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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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04.07.10

Till Frommann

Was man vom Fernsehen lernen kann oder »If this is a rom-com, kill the director«

Letzte Nacht habe ich sehr wenig geschlafen, und ich wünsche mir im Nachhinein, dass ich die Nacht schlummernd in meinem Bett verbracht hätte. Wenigstens haben mir die Umstände wieder einmal belegt, dass ich mit meiner Theorie über Sitcoms und wie man das Leben sehen kann, wenn man zu viele Stunden mit diesen ach so lustigen Fernsehserien verbracht hat, nicht ganz falsch liege.

Meine Theorie lässt sich auf einen einzigen Satz herunterbrechen, der auf den ersten Blick sehr frustrierend wirken mag. Er lautet: Alles, was immer schlimmer werden kann, wird immer schlimmer. Der Satz klingt desillusionierend, weil er wahr ist. Und was das mit Sitcoms zu tun hat? Kommt ja alles noch, etwas Geduld bitte, verdammt, denn wer sich hetzen lässt, hat sowieso schon verloren, also gebt mir etwas Zeit, ich bin noch sehr müde, meine Gefühle sind aufgewühlt wie ein Blätterberg im Herbst. Und was für ein widerliches Kitschkrambild – alles wird immer schlimmer, auch diese Kolumne.

Ich brauche Koffein, viel Koffein. Ich fühle mich, als hätte mich ein riesiges Monster gefressen und danach wieder ausgekotzt. Das mag drastisch klingen, aber, hey, das ist nah dran an meiner derzeitig gefühlten Realität.

Ich setze mir erst einmal einen Kaffee auf, bevor ich versuche, meine Theorie so verständlich wie möglich darzulegen – und eigentlich bin ich froh darüber, dass ich wissenschaftlich noch nie gut schreiben konnte, deswegen wird dies hier keine Abhandlung, sondern ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht aus meinem mehr oder weniger seltsamen Leben.

Etwas nicht ganz so Schlimmes, das mir heute noch zustoßen könnte, wäre ein Koffeinschock. Eigentlich sind solche Ausnahmezustände auch sehr zu befürworten, weil man durch die Aufgekratztheit merkt, dass man noch am Leben ist. Leider merkt man nicht nur selbst, dass man noch lebt, sondern (wenn alles schlimm läuft) auch die Mitmenschen. Vergangene Woche war ich leicht erkältet und hatte neben meinen üblichen Tassen Kaffee noch die unglaublich dumme Idee, mich mit Grippostad arbeitstauglich zu dopen. In diesen Tabletten versteckt sich nämlich neben Vitamin C und Paracetamol auch noch eine nicht zu unterschätzende Dosis an Koffein. Und wie viel man da ungefragt und störend mit einem Kollegen in Sitzungen tuscheln kann! Und alles wird schlimmer und schlimmer und schlimmer und schlimmer.

Der Kaffee, den ich mir aufgesetzt habe, ist durchgelaufen. Es ist gefühlt die vierte Kanne heute. Aber was sind schon Gefühle? Sie täuschen mich, tricksen mich aus, und am Ende fühle ich mich mies und beschissen und (wenn wir bei Kraftausdrücken bleiben wollen, und das will ich) vom Leben verarscht.

Ich gieße mir eine weitere Tasse ein, gebe etwas Milch dazu und sauge das Koffein in mich auf. Es wird nicht der letzte Kaffee gewesen sein, den ich heute trinken werde, und mit jedem Schluck werde ich hibbeliger sein, aufgekratzter, vielleicht sogar ein ganz klein wenig glücklicher, was sehr erstrebenswert, aber unrealistisch ist.

Ich glaube, dass viele Menschen mehr von Fernsehserien, Unterhaltungsshows und Entertainmentprodukten jeglicher Couleur erzogen worden sind als von ihren Eltern. Das ist die Realität wie ich sie kenne, und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Zum Beispiel bin ich mit »Roseanne« aufgewachsen, mit »Alf«, dem »A-Team«, mit »Eine schreckliche nette Familie«, den »Simpsons« und »Knight Rider«. In der Kombination mit Otto-Waalkes-Kassetten, dem »Mad«-Magazin, den »Ärzten« und dem Satire-Blatt »Titanic« ergibt das eine explosive Mischung, die sich in meinem Zynismus und meinen manchmal sehr schlechten Witzen widerspiegelt. Und, natürlich, auch in meiner Lebenseinstellung.

Später kamen Sitcoms wie »Seinfeld«, »Cheers«, »Frasier« und »Becker« hinzu, und sie machten alles nur noch schlimmer. Denn aus ihnen leitete ich diesen einen, treffenden Satz ab: Alles, was immer schlimmer werden kann, wird immer schlimmer, jawohl. Denn ist das nicht der Fall bei diesen Fernsehserien? Dass die Protagonisten in eine seltsame Situation geraten, sie daraufhin versuchen, daraus herauszukommen und dass sie damit alles nur noch schlimmer und schlimmer und schlimmer machen? Und je öfter man sich solche Sitcoms anschaut, desto mehr übernimmt man unbewusst von dieser Lehre. Gemischt mit persönlichen Erfahrungen bleibt einem nichts anderes übrig als zuzugeben, dass diese Theorie stimmt.

Darauf eine Tasse Kaffee, die mich hoffentlich ein ganz klein wenig glücklicher macht. Und manchmal wünschte ich mir, dass Nächte in der Retrospektive anders verlaufen wären und nicht ständig meine Sitcom-Theorie verifizieren würden.

Danke, Fernsehen. Hätte ich früher doch mehr gelesen. Aber wahrscheinlich wäre es dadurch bloß anders schlimm geworden.

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Till Frommann

Geboren 1978 in Wolfenbüttel und fragt sich seitdem, was das alles soll. Also: Was soll das alles? Studierte ein paar Jahre zu lang Philosophie in Braunschweig, aber auch das gab keine zufriedenstellenden Antworten.

Jetzt wohnt er in Mainz, und auch dort wusste er nicht immer ganz genau, [..]

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