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»Mein Leben in den Achtzigern und mittendrin Douglas Adams oder
Sich auf den Boden schmeißen, aber daneben!« vorgetragen von Tom Wendt
Hörkolumne als MP3-Datei* (Bitte beachten Sie auch unseren Rechtevorbehalt).

14.05.01

Guido Grigat

Mein Leben in den Achtzigern und mittendrin Douglas Adams oder
Sich auf den Boden schmeißen, aber daneben!

Es ist Sonntag mittag, ich bin unterwegs, im Autoradio höre ich die ersten Nachrichten seit Freitag. Kultautor Douglas Noel Adams gestorben. Viel zu früh. Wie immer. Aber für Adams wird Elton John keines seiner alten Lieder neu betexten lassen. Der Billy Joel in uns allen zieht ein Klavier aus einer fast leeren Zigarettenschachtel und beginnt, mit mir einzustimmen: »Only the good die young«.

Schnell die Tränen wegdrücken, während ich am Fahrbahnrand Halt mache, um meinem besten Freund eine SMS zu senden. Trauer teilen im 21. Jahrhundert. Mit der Jahreszahl 2001 hat uns das Zeitalter der Science-Fiction eingeholt. Lange schon nirgends mehr Staubsauger, die die »2001« im Namen tragen. Die Ikonen der Achtziger dürfen gehen. Und so auch Adams. Wie besser als mit Adams' »Anhalter durch die Galaxis« hätte ich den Weltschmerz Mitte der Achtziger aushalten sollen? Wie überhaupt?

Der Weltschmerz ist nur mehr ein kurzes Stechen. Ich bin wehleidig, aber auch nicht zu dumm, mir einzureden, Adams Tod sei nicht tragisch. Nur ein Autor. Kein Freund oder Familienmitglied. Wo ich mir nicht sicher bin.

Douglas Adams hat mich über meine Jugendjahre begleitet wie kein anderer Schriftsteller. Natürlich hatten Salinger, Dürrenmatt und Remarque was, waren aber Deutschunterricht. Adams war etwas, was meine Lehrer nicht verstanden. Monty Python. Die Rocky-Horror-Picture-Show. Damals anders und schräger und besser als die andern. So fern der Realität, so nah am Leben. Und verflucht poetisch, nebenbei. Oder was bitteschön sind die Szenen, in denen Arthur Dent mit Fenchurch durch die Gegend fliegt, anderes, als wunderbare Poesie?

Ende der Achtziger nahm ich Adams' Romane zu wichtig, wie viele seiner Leser, möchte ich unterstellen. Erschrocken musste ich eines Morgens feststellen: »Die Welt ist gar nicht besser geworden durch sie!« Aber im Rückblick ist immerhin etwas wichtig gewesen. Das ist mir immer noch lieber als »Null Bock«. Aus dem Versuch, den Sinn des Lebens über Adams zu fassen, wuchs so immerhin die eine Erkenntnis: Den ganzen Kram nicht so ernst nehmen.

Adams' Werke und die darin vermittelten Werte, nicht zuletzt auch der immer wieder auftauchende bodenlose Quatsch, sind Teil des Weltkulturerbes. Nicht erst mit seinem Tod. Adams hat mit seinen Romanen, aber auch in unzähligen Vorträgen und mit der Arbeit an seiner Firma »the digital village« Szenarien für eine bessere Welt entworfen.

Das haben, anders verpackt, auch Max Goldt und Joseph von Westphalen getan, aber nach Adams gab es für mich keinen weiteren Autor mit solchem Kultpotential. Von ihm hörte – als ausgezeichneten Erzähler durfte ich ihn vor einigen Jahren in Hamburg vor einem Publikum erleben, von dem Adams sicher gewünscht hätte, es hätte ein paar Handtücher weniger geschultert – hörte ich also und las ich wahre Worte, mal gelassen, mal panisch ausgesprochen, die die eigene Ohnmacht vergessen ließen. Und das Vakuum in meinem Kopf ein wenig füllten. Mit einem Heuhaufen an skurilen Ideen, die doch auch weise Mahnungen zwischen Politik und Poesie waren. Damit überstand ich sogar die ganz späten Achtziger in der frühen Mitte der Neunziger.

