verleihung des Echos an das kleine Telefonliedmädchen der Bildschirm sich verdunkelte und eine Stimme – oder war es eine Laufschrift? – die Nachricht vom Tode Johannes Pauls II. verkündete? Wohl kaum. Gibt es doch wenig, was wir weniger dringend brauchen als einen Papst. Außer dem Lied vom herumschnappenden Krokodil. Oder der markerschütternden Lautstärke von Werbeblöcken im Fernsehen. Und im Ernst brauchen wir auch Kriege, Hunger oder Krankheit nicht. Also gut, es gibt jede Menge Dinge, die überflüssiger sind als ein Papst. Wobei nichtsdestotrotz nur am Rande eine Rolle spielt, wer wen spielt auf der Bühne des Vatikans.

Aber natürlich sind all diese Gedanken undankbare Gedanken, es sind undenkbare Gedanken. Also will ich sie nicht. Und ich kann es mir aussuchen. Immerhin sind wir Papst.

Oder meinte die Bild-Redaktion mit dem »wir« nur sich selbst? Huch? Nein, nein, gottlob, nein.

Trotzdem. Ob die Bild das »Wir sind Papst« auch wirklich mit dem schönen Unterton, den ich da gerne reinlese, geschrieben hat, kann ich nicht wissen. Womöglich meint die das beschworene Wir-Gefühl bierernst, und will uns Eingeborenen im Lande der Verzweiflung einen Halm reichen? Oder mokiert sich die Bild-Zeitung hier doch subtil über die schon wieder ganz pokalsiegbesoffene Menge? Die ganz glaubenstrunkenen Massen? Die großdeutschmeisterlichen Gottesdiener am, immerhin, Geburtstag des »Führers«? Oh Gott, oh Gott.

Ich kann milde, weise und gütig mit dem Kopf nicken, während ich die Antwort niederschreibe: Jawohl. So sei es.

Wie könnte ich mich auch irren – wir sind schließlich Papst!


Aus dem Duden: »Popanz, der; -es, -e (slaw.) ([vermummte] Schreckgestalt; ugs. für willenloser Mensch)«

Seitenanfang

Wie finden Sie die Kolumne »Habemus Popanz«?

wahnsinnig gut!
sehr gut
gut
nicht so gut
schlecht




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Guido Grigat und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihres Kommentars auch auszugweise auf kolumnen.de oder in unserem Newsletter zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Guido Grigat.

Foto: Guido Grigat

Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen Kunstgeschichtsstudium, auch Germanistik.

Entdeckte das Internet Ende [..]

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Guido Grigat

Geschenkt

*

Bei amazon.de hat Guido Grigat einen Wunschzettel mit Geschenkideen hinterlegt.

Lassen Sie sich gerne inspirieren. Herzlichen Dank.

Seitenanfang

Jegliche Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.

© 2000-2010 kolumnen.de – ISSN 1618-3231

Herausgeber/Kontakt | Rechtevorbehalt | Haftungsausschluss

Was verpasst? Meist mehrmals in der Woche plaudert unser Newsletter natürlich über die neuesten Kolumnen, über exklusive Buchverlosungen, Lesungen, neue Illustrationen, Hörkolumnen, englischsprachige Übersetzungen und vieles mehr, was außerhalb des Newsletters kaum Beachtung finden kann. Jetzt anmelden!

Nutzen Sie facebook? Outen Sie sich als unser Fan!

Zehn Jahre kolumnen.de!

Eine wechselnde Auswahl zeitlos lesenswerter Kolumnen-Klassiker ... schon alle gelesen?

Jan Langehein: Das Leben in vollen Zügen (2009) | Stefan Schrahe: Alles frisch (2008) | Wilhelm Ruprecht Frieling: Kau mir mein Ohr ab! (2007) | Stefan Schrahe: Die Vogel-Rochade (2006) | Guido Grigat: Stoiberdeutsch oder Von Nordresfalen und Neuwahlen (2005) | Meike Juhl: Das tragische Obst und Gemüse in meinem Leben (2004) | Dominik Baur: Der kleine Moralist (2003) | Philipp Seidel: Der Amsel-Dialog (2002) | Gerlinde Pölsler: Alle Nacht' umgebracht (2001) | Lutz Kinkel: Pistazie (2000)