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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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05.06.08

Wilhelm Ruprecht Frieling

Milch macht müde Männer munter

Es war unser Geheimtipp, es war unser Trost: wer sich keine Luxus-Potenzmittel wie Viagra leisten konnte, der schüttete einen Liter Vollmilch in sich hinein, und ab ging die Post. »Frische Milch und gute Butter, hilft dem Vater auf die Mutter!« ermunterte der Volksmund. Doch nun ist das Volks-Viagra bedroht. Milch ist ausverkauft! Wer oder was macht denn nun die müden Männer munter?

Globalisierung kann grausam sein. Erst kopieren die Chinesen schamlos europäische Technologien und bieten sie als Nachbau zum Spottpreis an. Dann wollen sie auch noch mit dem Auto durch die Steppe fahren statt weiterhin den traditionellen Drahtesel zu nutzen. Jetzt, und das ist wirklich der Höhepunkt, wollen sie zu allem Überfluss auch noch unsere gute Milch saufen. Das schlägt doch dem Fass den Boden aus. Und wie reagieren unsere Milchbauern auf diese Nachrichten? Die springen bauernschlau auf das Karussell, drehen an der Preisschraube und drohen mit einem Lieferboykott. Es ist zum Kühe melken!

Während der Verbraucher sehnsüchtig hinauf zur Milchstraße starrt und darauf hofft, dass es bald Milch und Honig regnet, reguliert der Markt sich selbst. Plötzlich sind Milchbubis wieder stark gefragt, ihr Marktwert hat sich über Nacht um ein Vielfaches gesteigert. Milchmädchen werden ob ihrer Rechenkünste verstärkt in Führungspositionen berufen. Die Preise für Ammen als Reservemilchkühe ziehen unvermindert stark an. Und wer bei ebay nach Milch fahndet, der findet inzwischen mehr als eintausend Angebote. Milch ist jedenfalls wieder in aller Munde, und Milchbars feiern Hochkonjunktur.

Fieberhaft werden Lösungen gesucht, um das Vergnügen, Milch zu trinken, möglichst allen Bevölkerungsschichten auch weiterhin zu ermöglichen. Die teuerste Milch ist derzeit die von Mäusen. Ein Liter davon kostet inzwischen 20.000 Euro, denn für einen Liter Mäusemilch müssen rund 4.000 Mäuse gemolken werden. Nun liefert eine einzelne Milchkuh zwar rund zehntausend Liter pro Jahr, aber auch hier wird der Liter in Kürze den Preis für Benzin locker überholen. Die Kuh wird auf diese Weise zum Goldesel, und es wird nicht lange dauern, bis die genetische veränderte Superkuh ein Vielfaches dieser Menge ausscheidet.

Deutsche Kühe werden jedenfalls mit modernster Gentechnik auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe »redesigned«, bis sie alle blond sind, jede Menge Bier saufen, das Zwanzigfache an Milch höchster Qualität geben und zweihundert Stundenkilometer schnell laufen können. Leider fordern die Kühe dreizehn Wochen Urlaub im Jahr und dürfen dem Bauernverband beitreten.

Da der Berliner Zentralregierung inzwischen sogar der Latte für den Milchkaffee ausgegangen sein soll, schlagen engagierte Sozialpolitiker Notmaßnahmen vor. So könnten »Milky Ways« in Wasser gelöst werden und dieser Milchersatz an die Almosiers unserer Gesellschaft ausgeschenkt werden. Experimentiert wird auch mit in hoher Potenz homöopathisch aufgelöster Milka-Schokolade. Keinesfalls besteht kein Grund zur Panik: unsere Obrigkeit hat alles im Griff und wird in Kürze Bezugsscheine für Milch ausgeben, damit alles gerecht verteilt wird.

Dabei bleibt ein Wermutstropfen: Vermögenden bleibt der Weg in illegale Milchhöllen, wo unter dem Siegel der Verschwiegenheit reimportierte Milch ausgeschenkt wird. Wo früher die Korken der Champagnerflaschen knallten, wird heute Stuten- und Kamelmilch ausgeschenkt und von den Körpern junger Osteuropäerinnen geschleckt. Und auch das tägliche Kleopatra-Schönheitsbad in Eselsmilch wird nur noch denjenigen Damen möglich sein, die zu den oberen Fünfhundert zählen.

Jungs sind wie Milch: wenn man sie stehen lässt, werden sie sauer, hieß es once upon a time. Ich verkleide mich jedenfalls künftig als Milchbubi und werde ein Lotterleben in Milch und Honig führen.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, Westermanns Monatshefte, Memo, Feinschmecker und New Yorker. Langjährige Tätigkeit als Verleger und im [..]

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