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Wahnsinn frisst Alltag.
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07.08.04

Guido Grigat

»SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück«

Das darf doch nicht wahr sein! »SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück«. Na toll. »Ich hatte mich gerade an die neue Rechtschreibung gewöhnt, und nun das.«. Aber wieso steht da eigentlich ein Bindestrich zwischen SPIEGEL und Verlag, aber nicht zwischen Axel, Springer und AG? Und wieso wird der SPIEGEL in Versalien geschrieben? Und was ist bitteschön die »klassische« Rechtschreibung? Die zu Goethes Zeiten? Oder zu Bismarcks? Wir befinden uns im Erklärungsnotstand.

Und wie hieß es wenig später so schön bei SPIEGEL ONLINE? »Auch führende ostdeutsche Politiker sprachen gegen die Rücknahme der Rechtschreibreform aus«.

Was denn?

Gegen das lückenhafte Zusammenkopieren und Umstellen von Meldungen ist eben weder alte noch neue Rechtschreibung ein gewachsenes Kraut. Oder muss es jetzt eingewachsenes heißen? Angeblich haben die Deutschen die Schnauze voll von der neuen Rechtschreibung und der Verwirrung, die sie gestiftet habe. Dass die Verwirrung vor allem durch diejenigen gestiftet wurde, die von Anfang der Reform an trotz neuer Rechtschreibregeln stur nach ihren alten, nunmehr eigenen Regeln weiterschrieben, ist ebenso unpopulär wie wahr. Dass den meisten Deutschen das ganze Thema eher am Allerwertesten vorbeigehen dürfte, was die Medien aber mit ihrem eigenen Fokus – verständlicherweise – nicht realisieren mögen, ebenfalls. Sommerlochfraß.

Wenn die neue Rechtschreibung angeblich dazu geführt haben soll, dass nun jeder macht, was er wolle, oder aber zumindest für richtig halte, ist das zwar ein Gerücht, aber kein schlechtes. Man könnte das aber auch als Befreiung auffassen. Der Duden bietet derzeit zwei Schreibweisen an, eine im Buch in roter Farbe, eine in schwarz.

Warum gelten nicht einfach beide als neue Rechtschreibung?

Zu babylonischen Zuständen haben die vergangenen fünf Jahre erhitzter Gemüter und heißgelaufener Rotstifte jedenfalls allen Unkenrufen zum Trotz partout nicht geführt. Und auch die Offensive von Springer und SPIEGEL wird nicht zur Sprachenverwirrung führen. Ganz bestimmt nicht. Die werden auch mit gleicher, demnächst also veralteter Rechtschreibung bei ihren roten und schwarzen Schreibweisen bleiben, und Worte wie »Reformstau« oder »Busenwunder« ficht überhaupt nicht an, welche Rechtschreibung gerade in oder out ist.

Eine einheitliche Sprache werden die Deutschen nie sprechen, gegen eine einheitliche Rechtschreibung ist natürlich trotzdem nichts einzuwenden. Oder einzuwänden? Im Gegenteil erleichtert sie die Kommunikation ungemein, sollte man meinen. Doch die Frage ist: wie groß sind die Unterschiede wirklich, zwischen alter und neuer Rechtschreibung? In Deutschland, bekanntermaßen Land der Kompromisse, des Machterhalts und der Reförmchen statt Reformen, ist der Unterschied in einer überwältigenden Mehrheit der Fälle so winzig, dass zwar Deutschlehrer und Schlussredakteure in Ohnmacht fallen, der normalsterbliche Leser ihn aber gar nicht bemerken wird. Droht »Schwammsprach«? Nicht, solange die Bedeutung des Geschriebenen immer klar bleibt! Und die Bedeutung bleibt eben fast immer – natürlich, mit ekelhaften Ausnahmen – klar.

Wo war doch gleich das Problem?

Bei beiden Verlagen, bei denen es »so einfach nicht mehr weiterging«, steht auch nicht zu befürchten, dass bald den Schlussredaktionen der Garaus gemacht werden kann, da demnächst wieder geordnete Zustände herrschten und endlich wieder ein jeder Redakteur wisse, wie er zu schreiben habe – so wie vor Jahren oder Jahrzehnten gelernt nämlich. Nochmal: Kaum einer der Fehler, die den Leser leider immer wieder aus dem spannenden Lesegenuss zu reißen vermögen, dürfte ein Fehler bei der Wahl zwischen alter und neuer Rechtschreibung sein. Die meisten Leser dürften diese Fehler überlesen. Was viel mehr nervt, sind die Worte, die es nun gar nicht gibt, die halben Sätze, die fehlenden Satzzeichen, die Buchstabendreher, die Sinnkipper, die Tippfehler und die Flüchtigkeitsfehler. Was stört, sind die nicht auf korrekten Inhalt überprüften Worte. Was fehlt, sind die irgendwo in der redaktionellen Befehlskette rausgestrichenen Worte. Was übel aufstößt, sind etwa die – dreißig Jahre nach Katharina Blum noch immer – nie verstummenden Volksmeinung bildenden Tiraden der Bild-Zeitung. Hier zeigt sich: Ungleich wichtiger als in ihrer Rechtschreibung ist, was die beiden Verlage in ihrem Journalismus groß und klein schreiben. Beiden ist dabei die Macht anheim, groß- und kleinzuschreiben.

