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Wahnsinn frisst Alltag.
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22.03.08

Wilhelm Ruprecht Frieling

Waterboarding wird neuer Volkssport

Ein neuer Volkssport schwappt aus Amerika nach Europa über. Dieser lustige Wasserspaß für Jung und Alt heißt neudeutsch »Waterboarding«. Es handelt sich dabei um eine Wassersportart, die praktisch von jedermann ohne zusätzliche Kosten ausgeübt werden kann und schon im Mittelalter bekannt und beliebt war.

Um mitspielen zu können, sind lediglich eine große Gießkanne, die in jedem Garten zu finden ist, und ein sauberes Tuch erforderlich. Ein Mitspieler wird von den anderen zum »Verdächtigen« bestimmt, zur Stabilisierung auf einen Tisch geschnallt und durch Kissen unter den Füßen in leichte Schräglage gebracht. Damit ist gewährleistet, dass kein Wasser in seine Lungen eintritt und dass kein vorzeitiger Exitus die Spielfreude stört.

Die Mitspieler positionieren sich darauf um den Verdächtigen und bedecken seinen Mund mit dem Tuch, um seine Atmung zu erschweren. Dann wird das Tuch mit Wasser übergossen. Für die Beteiligten ist es lustig, zuzuschauen, wie der Sportsfreund innerhalb kürzester Zeit stark würgt und in schwere Zuckungen verfällt. Er glaubt wohl, es solle ertränkt werden und sein letztes Stündchen sei gekommen.

Nach einer guten Minute wird das Tuch entfernt, und die Gemeinschaft stellt den Verdächtigen auf die Probe. Beispielsweise wird die PIN seines Handys erfragt, oder es werden Fragen nach seinem Intimleben gestellt. Sollte das Opfer bei der Antwort lügen oder mogeln, wird die Prozedur wiederholt, und es gibt eine weitere Ladung Wasser. Selbstverständlich wird aus gesundheitlichen Erwägungen ausschließlich klares Tafelwasser verwendet.

Besonders erfreulich an diesem neuen Volkssport ist, dass er keine sichtbaren Spuren hervorruft und viel besser geeignet ist als Schläge, Stromstöße oder Brandeisen, um die Wahrheit zu erfahren. Fachleute vermuten deshalb, dass Waterboarding bald in allen deutschen Gauen praktiziert wird. Verdächtige Personen können künftig mit diesem Wasserspiel über eventuell begangene Untaten befragt werden. Die »Sag die Wahrheit«-Wasserkur könne sowohl in Parks und Badeanstalten wie auch daheim ausgeübt werden.

Neue Mitspieler finden sich leicht, denn verdächtig ist praktisch jeder. So wird es keinen Mangel an Verdächtigen geben, mit denen sich eine Partie Waterboarding spielen lässt! Besitzer von Perserkatzen sollten Auskunft geben, ob sie heimlich mit dem Iran sympathisieren. Träger dunkler Schnauzbärte könnten befragt werden, ob sie an Umsturz und Revolution denken. Reisende, die aus Kuba, Vietnam, Syrien oder Liechtenstein heim ins Reich kommen, würden angesichts der Wasserkur schnell ihre Verbindungen zu den Schurkenstaaten offenbaren. Die Gästeliste pakistanischer Restaurants eignet sich ebenso gut für einen Einsatz der Wasserfreunde. Auch diejenigen, die am Sonntag den Kirchgang verweigern, bieten sich für die Wasserkur an.

Positiv unterstützt wird der neue Volkssport durch die amerikanische Regierung. Zwar behaupteten verschiedene internationale Medien mehrfach, Waterboarding sei eine routinemäßige Methode des Geheimdienstes CIA und anderer amerikanischer Regierungsbehörden bei der Vernehmung von Terrorverdächtigen. Es sei auch Teil des Trainings der amerikanischen Armee, bei der Soldaten auf Gefangenschaft und Folter vorbereitet werden. Einige Spielverderber sprachen sogar von Verstößen gegen die Menschenrechte und die Genfer Konvention. Papperlapapp! Derartige Behauptungen sind schlicht unsportlich und entbehren jeder Grundlage.

Zu Unterstützung aller Wasserfreunde erklärte jetzt ein Regierungssprecher, die amerikanische Regierung sehe dieses als akzeptable Verhörmethode von Gefangenen an, weil es sich dabei keineswegs um eine Foltermethode handele. Der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney hält die Infragestellung von Waterboarding sogar für »ziemlich dumm«.

Sein Chef, Präsident Bush, stellte sich soeben schützend vor alle Wassersportler und legte »angesichts der Gefahr, der wir gegenüber stehen« sogar sein Veto ein. Denn eine Bande demokratischer Weicheier im US-Senat hatte doch tatsächlich ein Gesetz durchgesetzt, wonach Waterboarding verboten werden sollte. Das wusste Bush zu verhindern: »Das mir vom Kongress übermittelte Gesetz nimmt uns eines der nützlichsten Werkzeuge im Kampf gegen den Terror«, sagte er und spülte das Gesetz den Abfluss hinunter.

Neptun sei Dank, ruft da die Spielvereinigung Waterboarding. Der Schlachtruf: »WASSER MARSCH« wird bald aus vielen deutschen Wohnhöhlen klingen.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, Westermanns Monatshefte, Memo, Feinschmecker und New Yorker. Langjährige Tätigkeit als Verleger und im [..]

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