Wir Männer haben viele unterschiedliche Wohlfühl-Habitate. Für mich ist es die Sofaecke (im Sommer auch der Strand), für Klaus ist es der Hobby-Keller mit der Elektrischen Eisenbahn, für andere ist es das Fitness-Center, der Garten oder die Kneipe. Die wenigsten Männer aber fühlen sich im unübersichtlichen Gelände der Kaufhäuser, Drogerien und Shopping-Malls ihres Lebens noch sicher. Dort lauert die Langeweile, die Stressübertragung und für manche vom vielen Passiv Shopping vorzeitig verschlissene Männer gar der Bandscheibenvorfall. Das Passiv-Shoppen ist akut gefährlicher als das Passiv-Rauchen. Nie habe ich gehört, dass ein Mann beim Passiv-Rauchen einen Bandscheibenvorfall erlitten hätte (und vor Lungenkrebs schützt Shoppen auch nicht).
Unter der brennenden September-Sonne von Marseille bin ich nun schon Stunden lang dem Passiv-Shoppen ausgesetzt. In der Canebière bläst mir der Mistral die Kassenzettel an die Stirn und Mademoiselle Générale gibt hinreichende Kommandos: »Viens!«, »À droite!«, »Attends!« Sie ist sowohl ans Wetter, als auch an die hiesige Geschäftssprache und an das für die weibliche Apperzeption allein geschaffene Shopping-Umfeld angepasst. Ich hingegen versuche mir umständlich mit den von Boutique-Taschen gefesselten Händen den Schweiß aus den Augen zu halten. Ich könnte auch ganz tranquille in einem schattigen Straßencafé sitzen und die Zeitung lesen, wie es sich für Männer mit Leinenhosen im provenzialischen Spätsommer gehört. Stattdessen hechele ich hinter der Mademoiselle her, heuchle Interesse und versuche – während ich in irgendeinem Shop apathisch aufs Kommando zum Weitermarschieren warte –, mich mit Gedankenspielen und Phantasien vor dem zerebralen Regress zu bewahren.
Bei WomenSecret frage ich mich zum Beispiel, ob die Unterwäsche-Models die beim Foto-Shooting (ein sicher auch anstrengender und schweißtreibender Job) getragenen Culottes behalten dürfen. In meinem Bewusstseins-Limbo ersinne ich Theorien; beispielsweise, dass die vielen Werbe-Close-Ups auf gründlich gewachste Bikinizonen, auf wohlgerundete Hintern und die gewölbten Lippen der blutjungen Lingerie-Models in den Dessous-Abteilungen nur für Männer wie mich gemacht sind, damit wir uns nicht dem Passiv-Shoppen verweigern und Gesetze dagegen verfassen, sondern etwas anregendes zu schauen haben, während unsere Frauen shoppen. Porno light, der Zweck heiligt die Mittel. Alles Blut in die Unterhose, der Geist glimmt auf Sparflamme und das reicht um den Geldkreislauf zu erhalten.
Illustration von Martin Rathscheck
Blut im Kopf ist nutzlos, wenn es nur darauf ankommt, dass ich im richtigen Moment das richtige Gesicht mache oder einen der vorab gespeicherten Sätze abrufe: »Das steht dir sehr gut!« Dieser Satz bedeutet, dass der Kaufvorgang für einen Artikel endlich abgeschlossen werden kann. Es ist eine der Trigger-Phrasen, die wir Männer benutzen, wenn wir spüren, dass unsere Frauen nur noch einen kleinen Schubs brauchen, um eine Entscheidung zu treffen. (Gestern am Strand habe ich im Spiegel einen Artikel über die Intelligenz des post-pawlowschen Hundes gelesen.) Ein anderer Trigger-Satz ist: »Der Schnitt ist komisch!« Das schiebt alle Schuld auf den Designer des Kleidchens und der Kaufvorgang wird sofort abgebrochen, ohne dass man so unglückliche Sachen gesagt hätte wie: »An den Oberschenkeln hast du kräftig zugelegt!« Mit einem Teelöffel Restverstand sage ich »Das steht dir sehr gut!« Das Kleidchen wird gekauft, wir gehen rüber zum Eisverkäufer.
Mit einem Erdbeer-Sorbet in der Hand geht's weiter zum nächsten Kaufhaus, Mademoiselle leckt und trällert zwischendurch Gainsbourg: »Je T'aime ... Moi Non Plus«. Nach 35 Minuten umherschauen – meine Bandscheibe ist kurz davor, sich mit mir zu überwerfen – sagt die Mademoiselle: »Die haben hier nichts für mich, das habe ich gleich gesehen. Ist nicht mein Stil.« Das Urteil muss dann noch durch Anprobieren von zwölf tatsächlich abstoßenden Kleidungsstücken begründet werden. In solchen tumben Momenten bleibt einem Mann nur ein Trost: Andere Frauen beim Shoppen beobachten. Das ist wie am Strand, wie ich gestern (Was für ein paradiesischer Tag!) noch feststellen durfte: Die Frauen der anderen Männer sind interessanter, genau in dem Maße, wie die eigene Frau für die anderen Männer interessanter ist als deren eigene Frauen. Nie würde ich einem fremden Mann übel nehmen, wenn er meine Frau beim Shoppen anstarrt. Während sich die Hände seiner Frau gedankenverloren durch die aufgereihten Kleider fühlen, ruhen eben meine Blicke auf ihrem Arsch. Wir Männer sitzen alle im selben Boot und hacken dem anderen kein Auge aus.
Nach satten dreieinhalb Stunden – meine Spreiz- und Senkfüße haben endgültig nachgegeben und sind nur noch taube Klumpen (ich wurde schon vor fünfzehn Jahren ausgemustert, aber Mademoiselle Générale verachtet faule Ausreden gegen lange Fußmärsche) – sagt die Mademoiselle dann: »Chouchou, du wolltest doch auch noch was besorgen! Allez!« Was ich brauche, ist dann in zehn Minuten herbeigeschafft: etwas Tee, eine Zeitung und Oliven-Tapenande. Einen Pullover und ein T-Shirt kaufe ich im Vorbeigehen ohne hinzusehen, fünf Minuten bevor die Shops endlich schließen. Der Mistral lässt nach, aber die Hitze sitzt mir noch klebrig unter den Achseln. Ich schleiche mit Taschen und Tüten behängt hinter der Mademoiselle Générale her, die bereits für morgen den nächsten Feldzug nach Avignon plant und ab und zu nach hinten fragt: »Chéri, wo bleibst du?« »J'arrive!« stöhne ich und denke, ich bleib' dann morgen mal am Strand: Zeitung lesen, Bandscheiben schonen, Füße baden. Und, ja: Frauen fremder Männer beobachten.
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