Wenn Bild und SPIEGEL nunmehr zusammen auseinander schreiben, führt ihr uneingeschränkt solidarischer Unmut über eine angeblich »staatlich verordnete Legasthenie« mit Sicherheit zu neuem Unmut: »Mir egal, was die machen, ich mach weiter wie bisher!«. Hier unterscheiden sich die in die neue Rechtschreibung Verliebten keineswegs von den immer noch Gestrigen, wie auch immer die sich nun oder bald wieder schreiben mögen.

Dass gerade in den Verlagen ohnedies viele Rechtschreibweisen bar jeder allgemeingültigen Regel aus den eigenen Häusern stammen und nur dort gültig sind, werden etliche der geneigten Leser zu ihrer eigenen Verwunderung wohl erst nach der Rückkehr zur alten Rechtschreibung erkennen. Schreibt die Bild dann wieder »DDR« mit Gänsefüßchen? Schreibt der SPIEGEL wieder Ibn Ladin statt Bin Laden? Gerade die von Volkes Regeln losgelösten eigenen Schreibweisen sind fortwährend im Fluss. Warum? Wozu? Wieso nicht?

Wenn SPIEGEL und Springer sich derzeit auch gebärden, als seien sie als kleine Jungs einmal in den großen Kessel mit der Buchstabensuppe gefallen: Es wird auch künftig jeder brav sein eigenes Bierchen brauen. Und auch künftig werden mir etwa die Rechtschreibung ebenso wie die Rechtschreibfehler der Bild-Zeitung fast gänzlich verborgen bleiben, weil ich diesen Schund nicht lesen muss. Im Übrigen wäre nach Reichweite, mit der gestern so schön geprotzt werden konnte, das ABC des ADAC wohl das im eigentlichen Sinne richtungsweisende?

Oder wie wäre es mit der beinahe legendären »Feminispräch« der Missfits? An klaren Regeln, um die es den aufständischen Schreibern zurzeit angeblich geht, mangelt es dabei nicht, die männlichen Teile der Grammatik werden kompromisslos verweiblicht. So wird »Päule schreibt mit ihre Füllfedsiehältsie« aus »Paul schreibt mit seinem Füllfederhalter«. Sogar verständlich, ohne die Regeln hier im Einzelnen aufzuzeigen.

Trotzdem möchte ich nicht den Eindruck hinterlassen, als sollte meiner Meinung nach ruhig jeder schreiben, wie er es gerne hätte. Ich korrigiere Fehler, wo ich sie sehe, auch gerne – es sieht doch einfach besser aus, wenn es sich an den bestehenden Regeln orientiert. Diese Regeln sind teilweise so wenig sinnvoll wie das nächtliche Warten vor roten Fußgängerampeln an menschenleeren Straßen. Trotzdem sollten nur deshalb die neuen Regeln nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden, unbrauchbar oder schlechter als die vorigen Regeln zu sein. Vermissen Sie »daß«? Nun ja, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Deshalb lautet eine wesentliche Frage zum Beispiel: Findet ein Zehnjähriger heute das Wort Känguru bekloppt oder ganz normal? Öffnet nicht erst die Weigerung der großen Verlage, sich an die bestehenden Regeln zu halten, heillosem Wirrwarr unter den ABC-Schützen Thür und Thor?

Andere neue Regeln halte ich für keine schlechte Idee, und aufmerksame Beobachter der wieder hochkochenden, aber mittlerweile eigentlich schon jahrzehntealten Diskussion über zunächst »eine«, dann »die« Rechtschreibreform dürften längst in der Lage sein, sinnvolle von unsinnigen Regeländerungen zu unterscheiden. Dass die Reform nur ein Reförmchen war, mag ihr nun tatsächlich den Todestritt verpassen. Wir kennen das aus der Politik.

Hauptsache, man schnappt jetzt nicht völlig über, und »SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Regierung zurück«. Ich hatte mich nämlich gerade von Helmut Kohl entwöhnt.

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen Kunstgeschichtsstudium, auch Germanistik.

Entdeckte das Internet Ende [..]

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