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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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19.09.05

Guido Grigat

Saucool

Machtgeil, arrogant, besoffen, realitätsfern – Kanzler Schröders Auftritt bei der gestrigen »Elefantenrunde« war so legendär, wie die achtzehnuhrige Prognose überraschend war. Guido und Edmund hatten schon irgendwie recht, als sie dem arg geknickten Blümchen Angela zu Hilfe eilten und Grinsegerd entgegenhielten, sein Benehmen sei nicht statthaft. Sich da hinzusetzen und die versammelte Mann- und Frauschaft anzublaffen, was man sich denn einbilde, wie man sich das denn wohl vorstelle, kurz: was sie ihn denn alle wollten? Er saß da und konnte einfach nicht anders. Und wenngleich er dabei auch machtgeil, arrogant, besoffen und realitätsfern rüberkam, muss man ihm ein anderes Attribut uneingeschränkt lassen: Der Kanzler war letzte Nacht wirklich saucool.

Und nun diese Aufregung wegen eines Kanzlers, der (fantastisch knapp) verloren hat, aber nicht weichen mag! Wer die Wahl hat, muss auch »Bäh« sagen. Wer wählen konnte, aber nicht wählen war, soll jetzt gefälligst auch seine Klappe halten. Und alle anderen, was wollen denn eigentlich alle anderen? Erst nicht zur Wahl gehen, dann Protest wählen, nun haben doch viele wieder »normal« gewählt. Und keiner dankt es den Deutschen, dass sie bei einer – Petrus sei Dank – guten Wahlbeteiligung relativ wenig Stimmzettel für braune Scheiße in die Schüssel schoben. Zum Vergleich: In den Urnen landeten etwa ebensoviele ungültige Stimmen, Pisa sei Dank. Und sonst? Die Roten wurden gewählt, die Schwarzen, die anderen Roten, die Gelben, die Grünen. Alles auf Demokratie.

Wir sind Papst, und Päpste wählen nicht, obschon sie könnten. Das sagt doch alles? Deutschland ging zwar zur Wahl, hat sich aber nicht entschieden. Deutschland stand vor der Wahl, und es steht weiterhin vor der Wahl. Dennoch sind viele empört. Die Verlierer nämlich. Und hier haben wir zugegebenermaßen ein Problem: so unverschämt wie noch nie zuvor mag keiner den Verlierer spielen. Darf denn auch, wer gewählt wurde, »Bäh« sagen? Und wer nicht gewählt wurde?

Wieso habe ich bei allem monatelangen Koalitionsgedöns in den Medien eigentlich niemals von der Möglichkeit gehört, die große Koalition sei – theoretisch – auch mit einem Kanzler Schröder zu machen? Natürlich lag nicht auf der Hand, dass einer mit spürbaren Verlusten gegenüber der Vorwahl (die nur um Haaresbreite gewonnen worden war) und mit weniger Sitzen und Prozenten als die Union einfuhr, ernsthaft seine Kanzlerschaft fortführen wollen würde. Dennoch ist das so eingetreten und derzeit der Stand vor allen Verhandlungen. Offenbar reichten weder Sachverstand noch Fantasie der berichterstattenden Journaille über ihre hübschen, bunten Umfragen hinaus. Die scheinen sich nun tatsächlich über die Bescherung zu wundern, und wir staunen notgedrungen mit.

Der klügste – und wirklich kluge – Satz, den die großen Medien in den vergangenen Wochen ausspuckten, war Mattuseks Stoßseufzer vom eigenen Genie, das sowieso nie der gleichen Meinung sei wie das tumbe Wahlvolk. Damit dürfte er wohl jedem Wähler aus der Seele gesprochen haben.

Jetzt aber geht es in des Wahlkampfs zweite Runde, auch in den Medien. Und sei es nur, um den Dresdnern I auf die eine oder andere Art zu erklären, was nun zu tun ist. Obwohl sie natürlich nichts tun können. Nun wird mancherorts bereits – niedlich – die Anarchie ausgerufen, von der, nun mal halblang, Deutschland so oder so in Zukunft Lichtjahre entfernt schwebt. Bei SPIEGEL ONLINE heißt es: »Keine Macht für Niemand. Erstmals herrscht Anarchie in Germany.« Wie ist das zu verstehen? Wohl gar nicht. Im schwarzen Deutschland gibt es derzeit eine mehrheitsfähige Linke, die sich aber aus mehreren verständlichen Gründen nicht zusammenfinden will. Kein Block hat die erforderliche Mehrheit, um eine Regierung zu bilden. So what? Alles beim alten, irgendwie.

