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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.


19.09.04

Guido Grigat

Gerhard, gib uns Tiernamen!

Nun bezichtigt uns der Kanzler also der »Mitnahmementalität«. Lassen wir mal die kecke Frage beiseite, von welchen Vorbildern und Vertretern sich der geneigte Bürger dies Verhalten am besten abgucken könnte, sondern stellen nur fest, dass der Kanzler a) ein Blitzmerker ist und b) von Jahr zu Jahr immer mehr Stil beweist.

Denn das hat schon was, sein Volk zu beschimpfen. Im Ernst. Und auch der Zeitpunkt ist ideal gewählt: Die Umfragewerte sind ohnehin im Keller, die Parole »jetzt oder nie« gilt eben nicht mehr nur für »unangenehme Wahrheiten«, sondern auch für Pöbeleien. Gut so! Gerhard, gib uns Tiernamen! Versklave uns! Bitte steck uns deinen Finger in den Po! Das tut richtig gut.

Und trau dich, sag doch einfach, was du denkst: »Wenn die Kleinen keine Arbeit finden, sollen sie doch Kuchen essen!«

Aber halt! Vielleicht haben wir dich auch missverstanden. Bis weit in die Mittelschicht hinein reiche dieses Verhalten, sprachst du. Wir haben ganz vergessen, dass das aus deiner Perspektive ja auch etwas ganz anderes heißen könnte als aus unserer Sicht. Dann nehmen wir den Appell zur uneingeschränkten Beleidigung zurück und wollen auch damit zufrieden sein, dass du den Bossen an den Karren fährst.

Überhaupt kannst du schließlich nichts dafür. Dass du dabei noch bockig rüberkommst, macht dich nur noch liebenswürdiger. Belege für deine These hast du nicht, höre ich, aber es gebe sie eben einfach, diese Mentalität, basta.

Aber du hast schon recht, leider.

Und Belege gibt es doch ebenfalls: Du brauchst nur mal in den Spiegel zu schauen.


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© 2000-2010 kolumnen.de – ISSN 1618-3231

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