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Wahnsinn frisst Alltag. Alltag frisst Wahnsinn.

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25.11.08 - 28.11.08

Gilbert Dietrich

Bürotemperamente

Auf Hippokrates und die Viersäftelehre gehen die hier im Büro beobachteten vier Temperamente zurück: die aufbrausende gelbe Galle, das spielerisch pulsierende Blut, der zähe Schleim und die verbrannte schwarze Galle. Eine Persönlichkeit ist gesund und ausgeglichen, wenn sich diese Komponenten in ihr harmonisch mischen. Wie wir wissen, bringt der Büroalltag jedoch nur das extremste in einem Menschen hervor. Im Büro treffen wir keine ausgeglichenen Menschen, sondern den Choleriker, den Sanguiniker, den Phlegmatiker oder den Melancholiker in Reinform.

Der Choleriker im Büro

Auf Arbeit ist der Choleriker am wahrscheinlichsten auf der Chefetage anzutreffen. Er ist eine geborene Führungspersönlichkeit. Er hat wenig Skrupel Bleistifte zu zerbrechen, Untergebene anzuschreien oder auch mal mit einem Dossier zu werfen. Der Choleriker ist ungeduldig und will, dass die Dinge erledigt werden, sofort. Man darf den Choleriker nichts fragen. Er gibt gerne Anweisungen, aber nie Ratschläge. Ein typischer Dialog zwischen dir und dem Choleriker sieht so aus:

»Chef, wie soll ich dem Kunden denn diese unrealistische Gewinnchance plausibel machen? Wir haben doch nicht einmal eine Marktanalyse gemacht!«

»SCHEISSE, SCHMIDT! Das ist mir ziemlich schnurz! Ich bezahle Sie doch nicht, damit Sie mich fragen, wie Sie Ihre Arbeit machen sollen. Machen Sie jetzt, dass der Kunde unterschreibt!«

Der Choleriker wird von Erfolg angetrieben. Es macht ihm dabei gar nichts aus, nicht gemocht zu werden. Im Gegenteil, Furcht und Abneigung seiner Mitarbeiter künden dem Choleriker von Respekt und sind ihm Zeichen seines Erfolges. »It's lonely at the top ...« summt er vor sich hin. Der Choleriker lässt sich gerne für die Errungenschaften seines Teams feiern. Wenn er dann gut gelaunt ist, haut er dir auf den Arsch und macht zotige Witze. Sollte dank seiner Anweisungen jedoch irgend etwas schief gehen, werden unterstellte Kollegen öffentlich mit zerbrochenen Bleistiften beworfen oder ausgepeitscht. Macht über andere ist für ihn Bestätigung seiner Unfehlbarkeit. Im Bett ist der Choleriker oft Masochist und ejakuliert bei Kontrollverlust, aber das ist ein anderes Thema.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Der Sanguiniker im Büro

Auf Arbeit ist der Sanguiniker oft der Pausenclown und Freund des Cholerikers. Meistens trägt er schrille Hemden und Krawatten mit aufgedruckten Disney-Figuren. Er sei gut fürs Team, weil er Spaß bringe und die Leute bei Laune halte, glauben er selbst, sein cholerischer Chef und alle Managementseminaristen. Dass der Sanguiniker seinen Kollegen schier auf die Nerven geht, sehen sie nicht. Der cholerische Chef duldet den Sanguiniker neben sich, denn intuitiv weiß er, dass dieser Harlekin ihm keine Konkurrenz ist. Der Sanguiniker kann seine Klappe nicht halten und mischt sich ständig in anderer Leute Gespräche ein. Er hat es schwer, etwas zu vollbringen, das seine Konzentration länger als 50 Sekunden in Anspruch nimmt. Generell akzeptiert er nur solche Aufgaben, die hektische Team-Aktivität erfordern und ihn vor dem Choleriker gut aussehen lassen. Oftmals dekorieren die Sanguiniker deshalb das Büro, während der Rest der Kollegen für den Cash Flow sorgt. In deinem Büro ist der Sanguiniker der erste, der ein iPhone hat; Status ist ihm wichtig. Er ist ständig am Twittern. Sein Ego ist groß, und er will geliebt werden. Je hartnäckiger du ihn ignorierst, desto verbissener wird er versuchen, deine Anerkennung zu gewinnen. Wenn er wieder mal seine 50 Sekunden hat, wird er dir gerne eine E-Mail schicken, dein Chef und dessen Lieblingskunde sind in Kopie:

