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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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07.11.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Skype in – skype out

»Schräng, schräng ... Schräng, schräng ...«

Auf meinem Bildschirm macht ein Anrufer auf sich aufmerksam. Es ist ein guter Freund, der das kostenlose Internet-Telefonsystem Skype von Computer zu Computer nutzt und gerade versucht, mich zu erreichen. Mit einem Mausklick nehme ich den Anruf entgegen. Es knistert, und dann donnert eine vertraute Stimme aus meinen Lautsprechern.

»HALLO! HALLO!! – Kannst du mich hören?«

Meine auf hunderttausend Dezibel geschaltete Opern-CD mit Puccinis »Madame Butterfly« dröhnt im Hintergrund. Wo versteckt sich der Schalter, um das Musikprogramm zu stoppen?

»Augenblick noch!«

»HALLO! Hallo!!«

Ich schalte den Soundteppich ab, um dem Gespräch den Hauch einer Chance zu geben und schreie meinen Bildschirm mit dem eingebauten Mikrophon an:

»Hallo, alter Freund, ist alles okay?«

»Hallo! Hallo!«

»Kannst Du mich hööören?«

»Hallo, hallooooo?«

Oh, die Lautstärke ist das Problem! Ich suche den Regler im Menu und schiebe ihn runter. Nun müsste es klappen.

»Kannst du mich jetzt vielleicht verstehen?«

»Ja, ja, ich kann dich gut hören.«

»Na, wunderbar! Wie geht es denn so?«

»Halli, hallo? Hallöööööchen?«

»Ja doch, es ist alles okay. Ich kann dich gut verstehen.«

»Jetzt kann ich dich hören. Benutzt du ein Headset zum Skypen?«

»Nee, ich brülle meinen Laptop an und höre dich über die angeschlossenen Lautsprecher. Und du?«

»Ich spreche in ein kleines Mikrophon, das ich eingestöpselt habe. Es gibt aber irgendwie eine Rückkoppelung mit den Boxen.«

»Ich kann Kopfhörer verwenden. Moment mal.«

Ich suche meine Ohrstöpsel und krame in Schreibtischschubladen. Da liegen sie! Eine Weile benötige ich, sie zu entwirren. Der Anrufer zweifelt an der Stabilität der Leitung.

»Hallo! Hallo?«

»Moment, ich bin gerade dabei, die Kopfhörer einzustöpseln! Gleich geht es los.«

»Klasse. Jetzt scheint es zu funktionieren. Kannst Du mich denn auch sehen?«

»Sehen? Nee, ich sehe nur eine hölzerne Figur in einem Infofenster.«

»Aber du musst mich sehen können, ich kann mich doch selbst sehen!«

»Augenblick, da muss ich wohl erst den Videoempfang aktivieren.«

Ich rühre in den Einstellungen herum und finde nach einer Weile den richtigen Reiter.

»Video aktiviert!«

»HALLO, hallo!«

»Ja, Alter, jetzt sehe ich dich. Du hockst mit der Nasenspitze oben in einem kleinen Bildschirmfenster.«

Anrufer winkt und bewegt sich heftig hin und her.

»Jetzt winkst du! Wunderbare Technik. Aber alles läuft noch ein wenig wackelig.«

»Das ist meine neue Web-Cam, die ist angeblich gut. Aber ich kann dich nicht sehen!«

»Na, ich habe doch überhaupt keine Kamera angeschlossen.«

Der Anrufer wackelt vor seiner Kamera hin und her. Im Hintergrund schwimmt die Gattin des Skypers mit ruderartigen Bewegungen ins Bild.

»Hallo, hallo, gnädige Frau, wie geht es?«

Es brandet ein Dialog zwischen den Eheleuten durch den Raum. »Guck mal hier!« – »Aber ich kann ihn gar nicht sehen. Wo ist er denn?« – »Er hat keine Kamera, aber er sieht uns.« – »Warum hat er denn keine Kamera, du hast doch auch eine?« – »Er hat eben keine, darum können wir ihn nicht sehen.«

Das Bild wackelt wie bei einem Erdbeben.

»Ich kann euch beide sehen, etwas unscharf und wackelig, aber soweit okay. Bohr doch mal in der Nase!«

Anrufer fummelt an der Nase und rutscht dabei aus dem Winkel der Kamera.

»Wunderbar, vielleicht solltest du deine gesamte Wohnung mit Kameras ausstaffieren.«

»Besser nicht. Wer weiß, was alles geschieht, wenn man sich unbeobachtet fühlt ...«

Anrufer rutscht aus dem Blickwinkel seiner Web-Cam.

»Jetzt sehe ich nur noch einen hellen Fleck, und Du bist völlig aus dem Blickfeld verschwunden!«

»Das ist meine Deckenlampe, sieht aus wie ein Ufo.«

Er taucht wieder in meinem Blickfeld auf.

»Ich schalte die Kamera mal wieder ab, dann können wir vernünftig miteinander reden.«

»Genau, mach das, es klingt sowieso alles irgendwie abgehackt durch die Daten, die zwischen uns fließen.«

Anrufer schaltet seine Kamera ab.

»Toll, jetzt ist die Leitung gleich besser!«

»Eigentlich wollte ich mich nur kurz melden. Ich muss nämlich jetzt los. Also dann: bis zum nächsten Mal!«

»Geht klar! Es ist ja auch alles besprochen. Schön, dass wir telefoniert haben ...«

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, Westermanns Monatshefte, Memo, Feinschmecker und New Yorker. Langjährige Tätigkeit als Verleger und im [..]

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