Natürlich wird Schröder während der »Elefantenrunde« noch gehofft haben, seine SPD würde mittels Überhangmandaten dem Gespenst Union doch noch auf gleicher Augenhöhe im Parlament Paroli bieten können. Daraus wurde nichts. Dumm gelaufen. Soll er deshalb nun kleinlaut beigeben? Er wäre dann doch nicht der Kanzler, den ein Gutteil der Deutschen eben doch als das geringere Übel ansieht, wie es scheint. Die derzeitigen Machtverhältnisse erscheinen doch nicht großartig anders als auch vor drei Jahren, nur mit anderen Vorzeichen. Dass die anderen Vorzeichen natürlich bedeuten, mit anderer Mehrheit, also auch mit anderem Kanzler, ist so selbstverständlich, dass der Kanzler seine Rolle als Suppenkaspar quasi im Überraschungsangriff spielen konnte. Bislang.

Mein Lieblingszitat Gerhard Schröders kommt mir wieder in den Sinn: »Man kann es so oder so machen. Ich bin für so.« Ich auch. Nichts für ungut, Angie, aber ich wünsch der coolen Sau Schröder dabei viel Erfolg. Heide ist ja trotz meiner wiederholten Ermahnungen nicht angetreten, und Angie, du warst für mich bloß die tröstende Gewissheit, dass Freigänger Roland Koch es in vier Jahren nicht schaffen muss, weil du schon da bist. So wie du drei Jahre lang der Trost warst, dass Stoiber es vor drei Jahren wenigstens nicht geschafft hatte. Du bist die beste Möglichkeit der Union, aber damit sind die Möglichkeiten ausgeschöpft. Du bist ganz einfach in der falschen Partei. Hast nach deiner Anfangszeit in der Partei »Demokratischer Aufbruch« einfach die Kurve nicht gekriegt. Du hast dich in der Union in einer kaum ermesslichen Anstrengung irgendwie bis ganz oben geboxt, und nun solltest du die Früchte nicht ernten dürfen? Du sahst gestern Abend todunglücklich aus. Hast du geweint? Hast du darüber nachgedacht, was aus dir wird, wenn die schwarzen Männer dich nicht mehr machen lassen? Dass du an frauenfeindlichen, reaktionären, westdeutschen Macho-Arschlöchern gescheitert sein könntest, mag ich immerhin nicht annehmen. Das wäre einfach zu dumm, und außerdem würden diese Wählerschichten doch wohl nicht ausgerechnet FDP wählen? Was ja augenscheinlich viele Unionsstammwähler getan haben.

Nun jedenfalls leuchtet Schröders joviales Grinsen der letzten Wochen, immer wieder als eine Art Wachkoma missgedeutet, endlich ein: Da hat ihm ein kluger Berater schon vor Monaten gesteckt, dass es ohne die SPD womöglich nicht gehen könnte, und dass dann alles in bester Butter sei. Der Kanzler dürfe dann einfach das Feld nicht räumen, komme, was und wer wolle.

Bleibt Schröder bei seinem trotzigen Kanzleranspruch, hat der alte Gauner es zu guter Letzt womöglich tatsächlich – mit Hilfe der Wähler – geschafft, aus seinem vermeintlichen politischen Selbstmord eine Verlängerung des Ist-Zustands – Regieren mit kleinsten gemeinsamen Nennern – um drei Jahre rauszupokern. Das wäre schon verrückt, ein irrer Coup.