» Sehr geehrter Kollege,
bitte senden Sie unserem lieben Kunden XYZ das Marketingstrategiepapier, mit dessen Abschluss ich Sie letzte Woche beauftragt hatte.
Mit freundlichen Grüßen «

Fassungslos blickst du zwölf Minuten auf die E-Mail und erinnerst dich dann an den handgeschriebenen Zettel mit der Strichmännchen-Skizze, den der Sanguiniker letztens verlegen auf deinem Schreibtisch hinterlassen hatte wie Omas Waldi seinen Scheißhaufen vor dem KDW. Eigentlich sollte der Sanguiniker dir zuarbeiten. Du erledigst es dann aber doch lieber alleine, um keine Szene zu machen und Zeit zu sparen. So tanzt der Sanguiniker durchs Leben und fühlt sich großartig dabei. Vom Choleriker wird er missbraucht, vom Phlegmatiker bewundert und vom Melancholiker verachtet. Auf dem Sterbebett ist der Sanguiniker oft erfüllt von später Erkenntnis und unendlicher Reue, aber das ist ein anderes Thema.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Der Phlegmatiker im Büro

Wenn er dürfte, käme der Phlegmatiker gern in Jogginghosen, Pantoffeln und weiten Sweatshirts zur Arbeit. Er nimmt immer den Lift in die zweite Etage zu seinem Schreibtisch. Dort angekommen sitzt der Phlegmatiker erst einmal regungslos vor dem Bildschirm. Seine Physiognomie zeugt dabei von totaler Motivationslosigkeit. Der Mund ist leicht geöffnet, der Blick geht glasig durch den Bildschirm hindurch, die Arme hängen herunter und das Rückgrat ist gekrümmt. Zeitweise zeugen nur das Blubbern und ein fauliger Geruch von Restvitalität tief im Innern des Phlegmatikers. Das kann bis zu 50 Minuten so andauern. Plötzlich erhebt sich der Phlegmatiker. Er geht zum Klo, pendelt dann zum Kühlschrank und füllt sich schließlich wieder in seinen Stuhl. Gegen 16 Uhr wird er seufzen und in einer Art Eruption eine Stunde arbeiten, bevor er dann völlig ermattet in sich zusammenfällt, um Kraft für den Nachhauseweg zu sammeln. Der Phlegmatiker wird in der Regel nichts sagen, es sei denn, man hat ihn an einem seiner guten Tage erwischt (ausschließlich im Sommer). Dann ist er meistens sehr freundlich bis klebrig-kumpelhaft.

Der Phlegmatiker hat es nicht leicht bei seinen Kollegen. Er bewundert den Sanguiniker, dieser verachtet ihn jedoch, denn er repräsentiert Stillstand und Langeweile. Der Phlegmatiker fürchtet seinen cholerischen Chef. Der redet kein Wort mit dem Phlegmatiker. Er geht ihm aus dem Weg und wird sich hüten, dem Phlegmatiker die Hand zu geben. Er fühlt sich erstickt von der sackigen und schläfrig-warmen Aura des Phlegmatikers. Der Phlegmatiker kann sich oft selbst nicht leiden und identifiziert gerne eine äußere Instanz, die ihn zum Misserfolg verdammt. Das geht soweit, dass er den Computer so mit Daten vollmüllt, dass dieser 50 Minuten benötigt, um Windows zu laden. Der Phlegmatiker klumpt oft zusammen mit anderen phlegmatischen Kollegen. Sie stecken frustriert ihre Köpfe zusammen und ziehen sich gegenseitig noch mehr runter, indem sie sich sich über die Unerträglichkeiten des Arbeitslebens beschweren:

»Ich bin heute wieder nicht aus dem Bett gekommen, das Wetter zieht mich so runter!«
»Ich weiß! Furchtbar. Ich musste heute im Bus hierher die ganze Zeit stehen. Jetzt bin ich fix und alle, dabei muss ich noch einen Bericht fertig schreiben.«
»Bei mir kam heute kein heißes Wasser aus der Dusche und der Kaffee war kalt, als ich endlich zum Frühstück kam. Scheiße, noch zwei Stunden bis zur Mittagspause. Weiß nicht, wie ich das durchstehen soll. Ich glaube, ich krieg 'ne Verstopfung.«

In der Regel kommt der Phlegmatiker gut mit dem Melancholiker aus. Dieser duldet ihn, so lange er ihm nicht zu nahe rückt, sich beschwert oder versucht, Freundschaft zu schließen. Durch ihre Interaktionsarmut sind sich die beiden in der gesammelten Kollegenschaft je das kleinere Übel. Dem Phlegmatiker widerfahren mitunter vermeidbare Unfälle. Bei Ableben kann es einige Wochen dauern, bevor der Hausverwalter den mumifizierten Phlegmatiker auffindet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Der Melancholiker im Büro