Dass Adams nun seit Jahren schon keine Bücher mehr schrieb, hilft uns, die immer mal mehr Lesefutter von ihm ersehnt haben, nun auch nicht mehr weiter. Aber mit dieser Endgültigkeit seines Oeuvres im Nacken fällt der Griff nach den alten, angestaubten Büchern auch leichter. Bevor ich noch mal eben schnell den zehnten Harry-Potter-Band bei amazon vorbestelle, lese ich lieber noch einmal, was ich schon weiß, aber auch längst wieder vergessen habe.

Adams, der immer wieder betonte, wie sehr er selbst das Schreiben der »Anhalter«-Romane gehasst habe, und wie viel lieber er sich mit Zukunftvisionen und -technologien beschäftigte, und insbesondere den Möglichkeiten, die Computer und Internet und die damit womöglich eines Tages tatsächlich einmal einhergehende Verfügbarkeit vieler Informationen jederzeit an jedem Ort der Welt seiner Meinung nach bieten, hat genau dies in den vergangenen Jahren getan, oft vor ungläubigem Publikum, das viel lieber etwas über Marvin, den melancholischen Roboter hören wollte, als davon, wie wir eines Tages unser Leben über unsere Armbanduhr regeln werden.

Adams starb an einem Herzinfarkt. Nicht etwa bei einem Autounfall. Oder an einem infizierten Telefon. Heute sah ich im Fernsehen einen Mann mit einem »Herz-Handy«. Dem ersten GPS-Handy mit EKG-Elektroden. Einfach an die Brust halten, danach werden die Daten an medizinisches Fachpersonal übermittelt. Und im Notfall eilen Rettungskräfte zum Patienten, dessen Aufenthaltsort über Satellit erfasst wird. »Dank militärischer Kartensysteme bis auf den letzten Waldweg genau«.

Für mich klang das durchaus ein wenig nach einem dieser verrückten Apparate, die im »Anhalter« an allen Ecken auftauchen. Adams hätte vermutlich Freude daran gehabt, alle erdenklichen Pannen dieser segensreichen Erfindung auszumalen. Und was das infizierte Telefon angeht, so dürfte uns mit dem nächsten E-Mail-Virus auch diese Zukunft eingeholt haben.

Douglas Adams war der Zeitreisende, der die ihm gewährten Blicke in die Zukunft sehr teuer mit vielen Jahren seines Lebens bezahlte.

Das Jahr Zweitausendeins: Wer wohl das Cover des nächsten Zweitausendeins-Merkhefts schmücken wird? Ein charmant lächelnder Riese mit Herz. Douglas Noel Adams. Die fünfbändige Anhalter-Trilogie, von der es nun gewiss keine weitere Fortsetzung mehr geben wird, wird glattweg eine Renaissance erleben. Vielleicht zusammen im Pack mit Billy Joels Album »The Stranger«.

Das Gute an Menschen mit Visionen: Ihre Visionen überdauern den Tod. Ich weiß nicht, ob ich mich nun doch aufraffen werde, das Computerspiel zum Buch »Raumschiff Titanic« zu spielen. Ich werde noch einmal seinen Reiseroman »Die Letzten ihrer Art« lesen. Und erneut über den nicht zu ortenden Brunftruf des Kakapo-Männchens weinen und lachen. Das ist ja auch das Geheimnis. Wenn Adams (zusammen mit Co-Autor Mark Carwardine) mit seinem Buch über aussterbende Tierarten auch tatsächlich ein paar Tiere gerettet haben dürfte, wichtiger noch war: Er hat eine düstere Grundstimmung in den von ihm gewohnten britischen Humor gepackt, die irgendwo hinter meiner Netzhaut noch immer kreist und kreischt und lauert und zur Wachsamkeit mahnt.

Was aber mache ich, wenn mich beim Lesen die Gegenwärtigkeit des Todes übermannt?

Ganz einfach: Mich auf den Boden schmeißen, aber daneben!

Danke, DNA.


Nachtrag: Das nächste Merkheft hatte dann doch Umberto Eco auf dem Titel.

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen Kunstgeschichtsstudium, auch Germanistik.

Entdeckte das Internet Ende [..]

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