Natürlich, der parteilose Horst Köhler, so ist definitiv anzunehmen, würde – müsste er eingreifen – Frau Merkel mit Kusshand zur Kanzlerin krönen. Wird es soweit kommen? Wird Gerd vorher die Puste ausgehen? Wird Angela Merkel zusammenklappen? Oder werden gar – nichts ist mehr unmöglich – Guido und Joschka grün und gelb vor Neid? Die Linkspartei, von den übrigen Parteien längst in ungeheuerlicher Manier als »undemokratisch« diffamiert, darf sich derweil zurücklehnen. Niemand wird sie um ihre Meinung fragen, niemand um ihre Teilnahme bitten. Oder doch? Oder werden die Deutschen gar nochmal zur Urne gerufen? Ja, nochmal, nochmal, gut!

Wir durften zwar monatelang kaum annehmen, es könnte für Schwarz-Gelb nicht reichen, aber die Deutschen haben sich nun doch anders entschieden. Danke, Deutschland. Warum der Misserfolg der Union nun allerdings der derzeit fast schon bedauernswerten Kanzlerkandidatin zugeschrieben wird, verstehe ich nicht: als vor Monaten die Umfragewerte der Union zwanzig Prozent vor denen der SPD lagen, war doch Merkel ebenfalls Kanzlerkandidatin. Ein paar Versprecher, ein paar kleine Patzer, einige drollige Anekdoten, die nun aber wirklich jedem Kandidaten unterlaufen ... wo bitte soll Angela dabei so viel Bockmist verzapft haben? Wie gesagt, ich denke, die gute Frau war einfach in der falschen Partei. Nichts ist ohnmächtiger als eine Partei, deren Zeit immer noch nicht wieder gekommen ist. »But Angie, Angie, you can’t say we never tried. Angie, you’re beautiful, but ain’t it time we said good-bye?«

Wie auch immer das Wahlnachspiel ausgehen wird, mein Vorschlag, die CSU endlich als eigenständige Partei antreten zu lassen, wird vermutlich nicht umgesetzt werden. Schade. Denn dann hätten Ute Vogts schelmisch-unverschämte Zahlendrehereien um eine »wahre Mehrheit« endlich Hand und Fuß, und die CDU würde mit einem Ergebnis von etwa 25 Prozent mit eingezogenem Schwanz in die Ecke traben.

Und weiterhin gilt natürlich unmissverständlich, was ich schon lange sage: Schröder muss weg! Der Kanzler, der uns vor genau einem Jahr sozusagen noch Tiernamen gab, ist mir in seiner frenetischen Sturheit derzeit zwar noch lieber als die Schattengewächsin der Union. Und auch nach Joseph von Westphalens gutem, altem, bestechendem Ratschlag, Politiker prinzipiell nur noch nach ihrem Aussehen zu wählen, da diese sich in ihren hohlen Phrasen und in ihrer Aktionslosigkeit allesamt zu sehr gleichen, würde Schröder noch punkten, wenn wir die Wahlplakate aus der Wertung nehmen.

Also wählt gefälligst Alternativen!

»Seit zwei Sekunden schon steht die Ampel auf Grün – Der Typ vor mir hat wohl vor, bis zum Morgen hier zu stehn – Ich frag ihn, wie lang er noch bleibe – Und tret ihm ein Loch in die Windschutzscheibe«
(Rodgau Monotones, »Saucool«)

Nachtrag I vom 20.09.:
»Ich fand Schröder furchtbar, nicht saucool. Da kann ich mich auch in die Eckkneipe ›Bier-Brunnen 3‹ setzen, da sind sie reihenweise so saucool. Wenn die Stammgäste von dort jetzt auch alle deshalb gleich das Kanzleramt beanspruchen?« schreibt Leser Simon. Aber, lieber Simon. Sitzen in deiner Eckkneipe wirklich lauter Kanzler? Im Übrigen besteht hier offenbar das Missverständnis, ich fände "coole Säue" gut. Nö, ich mag Windschutzscheiben.

Nachtrag II vom 20.09.:
Ausgerechnet auf der Site der »Welt« fand Axel Scherm diese schönen Worte – von Hans Zippert: »Auf manche wirkte er, als stünde er unter Strom, doch erste Messungen ergaben: Schröder muß radioaktiv angereichert gewesen sein, der Mann war hochgradig verstrahlt. [..]«. Weiterlesen.

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen Kunstgeschichtsstudium, auch Germanistik.

Entdeckte das Internet Ende [..]

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