Der Melancholiker ist der einzige, der anständig durchs Arbeitsleben kommt. Er ist pragmatisch und weiß, dass alles was er tut, letztlich sinnlos ist. Er arbeitet still vor sich hin, um es hinter sich zu bringen. Der Melancholiker braucht das Geld für Brot, Bett und Alkohol. Statussymbole sind ihm egal. Im Büro trägt er Turnschuhe aus der vorletzten Saison, ein T-Shirt und bequeme Jeans. Der Melancholiker braucht sportliche Kleidung schon deshalb, weil er täglich die 16 Stockwerke zu seinem Schreibtisch zu Fuß erklimmt. Der Gedanke 40 Sekunden mit seinen schwitzenden und plappernden Kollegen zusammen in einem Aufzug zu stehen und zum Small-Talk gezwungen zu sein, ist ihm ein Horror.

Der Melancholiker bemitleidet seine Kollegen, die entweder dem Herzinfarkt zuarbeiten, sich vor allen zum Clown machen oder an ihrer eigenen Unfähigkeit verzweifeln. Obwohl der Melancholiker eine gesunde Abneigung gegen seine Mitmenschen hat, trägt sein Mitleid erstaunlich weit. Er hilft, wenn er kann, denn das Chaos, die Irrationalität und den Mangel an Perfektion um ihn herum findet er unerträglich. Der Melancholiker kann sich jedoch auch zurücklehnen und mit perversem Kitzel beobachten, wie die Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker an ihren kombinierten Unzulänglichkeiten scheitern. Es bestätigt sein Wissen um die Sinnlosigkeit allen menschlichen Tuns.

Die Spannung zwischen innerer und äußerer Welt des Melancholikers ist enorm. Obwohl dem Melancholiker ein moralischer Standpunkt unmöglich ist, verhält er sich nach außen sozial kompatibel. Er möchte sich und mithin anderen das ohnehin lächerliche Alltagsleben nicht noch schwerer machen. Da dem Melancholiker primitive Regungen wie Schuld, Stolz oder Ehre fremd sind, wird er als sehr umgänglich, tolerant und anpassungsfähig wahrgenommen. Der Melancholiker ist das produktivste und dabei am wenigsten sichtbare Team-Mitglied. Er nutzt Strukturen und Strategien, die sich als erfolgreich erwiesen haben und lehnt Experimente ab. Der Melancholiker lenkt gerne von seinen Erfolgen ab und lobt lieber den Phlegmatiker und den Sanguiniker, weil die es nötiger haben. Dialoge mit Kollegen sind rar, Selbstgespräche können jedoch beim Melancholiker häufig beobachtet werden:

»Ok, was will die Knallerbse von einem Chef jetzt wieder von mir? Sales-Pitch? Mit unseren beschissenen Produkten? Es wäre einfacher, dem Kunden auf die Latschen zu kacken und das ganze als Schuhcreme zu vermarkten. Egal, ich schick es einfach raus. Ist ja nicht mein Laden. Vielleicht machen wir hier endlich dicht und ich muss nicht mehr jeden verdammten Tag für den Kommerz-Zirkus dieser Idioten arbeiten.«

Der Choleriker achtet den Melancholiker wegen seiner Produktivität, die er als Can-Do-Attitude missinterpretiert. Die kühle Rationalität des Melancholikers ist ihm jedoch unheimlich. Der Sanguiniker hält den Melancholiker für sterbenslangweilig, fühlt sich jedoch von dessen Intellekt eingeschüchtert und an die Wand gespielt. Der Phlegmatiker verehrt den Melancholiker, er fühlt sich von ihm auf eine oberflächliche Weise geachtet und missversteht die Hilfsbereitschaft des Melancholikers als Nächstenliebe. Seine Sex- und Lebenspartner objektiviert der Melancholiker bis zum Sadismus. Sein Lebensabend erfüllt sich in zwanghaftem Sortieren verschiedengroßer Schrauben und Muttern in Margarinebechern. Aber das ist schon wieder eine anderes Thema.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

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Gilbert Dietrich

In Berlin-Pankow geboren. 10-jährige Polytechnische Oberschule, Beginn einer Ausbildung beim Fernsehen der DDR. Dann unerwartetes Ende des Sozialismus: Fahrradkurier, Laufstegkarriere, West-Abitur und Studium der Philosophie und Literatur an der Humboldt-Universität, Lehrtätigkeit an der Brown [..]

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